Elektro-Krampf-Therapie

Stromschläge wider die Traurigkeit

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Gesellschaftlich ist sie nicht unumstritten, für Mediziner indes gilt ihr Nutzen als klar erwiesen: Die Elektro-Krampf-Therapie (EKT) kann Menschen mit schweren Depressionen helfen, ihnen sogar das Leben retten. Am Klinikum Höchst kommt die Methode seit 1986 zum Einsatz. Nun bittet der Förderkreis des Krankenhauses um Spenden, um ein neues EKT-Gerät anschaffen zu können.

Sie lähmt einen. Erstickt einen förmlich. Raubt einem alle Kraft, alle Lebensfreude, alles Licht. Wer eine schwere Depression erlebt, für den erscheint der Tod oft als der einzige Ausweg. Gesunde Menschen können sich nur schwer vorstellen, wie es sein muss, wenn da nur noch Leere ist, tagein, tagaus. Können nicht begreifen, was in jemandem vorgehen muss, der sich wie Ex-Nationaltorhüter Robert Enke das Leben nimmt, obwohl er eigentlich alles hat, was es zum Glücklichsein braucht. Für Privatdozent Dr. Dr. Michael Grube, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Höchst, gehört diese Sinnlosigkeit zum Alltag – von Berufs wegen. 80 Prozent seiner Patienten leiden an schweren Depressionen, 12 Prozent zeigen psychotische Symptome wie Wahnvorstellungen oder Halluzinationen.

Um ihnen zu helfen, haben Grube und seine Mitarbeiter zahlreiche Möglichkeiten – Psycho- und Lichttherapie beispielsweise, Kunst- und Bewegungsangebote, Gruppentherapie, außerdem Medikamente wie Antidepressiva und „Mood Stabilizer“ (Stimmungsaufheller). Doch was, wenn all das nicht hilft? Dann kann die Elektro-Krampf-Therapie (EKT) möglicherweise Linderung schaffen. Mittels elektrischer Impulse wird bei Betroffenen unter Narkose gezielt ein epileptischer Anfall ausgelöst (siehe Box). Was sich brutal anhört, ist aus Sicht Grubes „eine lebenserhaltende Maßnahme“, weil die Patienten „hochgradig selbstmordgefährdet“ sind. „Das ist die Gruppe der Patienten, bei der sehr viele tatsächlich an einem Suizid sterben“, sagt Grube, der zwischen jenen unterscheidet, die „nur“ versuchen, sich das Leben zu nehmen und jenen, die es auch tatsächlich tun.

80 Prozent dieser Patienten könne die EKT helfen, sagt Grube. Zwischen fünf und acht Krampfbehandlungen sind im Schnitt nötig, um schwere Depressionen zu lindern. Nebenwirkungen gebe es kaum, so Grube. Für die Zeit unmittelbar vor und unmittelbar nach der Behandlung komme es zu einem Gedächtnisverlust. „Das ist analog zu einem Reset beim Computer“, schildert Grube. Darüber hinaus auftretende kurzzeitige Orientierungsstörungen und Probleme bei der Merkfähigkeit legten sich in der Regel binnen eines Tages. Bei Patienten, die erst kürzlich einen Herzinfarkt hatten, bei denen die Arterien verengt oder erweitert sind, darf die Methode nicht angewandt werden.

Im Anschluss an eine Elektro-Krampf-Therapie könne die Erkrankung mit Psychotherapie und Medikamenten behandelt werden. Vorher sei dies aussichtslos, betont Grube. „Menschen, die derart schwere Einschränkungen haben, können oft erst dann mit Psychotherapie etwas anfangen, wenn wieder eine Grundkonstitution hergestellt ist“, weiß der Experte. Natürlich könnten die Depressionen irgendwann auch wieder schlimmer werden. „Diese Depressionsform verläuft in Phasen“, schildert Grube. Allerdings seien die Patienten darauf geschult, Warnsignale rechtzeitig zu erkennen, um bei einem Rückfall möglichst früh eingreifen zu können.

Den Vorwurf, die Elektro-Krampf-Therapie sei Folter, weist Grube entschieden zurück. „Aus meiner Sicht ist es Folter, einem schwer leidenden Patienten dieses Verfahren vorzuenthalten.“

Seit 1986 kommt die EKT in Höchst zum Einsatz. Allerdings ist das Gerät in die Jahre gekommen, das aktuell für die Therapie verwendet wird. Beinahe 20 Jahre ist es alt. „Wir brauchen ein modernes Gerät, damit wir unsere Patienten möglichst nebenwirkungsarm und schonend behandeln können“, sagt Grube. Das kostet zwischen 25 000 und 30 000 Euro. Eine Summe, die das städtische Klinikum nicht mal eben so aus der Portokasse zahlen kann.

Deshalb möchte der Förderverein des Klinikums helfen. Dass die Methode für manche umstritten ist, schreckt Vereinsvorsitzende Margrit Weißbach nicht im geringsten. Sie hat im eigenen Bekanntenkreis beobachten können, wie das Verfahren helfen kann. Weißbach berichtet von einem Freund, der über viele Jahre an sehr schweren Depressionen gelitten habe. „Alle haben gedacht, der kommt aus diesem Elend nicht mehr heraus“, schildert Weißbach. Erst die Elektro-Krampf-Therapie habe ihm geholfen, wieder „ein ruhiges Leben zu führen“. „Wenn man damit Menschen aus dieser tiefen Depression helfen kann, sollte man alles daran setzen“, sagt die Vorsitzende des Fördervereins.

Wer die Anschaffung des EKT-Geräts finanziell unterstützen möchte, kann unter dem Stichwort „Depressionen“ überweisen an den Förderkreis des Klinikums Frankfurt-Höchst, IBAN DE41 5019 0300 0009 4223 07 .

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