Immobilienspekulanten waren Hassobjekte. Das zeigte sich bei einer Demonstration des sogenannten "Häuserrats"gegen die Räumung des Kettenhofwegs 51 im Jahr 1973.
+
Immobilienspekulanten waren Hassobjekte. Das zeigte sich bei einer Demonstration des sogenannten "Häuserrats"gegen die Räumung des Kettenhofwegs 51 im Jahr 1973.

Frankfurter Häuserkampf

Am Tag, als im Westend eine Revolte begann

Am 19. September 1970 besetzten Aktivisten ein leerstehendes Mietshaus in Frankfurt - aus Protest gegen Spekulation und Wohnungsnot. Bald flogen nicht nur in Frankfurt Steine und Polizeiknüppel.

Frankfurt -"Schluß mit der Zerstörung von Wohnungen! Gegen Mietwucher und Spekulation! Dieses Haus ist besetzt".Diese und andere Sätze prangen vor 50 Jahren, am Morgen des 19. September 1970, auf großen Plakaten, die an der Fassade des Gebäudes Eppsteiner Straße 47 im Westend hängen. Sie markieren den Beginn der ersten Hausbesetzung nicht nur in Frankfurt, sondern in ganz Deutschland. Zwar sei zuvor schon in Köln ein Gebäude okkupiert worden, allerdings eher für soziale Zwecke, erklären die beiden Historiker Norbert Saßmannshausen und Rolf Engelke vom Frankfurter "Archiv der Revolte". Beim Haus Eppsteiner Straße 47 handle es sich hingegen um die erste klassische Besetzung für Wohnzwecke.

Jahrelang hatte es schon gegärt, damals im Westend. Das einst großbürgerliche Viertel war von der Stadtspitze als Erweiterungsgebiet für das Bankenviertel vorgesehen, was für viele ohnehin marode Gründerzeit-Villen den Abriss bedeutet hätte. "Diese Häuser galten damals auch nicht als wertvoll, sondern eher als altes Gerümpel", erklärt Rolf Engelke. Die Folge: Etliche Eigentümer investieren überhaupt nicht mehr in diese Bauten. Stattdessen wittern Immobilienspekulanten ein gutes Geschäft, schließlich konnte man für Büroflächen weit höhere Mieten als für Wohnraum einstreichen - obwohl in der Stadt auch damals große Wohnungsnot herrschte. Immer wieder sorgten Fälle für Schlagzeilen, bei denen Bewohner mit durchaus brachialen Mitteln zum Auszug gedrängt wurden. Als Übergangsmieter bis zur Abrissgenehmigung wurden oft Studenten einquartiert, ebenso Migranten, die man damals noch als Gastarbeiter bezeichnete.

Träume und Experimente

Es sind Entwicklungen, die viele Bewohner des Stadtteils mit Sorge beobachten. 1969 entsteht die Aktionsgemeinschaft Westend, die sich für den Erhalt des Quartiers einsetzt. Im Sommer 1970 findet sich außerdem ein Arbeitskreis aus Studenten, Intellektuellen und Sozialarbeitern zusammen, in dem man von einem Experiment träumt: ein leerstehendes Gebäude, in dem verschiedene Gruppen wie Studenten, Sozialarbeiter, Migranten und kinderreiche Familien als Kollektiv zusammenleben. Versuche, ein Haus zu mieten, scheitern jedoch. Irgendwann keimt diese Idee auf: Warum nicht einfach ein Gebäude besetzen - und damit auch gegen die Misere auf dem Wohnungsmarkt protestieren?

So beschreibt es Til Schulz, der vor einigen Jahren gestorben ist, in einem Beitrag für das von Heinz Grossmann herausgegebene Buch "Bürgerinitiativen - Schritte zur Veränderung?". Schulz ist einer der Studenten, die damals in der Eppsteiner Straße 47 wohnen. Dort stehen im Sommer 1970 fünf von zehn Wohnungen leer, die übrigen Mieter sollen im Herbst ausziehen, damit die Gründerzeit-Villa abgerissen werden kann. "Nicht mit uns", beschließt der Arbeitskreis.

