+
Das mit Fahnen geschmückte Frankfurter Rathaus - der Römer. Foto: Andreas Arnold/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Woche im Römer

Die Stunde der Sieger

  • schließen

Kleine Buben und Mädchen, selbst wenn sie in Bornheim oder Sachsenhausen geboren sind, werden gerne zum Leidwesen von Vater und Mutter Fans des Fußballvereins FC Bayern München.

Kleine Buben und Mädchen, selbst wenn sie in Bornheim oder Sachsenhausen geboren sind, werden gerne zum Leidwesen von Vater und Mutter Fans des Fußballvereins FC Bayern München. Umerziehungsversuche der Eltern durch Besuche von Heimspielen der Eintracht sind nicht immer erfolgreich. Warum ist das so?

Nun ja, der FC Bayern München gewinnt ähnlich wie Real Madrid etwa 90 Prozent seiner Spiele. Das bedeutet, dass kleine Buben und Mädchen als Fußballfans wesentlich seltener weinen müssen als gleichaltrige Eintracht-Anhänger, ganz zu schweigen von denen des FC Nürnberg oder des FC Freiburg. Fans des TSV 1860 München (früher Bundes-, heute Dritte Liga, dort derzeit 12. Platz) sind selbstmordgefährdet. Die Menschen lieben starke Sieger, Verlierer sind nicht sehr gefragt.

Morgen wird in Hessen gewählt. Vor der Bayern-Wahl, bei der die Große Koalition in Berlin nach allen Regeln der politischen Kunst abgestraft wurde, lagen die Grünen in Hessen auf ihrem üblichen geschäftsmäßigen Pegel, der in Frankfurt traditionell noch etwas höher ist. Dort ist die grüne Partei ja auch vernünftiger als anderswo. Dann wählten die Bayern, in dem Land, das nach einer Legende der CSU Gott am siebten Tage schuf.

Und wer war der Sieger? Die Grünen mit nie gekannten 17,5 Prozent den Stimmen.

Und was passiert darauf in Hessen? Plötzlich steigen auch dort ohne nähere politische Gründe die Umfragewerte der Grünen bis auf 20 Prozent. Wie in Bayern machen die Grünen in Hessen einen Wohlfühlwahlkampf. „Für ein Land, in dem wir gerne und gut leben“, so turteln gleichgeschlechtliche Paare auf Wahlplakaten. Und mehrere Bienen Maja fliegen dem Betrachter mit der Botschaft entgegen: „Das ist auch das Volk!“. Der alte Werbetrick. „Mit Kindern und Tieren kannst Du nie verlieren“, zieht eben noch immer.

Allein mit Biene Maja lässt sich dieser umfragetechnische Höhenflug der Grünen natürlich nicht erklären. Nein, es ist der Bayern-München-Effekt. Die Menschen schlagen sich automatisch auf die Seite des vermuteten Siegers.

Stell’ Dir vor, Du lebst in Bayern! Du gehst am Montag nach der Wahl ins Büro und gehörst zu den 9,7 Prozent Deppen, die noch die SPD gewählt haben und jeder weiß es. Denn zuvor hast Du gegen die Leiharbeit gewettert. Gut, dem Toni seine CSU hat auch über zehn Prozent verloren. Aber dem Toni ist das wurscht, denn die CSU koaliert nun in einem schwarz-schwarzen Bündnis mit den Freien Wählern, einer Art Ersatz CSU. Außerdem gewinnt der Toni heute Abend beim Schafkopfen wie immer mindestens zehn Euro, denn zwei seiner Kartel-Brüder sind Sozis und karteln können die genauso wenig wie Politik. Die meisten Wähler-Seelen sind jedoch empfindsamer als der Toni und gucken, mit welcher Abstimmungsentscheidung man am montäglichen Arbeitsplatz am besten dasteht. Klar, man könnte lügen. Aber hat man nicht beim Kantinen-Essen den neuen vegetarischen Tag verwünscht und auf die Grünen geschimpft? Dann muss man sich möglicherweise Spott über das Wahlergebnis der CDU anhören.

Da es aber vermutlich auf eine Dreierkoalition hinauslaufen wird, gibt es schon am Wahlabend mindestens drei Sieger. Und der Linken und der AfD bleibt ohnehin die Oppositionsrolle vorbestimmt. Bei so vielen Siegern, auch in der Opposition, dürfte der Betriebsfrieden und die Steigerung des Bruttosozialprodukts nicht ernsthaft in Gefahr geraten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare