Wohnungsnot

Studenten müssen beim Hochschulleiter wohnen

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Samid Kösa teilt Küche und Bad mit dem Kanzler der University of Applied Science (UAS). Kösa hat kein WG-Zimmer gefunden, wie viele Studierende in Frankfurt. Kanzler Bert Albers bietet den Gestrandeten Obdach.

Als Samed Köse am Montagabend das erste Mal vor der Tür seiner Übergangs-WG steht, traute er sich doch nicht, den Schlüssel zu benutzen. Kein Wunder, die nächsten Wochen wird er Küche und Bad mit Dr. Bert Albers teilen, Kanzler der Frankfurt University of Applied Science (UAS). Er habe dann doch lieber geklingelt, erinnert sich Samed lachend. „Der Kanzler war aber total nett und wir haben in der Küche erstmal ein bisschen gequatscht“, erzählt der 22-Jährige. Und das Wichtigste im WG-Leben war auch schnell geklärt. „Ich habe gleich gesagt, dass ich um halb Acht in die Dusche muss“, sagt Albers. Gemeinsam hätten sie dann noch das Bett in einen anderen Raum geschleppt und noch ein paar Feldbetten aufgestellt. Die zwei haben jetzt eine WG, bis Samed Köse eine langfristige Bleibe gefunden hat. Sie rechnen mit zwei bis drei Wochen.

Hochschulleiter Albers lebt seit einem Jahr in dem Wohnhaus auf dem Campus der UAS. Als der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) vor einigen Wochen wegen der großen Wohnungsnot vieler Studierender an den Kanzler herantrat, hat er nicht lange gezögert. „Ich habe hier eine gewisse Verpflichtung.“ Deshalb habe er sofort angeboten, Studierende übergangsweise in der Uni-eigenen Bleibe aufzunehmen.

Vier Zimmer, Küche, Bad, mitten auf dem Campus. Die Einrichtung ist funktional, nackte Glühbirnen an der Decke, eine Kaffeemaschine in der Küche. Vermutlich werden in den kommenden Tagen weitere Studierende in die Akademiker-WG ziehen. Denn die Not ist groß: 2800 Studierende haben zum Wintersemester an der UAS angefangen zu studieren. Das sind 450 mehr als im vergangenen Jahr.

Zimmer 1

Zimmer 2

Wie hoch die Dunkelziffer der Studierenden ist, die noch keine langfristige Bleibe gefunden haben, ist unklar. „Viele kommen über Wochen bei Freunden unter“ erzählt Charleen Dresen, Asta-Vorsitzende. Aktuell schlafen sechs Studierende in der Turnhalle der Hochschule.

Ein unhaltbarer Zustand, findet die 25-jährige Asta-Vorsitzende. Wer auf irgendeiner Couch oder auf einem Feldbett schläft, kann sich gar nicht auf sein Studium konzentrieren. Albers kann der jungen Frau nur beipflichten. „Die brauchen Raum zu lernen.“ Dies ginge am besten, losgelöst von jüngeren Geschwistern und Eltern, in den eigenen vier Wänden.

Für Samed Köse ist es der zweite Anlauf, eine Wohnung in Frankfurt zu finden. Vor ein paar Jahren hat er das schon mal vergeblich versucht. Damals sei er gezwungenermaßen bei seinen Eltern in Bad Homburg geblieben. Jetzt will er wirklich raus. Aber auch beim zweiten Versuch bekäme er auf seine Anfrage noch nicht mal eine Antwort.

Der junge Mann studiert Soziale Arbeit, jobbt nebenbei beim Kultur- und Bildungsverein in Frankfurt, finanziert sein Leben ohne Unterstützung der Eltern. Ein Zimmer darf deshalb nicht mehr als 400 Euro kosten. „Das wäre die absolute Schmerzgrenze“, sagt er. Die Wohngegenden Nordend und Westend, rund um die Hochschule fallen damit schon weg. Hier liegen die WG-Zimmer-Preise bei durchschnittlich 500 Euro. Die Studierenden sind in Frankfurt seit Jahren in einem Dilemma gefangen, sagt Dresen. Der Bafög-Satz sei so niedrig, dass die Studierenden, auch wegen der hohen Mieten in Frankfurt, gezwungen seien, neben dem Studium zu arbeiten. Meist könnten sie dadurch die Regelstudienzeit nicht einhalten.

„Es braucht dringend mehr sozialen Wohnraum. Das würde auch den Druck von den Studierendenwohnheimen nehmen. Für die Studierenden an der UAS sei die Situation besonders bitter, ergänzt Kanzler Albers. Rund 55 Prozent haben eine Migrationsgeschichte, kämen aus Nicht-Akademiker-Haushalten. Die Wohnsituation würde den Bildungsaufstieg nicht erleichtern. Im Gegenteil.

Albers freut sich auf das Zusammenleben auf Zeit mit den jungen Leuten. Und was die Planung fürs Wochenende betrifft, gibt es auch keine Probleme. Albers fährt am Wochenende nach Hause zu seiner Familie. Und Samed? Der freut sich über eine sturmfreie Bude.

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