Etwa 40 Menschen treffen sich am Abend des 18. September 1970 in dem Gebäude und beginnen, die leerstehenden Wohnungen, die Unbekannte zuvor verwüstet haben, wieder herzurichten. Große Plakate und Wandzeitungen werden entworfen, die am nächsten Morgen an den Balkonen befestigt werden. Und man beginnt, die Haustür zu verbarrikadieren, um zu verhindern, dass die Polizei das Gebäude stürmt. Nur über eine Leiter, die an einem der Balkone herabgelassen wird, gelangt man noch in das Haus.

Bald sammeln sich etliche Neugierige vor dem Gebäude, diskutieren, schimpfen, lachen. Viele zeigen ihre Sympathie mit den Besetzern, spenden Geld und Möbel. Die Polizei und der Hausbesitzer sind ratlos. Auch die politische Stadtspitze verhält sich zögerlich, schließlich stehen in wenigen Wochen Landtagswahlen auf dem Programm.

Der damalige SPD-Oberbürgermeister Walter Möller bezeichnet die Besetzung als "demonstratives Signal gegen die Spekulation im Westend". Der Erfolg der Aktivisten in der Eppsteiner Straße ruft prompt Nachahmer auf den Plan: Im Oktober werden zwei weitere Häuser besetzt: Corneliusstraße 24 und Liebigstraße 20.

Und es sollten nicht die letzten bleiben. Dutzende von Häusern werden in den nächsten Jahren auf diese Weise in Beschlag genommen. Oft sind es spontane Aktionen, die nur wenige Tage dauern. Manche aber ziehen sich über Monate oder gar Jahre hin.

Die Aktivisten sind ein buntes Völkchen: Viele Studenten sind darunter, ebenso Sozialarbeiter, Migranten und ehemalige Fürsorge-Zöglinge. Die Idee von solchen Haus-Kollektiven scheitert allerdings schon bald darauf - zu unterschiedlich sind die Besetzer und ihre Vorstellungen.

1971 stoßen auch einige Mitglieder der Gruppierung "Revolutionärer Kampf" um Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit, Matthias Beltz und Johnny Klinke dazu. Es ist die Kerngruppe der späteren Sponti-Bewegung, die in den folgenden Jahren große Unterstützer-Demonstrationen für die Besetzer organisiert, mit mehreren tausend Teilnehmern.

Räumungen und Straßenschlachten

Nach einigen Monaten ändert die Stadtspitze ihren Kurs. Möller, der für die ersten Hausbesetzer noch Verständnis gezeigt hat, spricht nun von "illegalen Aktionen", gegen die man sich mit aller Kraft wehren werde. Immer öfter kommt es zu Räumungen und Straßenschlachten. Zum zentralen Ort der Aktivisten hat sich der Häuserkomplex in der Bockenheimer Landstraße 111 entwickelt, in dem zeitweise rund 80 Hausbesetzer leben, sagt Norbert Saßmannshausen. Trotz mehrerer Solidaritätskundgebungen wird das Gebäude im Februar 1974 geräumt und wenige Tage später abgerissen. "Um ein Exempel zu statuieren", vermutet Saßmannshausen. Danach sei die Moral der Häuserkämpfer gebrochen gewesen. Heute steht auf dem Areal die "Südarkade" der KfW.

Das Haus Eppsteiner Straße 47 entgeht übrigens einer Räumung und wird nicht abgerissen. Stattdessen gelingt es einigen Aktivisten, unter ihnen Til Schulz, im Laufe der Jahre dort zu bleiben und sogar Mietverträge zu erhalten. Eines der wenigen Beispiele für die Legalisierung einer Hausbesetzung. Brigitte Degelmann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare