Ein Trauer-Engel sitzt auf einem Stein am Friedhof. Gerade die Angehörigen von Suizid-Opfern sprechen nicht gerne über das Thema, Alix Puhl, die ihren Sohn vor einem Jahr verloren hat, sieht das anders. Sie will mit ihrer Erfahrung anderen Menschen helfen.
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Ein Trauer-Engel sitzt auf einem Stein am Friedhof. Gerade die Angehörigen von Suizid-Opfern sprechen nicht gerne über das Thema, Alix Puhl, die ihren Sohn vor einem Jahr verloren hat, sieht das anders. Sie will mit ihrer Erfahrung anderen Menschen helfen.

Aufklärung

Suizid ist ein Tabuthema

  • Julia Lorenz
    VonJulia Lorenz
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Alix Puhl initiiert in Frankfurt ein Projekt, um die Gefahr bei Kindern und Jugendlichen möglichst früh zu erkennen

"Noch immer ist es für uns unfassbar, dass Emil nicht mehr da ist", sagt Alix Puhl. Die Elternbeirätin der Carl-Schurz-Schule sitzt auf ihrer Terrasse in Sachsenhausen. Neben ihr liegt Familienhund Zelda und schläft. Heute vor einem Jahr hat Alix Puhl eines ihrer vier Kinder verloren. Emil hat sich das Leben genommen. Er ist nur 16 Jahre alt geworden.

"Zwei Monate vor seinem Tod haben wir erfahren, dass Emil am Asperger-Syndrom litt und an einer dadurch bedingten Depression", erzählt Puhl. Nach konkret geäußerten Plänen, sich das Leben nehmen zu wollen, wurde er in die geschlossene Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik eingewiesen. Fünf Wochen wurde der Junge dort behandelt und anschließend als "nicht mehr akut suizidgefährdet" entlassen. Weitere fünf Wochen später hat er Suizid begangen.

"Emil wollte sich davon nicht abbringen lassen. Er hatte seine Entscheidung getroffen", sagt Alix Puhl. "Und wir müssen jetzt damit zurecht kommen. Das, was wir erlebt haben, soll aber keine Familie und keine Schulgemeinde erleben müssen." Deshalb hat Puhl gemeinsam mit Oberstudienrätin Judith Junk, Lehrerin an der Max-Planck-Schule in Rüsselsheim, ein Projekt erarbeitet, das zum Ziel hat, Lehrer so auszubilden und zu unterstützen, damit eine Suizidgefahr bei Kindern und Jugendlichen künftig möglichst frühzeitig erkannt wird. Im Juli dürfen sie ihre Idee Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) präsentieren.

"Leider ist Suizid immer noch ein Tabuthema. Auch an Schulen", sagt Puhl. Im vergangenen Jahr hätte die Familie von vielen Freunden und Bekannten erfahren, dass auch sie schon erleben mussten, dass sich der Vater das Leben genommen hat, die Mutter, der Bruder, die Schwester, der Onkel. "Die Erzählungen endeten immer mit den Worten: Behaltet es bitte für euch", sagt Puhl. "Aber wenn niemand darüber redet, alle schweigen, dann ändert sich auch nichts, und niemand lernt, damit umzugehen."

Wie wichtig das ist, zeigen Zahlen und Fakten, die Puhl und Junk zusammengetragen haben: Suizid ist nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen. Besonders Schüler, die sich ihrer sexuellen Orientierung noch unklar sind, haben ein vier- bis achtfach höheres Risiko für suizidale Gedanken und Verhaltensweisen. Häufig stehe Suizid mit psychischen Erkrankungen in Verbindung, aber auch eine akute Belastung oder Adoleszenzkrisen können ein Auslöser sein.

Pandemie verstärkt das Problem

"In Frankfurt nehmen sich pro Jahr drei bis fünf Schüler das Leben", sagt Puhl, die lange Jahre Vorsitzende des Stadtelternbeirats war. Die Dunkelziffer der Selbsttötungsversuche dürfte weitaus höher liegen. Besonders dringlich sei das Thema während der Corona-Pandemie geworden. Gerade jetzt würden sich depressive Verstimmungen bei den Schülern häufen. Das Problem wird sich mit dem Ende der Krise nicht erledigen.

Deshalb wollen Alix Puhl und ihre Mitstreiterin Judith Junk erreichen, dass das Thema Suizidprävention Teil der Lehrerausbildung werden muss. "Es ist so wichtig, dass alle, die mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten, sich damit auseinandersetzen und Frühwarnsignale erkennen", sagt Puhl. "Denn Suizidgedanken sind nicht so leicht zu erkennen wie ein Beinbruch. Sie sind unsichtbar wie Krebs." Deshalb sollte auch eine hessenweite Koordinierungsstelle zur Suizidprävention am Kultusministerium eingerichtet werden. Diese könne mit den Schulpsychologen der 15 hessischen Staatlichen Schulämter zusammenarbeiten. Zur Erprobung des Projekts halten die beiden Frauen einen Zeitraum von drei Jahren für sinnvoll. In dieser Zeit solle eine Strategie erarbeitet und schrittweise in den Schulen umgesetzt werden.

Puhl und Junk können sich vorstellen, dass die Schulen dabei unterstützt werden, sich zu vernetzen und die Lehrer zu professionalisieren, Prophylaxe-Tage und Elternabende zu den Themen Suizid, Depression, Identitäts- und Jugendkrisen zu organisieren. Eine Homepage soll Informationen zu Sucht, Essstörungen, Angststörungen, Depression, Radikalisierung bieten und wie man damit umgeht. Zudem sollen Kontakte zu Selbsthilfegruppen, Fortbildungen, Stiftungen und Kliniken vermittelt werden.

Die beiden Initiatorinnen schlagen vor, dass man sich mit dem Projekt zunächst auf die Gymnasien konzentriert, da es dort keine oder nur eingeschränkt Schulsozialarbeiter gibt. Bei einem Erfolg könne man das Konzept auf alle weiterführenden Schulen ausweiten. Alix Puhl: "Wenn unser Projekt etwas bewirken kann, dann wäre Emils Tod nicht so sinnlos."

Alix Puhl verlor vor einem Jahr ihren 16-jährigen Sohn durch Suizid.

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