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Erna Bokemaer gibt Fixerbesteck an einen Drogenabhängigen aus. Drogen gibt?s in der Drückerstube nicht.

Drogennotdienst

Studentin Erna Bokemaer erzählt von ihrer Arbeit in einer Drückerstube

Weiße Fliesen, kaltes Licht, Nierenschalen: Erna Bokemaer arbeitet als eine von 28 studentischen Mitarbeiterinnen beim Drogennotdienst in der Elbestraße 38. „Kleiner Druckraum“ genannt, existiert die Örtlichkeit seit 1996, wo Drogenabhängige Crack oder Heroin unter Aufsicht konsumieren dürfen.

„Wir leisten Überlebenshilfe“, beschreibt Erna Bokemaer, 27, Studentin aus Darmstadt, ihre Tätigkeit. Ihr Arbeitsort liegt hinter einer Glastür in der Elbestraße, ein sogenannter Konsumraum für intravenösen Drogenkonsum im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Neben dem Angebot in der Niddastraße hat diese Einrichtung ganzwöchig von 6 bis 21 Uhr geöffnet. Wer hier klingelt, muss seinen Namen nennen. Bokemaer kontrolliert an der Empfangstheke, ob die Person Hausverbot hat – erst dann wird der Türöffner ausgelöst. „Die Polizei kommt täglich vorbei, ich fühle mich hier sicher“, erklärt die junge Frau mit den Perlenohringen. Anschließend müsse der Drogenabhängige sagen, was er konsumiere und seinen Stoff vorzeigen. In einem Notfall könne sie so dem Arzt sagen, womit er es zu tun habe. „Drogen selbst erhalten die Konsumenten hier nicht“, sagt Bokemaer und drückt wieder den Türöffner.

Dahinter liegt der eigentliche Raum für den intravenösen Konsum: Weiße Fliesen, helles Neonlicht und Spiegel empfangen die 80 bis 100 Besucher pro Tag. Es herrscht fast gespenstische Stille, obwohl alle zehn Plätze belegt sind. Kleidung, die für den nächsten Schuss beiseite geschoben wird, raschelt. Bokemaer nennt die Drogensüchtigen „Klienten“, häufig benutzt sie medizinische Fachbegriffe, um deren Probleme zu beschreiben: „Heroinabhängige werden durch ihre Droge sediert, Crackkonsumenten erreichen häufig einen paranoiden Zustand und sind nach dem Konsum aufgedreht.“

Beobachten kann das die Darmstädterin, wenn sie statt am Empfang in der kleinen Nische am hinteren Ende des Konsumraums arbeitet. Von dort überblickt sie mit einer Kollegin das Geschehen und gibt die Utensilien an die Abhängigen aus – nur mit stichfesten Gummihandschuhen.

„Das muss in den Restmüll“, korrigiert Bokemaer den Süchtigen, der nach dem Schuss wie in Trance seinen Platz aufräumt. Dazu zählt muss er die Utensilien wegwerfen und die Tischfläche desinfizieren – oder sogar Blut wegwischen.

„In einem Seminar haben wir die Einrichtung hier besucht; danach habe ich an einem Hospitationstag getestet, ob ich Blut überhaupt sehen kann“, erzählt die 27-Jährige von ihren Anfängen beim Drogennotdienst. Aus der Nische im Konsumraum sieht Bokemaer dank der Spiegel auch, wenn jemand aufgrund einer Überdosis blau anläuft. „Dann kommt unser wichtigstes Werkzeug zum Einsatz: der Beatmungsbeutel“, sagt diekünftige Sozialarbeiterin auf und deutet auf einen Schlauch mit Maske im Regal. Eine Mitarbeiterin hält die Atemmaske, die andere pumpt mit dem Beutel in der Hand Luft in die Lunge. Eine Herausforderung, die sich der Belegschaft bis zu acht Mal im Monat stellt.

Verarbeiten kann die Studentin diese Vorfälle mit Kollegen und Freunden. Manch einer habe die Einrichtung zur Bahnhofsviertelnacht schon besucht, die Eltern noch nicht. „Inzwischen fragen sie nicht mehr so viel nach“, beschreibt Bokemaer den Umgang mit ihrer Tätigkeit in der Familie. „Sie vertrauen mir.“ Ihren Arbeitsvertrag vor der Frist zu beenden, möchte die Studentin nicht: „Ich empfinde meine Arbeit als super sinnvoll und gehe mit einem ruhigen Gewissen nach Hause.“

Fragt man Bokemaer nach ihrer Motivation, lacht sie. Es gebe sehr viele schöne Momente. Als eine ehemalige „Klientin“ mit ihrem Partner vorbei gekommen sei und von ihrer Schwangerschaft berichtet habe, war Bokemaer vor Ort. „Erst denkt man: Mist, weil sie ja drogenabhängig war“, berichtet die Studentin von ihrem Eindruck. Doch die Frau erschien viel gepflegter, frischer als noch vor einem Jahr. Den meisten, die es geschafft hätten, rät Bokemaer, nicht mehr zu kommen. Und nach ihrer fünfstündigen Schicht ist sie froh, in den Zug nach Darmstadt zu steigen.

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