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Studenten entwerfen Hochhäuser für Frankfurt

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Ulrich Müller und Nathalia Nehm haben den anderen Hauptpreis des Wettbewerbs für Architekturstudenten gewonnen.
Ulrich Müller und Nathalia Nehm haben den anderen Hauptpreis des Wettbewerbs für Architekturstudenten gewonnen. © Holger Menzel

Weniger Quadratmeter, mehr Flexibilität – das ist die Devise, mit der die Wohnungsnot in Großstädten behoben werden könnte. Die Architekturstudenten der TU Darmstadt waren erfindungsreich und wurden mit dem Ernst-May-Preis ausgezeichnet.

„Alle Großstädte stehen derzeit vor der gleichen Herausforderung“, sagt Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef (SPD). „Immer mehr Menschen zieht es in die Großstadt, aber die Fläche ist begrenzt. Sie lässt sich nicht vermehren.“ Das Grundproblem, das Josef schildert, bekommen die Städter in Form von steigenden Mieten und einem schlechtem Allgemeinzustand der verfügbaren Immobilien zu spüren. Denn wozu etwas instand halten, das sich auch herunter gewohnt noch vermieten lässt? Dabei berichtet Josef, dass in den vergangenen 20, 30 Jahren die Wohnungen deutlich größer geworden seien als in der Nachkriegszeit. Architekten lernen heute in ihrem Studium, pro Bewohner etwa 45 Quadratmeter einzuplanen, eine Wohnung für eine dreiköpfige Familie sollte also über 130 Quadratmeter haben. Ist dieser Luxus noch zeitgemäß? Ganz und gar nicht, findet Josef: „Wir können es uns in Frankfurt nicht leisten, weiter so mit Fläche umzugehen.“

Über die Frage, wie wir in Zukunft wohnen werden, zerbrechen sich nicht nur Politiker und Stadtplaner den Kopf, sondern auch Architekturprofessoren und ihre Studenten. So überrascht es wenig, dass die Ausschreibung des Ernst-May-Preises unter der Auflage stand, Fläche zu sparen und kleine Raumwunder zu erschaffen. Seit 1988 lobt die Nassauische Heimstätte (NH), eine Wohnungs- und Entwicklungsgesellschaft mit Sitz in Frankfurt, den Ernst-May-Preis aus. Der Gedanke, Platz zu sparen und Wohnungen funktional zu gestalten, dürfte dabei ganz im Sinne von Architekt May gewesen sein, dem Begründer des „Neuen Frankfurts“: Zwischen 1925 und 1930 umgesetzt, beendete sein Stadtplanungsprogramm die damalige Wohnungsnot in Frankfurt.

Entwurf für Niederrad

May war Honorarprofessor an der Technischen Universität (TU) in Darmstadt, daher wird der Ernst-May-Preis immer unter den Architekturstudenten der Hochschule ausgelobt. Dieses Mal hatten die Master-Studenten den Auftrag, einen Entwurf für die Bebauung der Adolf-Mirschner-Straße 46 in Niederrad vorzulegen. Derzeit steht dort das „Cubity“, ein energieeffizienter Kubus aus Holzbalken und einer Polycarbonat-Fassade, der zur Zwischennutzung in Rekordzeit hochgezogen wurde und nun von einer zwölfköpfigen Studenten-Wohngemeinschaft bewohnt wird. Im Herbst 2018 jedoch soll er einem Wohnhaus Platz machen. Das Besondere daran: Die Entwürfe der Studenten sollten pro Kopf lediglich 25 Quadratmeter veranschlagen und funktionale, flexible Räume bieten, die sich sowohl dem Tagesablauf als auch veränderten Lebensverhältnissen seiner Mieter anpassen lassen.

Die Studenten arbeiteten ein Semester lang in Zweierteams, 20 Entwürfe wurden eingereicht, von denen es neun in die Endrunde schafften. Den ersten Platz belegten gleich zwei Entwürfe: ein Stahlskelettbau mit funktional vormöblierten Maisonette-Wohnungen von Nathalie Nehm und Ulrich Müller sowie der „Solitär“ von Christian Eckes und David Hunter, ein neunstöckiges Hochhaus.

Der „Solitär“ ist wohl auch der favorisierte Entwurf vom Leiter des Stadtplanungsamtes, Martin Hunscher – immerhin stellte er ihn bei der Preisverleihung am Dienstagabend persönlich vor. Zu Recht, denn der Entwurf ist fortschrittlich und trotzdem komfortabel: Mittels Schiebetüren lassen sich alle vier Zimmer einer exemplarischen 80-Quadratmeter-Wohnung entlang der Fensterfront miteinander verbinden, wodurch viel Raum entsteht. Man kann die Wohnung entlang der Fenster und durch den Flur auf der anderen Seite vollständig umrunden. Will man sich zurückziehen, lassen sich einfach beide Schotten des jeweiligen Zimmers schließen und ist für sich. Die Fenster des Hochhauses sorgen nicht nur für Licht und einen tollen Ausblick, die Fensternischen werden auch zu Arbeitsplätzen oder kleinen Leseinseln ausgestaltet.

Dachterrasse statt Balkon

„Der Ausblick ist bei unserem Gebäude sehr wichtig und dass man sogar im Fenster leben und wohnen kann“, erklärt Christian Eckes. Der hintere Durchgangsbereich der Wohnung ist mit Einbauschränken und Regalen ausgestattet, im vierten Zimmer befindet sich die Küche und Raum für einen Ess- oder Wohnraum. Die drei anderen Räume sind alle identisch und komplett wandelbar: Ein Elternschlafzimmer und zwei Kinderzimmer? Oder lieber ein Arbeitszimmer und ein Wohnzimmer? Das liegt ganz beim Bewohner. Der sollte es allerdings mögen, zu teilen, denn das Miteinander wird im Wohnkonzept von Eckes und Hunter großgeschrieben. Und das ist auch von der Politik gewollt: Laut Mike Josef werden 54 Prozent der Haushalte in Frankfurt von Singles geführt. Daher sei es wichtig, dass es in Wohnhäusern auch Gemeinschaftsräume und Möglichkeiten zur Interaktion gibt, damit nicht jeder einsam und anonym vor sich hin wohnt. „Keine Wohnung hat einen Balkon, dafür gibt es eine große Dachterrasse, die gemeinschaftlich genutzt wird“, sagt Eckes. Ebenso wie ein zusätzlicher Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss und ein Raum für Konzerte und Events. Mit Letzterem soll auch die Bevölkerung des Stadtteils einbezogen werden, das „steigert die Akzeptanz im Quartier“, so Mike Josef. Und das ist wichtig, gerade wenn es darum geht, ein Hochhaus zu bauen, das das gesamte Quartier optisch prägen soll.

Für die Studenten war es eine besonders schöne Herausforderung, ein Wohnhochhaus zu entwerfen, das für die Mittelschicht gedacht ist – denn die Wohnungen im „Solitär“ sollen preiswert sein. Ein spannender Ansatz, sind derzeit doch Wohnhochhäuser vor allem als Immobilien für Vermögende im Gespräch und daher sehr umstritten. „Unser Entwurf ist nicht überteuert, auch die Fassade ist erschwinglich“, erklärt David Hunter. Daher haben er und sein Kommilitone eine reale Chance, ihren Entwurf wirklich umgesetzt zu sehen.

„Er wird zumindest die Gesprächsgrundlage sein, wenn wir uns mit dem Stadtplanungsamt an einen Tisch setzen“, sagt Monika Fontaine-Kretschmer, Leiterin der Nassauischen Heimstätte. „Ob er tatsächlich genau in dieser Form umgesetzt wird, ist aber noch nicht sicher. Da gilt es, das Planungs- und Baurecht zu berücksichtigen. Schließlich muss ein ganz normaler Bauantrag gestellt werden.“ Christian Eckes und David Hunter haben mit dem ersten Platz also nicht nur 2000 Euro gewonnen und einen Pluspunkt im Lebenslauf ergattert, eventuell werden sie in wenigen Jahren schon das von ihnen entworfene Hochhaus besichtigen können, das dann vielleicht in voller Lebensgröße in Niederrad steht. „Wir wollten eigentlich gar nicht gewinnen“, verrät Christian Eckes bei der Preisverleihung, „aber das ist ein toller Ansporn für die Zukunft.“

Ausstellung

Der Solitär und alle acht weiteren Entwürfe der Endrunde werden noch bis zum 13. Januar 2018 im Foyer des Stadtplanungsamtes, Kurt-Schumacher-Straße 10, ausgestellt. Der Eintritt ist frei.

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