Eintracht Frankfurt

Taktiktafel: Der Torwart als elfter Feldspieler

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Das letzte Heimspiel der Eintracht stand natürlich ganz im Zeichen von Alex Meier. Doch die Partie hatte mehr zu bieten als das umjubelte Comeback des „Fußballgotts“. Einen Torwart als Aufbauspieler zum Beispiel und Anschauungsmaterial zum Thema „nach vorne verteidigen“.

Kontertore gab es zuletzt eher gegen die , etwa im Spiel bei der Münchner C-Elf. Diesmal aber lud der Gegner das Team von Kovac förmlich zu schnellen Gegenstößen ein. Kunststück: Der HSV musste schließlich gewinnen. Und so gingen die Hamburger ein hohes Risiko ein. Unter anderem mit Torhüter Julian Pollersbeck in der zentralen Rolle im Spielaufbau. Er verteilte sogar aus der Mitte der eigenen Hälfte heraus den Ball, wann immer das möglich war.

Die Idee von Hamburgs Trainer Christian Titz war klar. Es mussten Tore her und so sollten möglichst viele Spieler möglichst weit nach vorne gebracht werden. Und ein Schlussmann wie Pollersbeck kann den Ball aus so weit vorgezogener Position natürlich jederzeit mit einem einzigen Schlag in unmittelbare Tornähe befördern. Also fungierte er bei Ballbesitz quasi als elfter Feldspieler.

Allerdings hatte das Ganze auch seine Tücken. Erstens war die Eintracht in diesen Situationen ja relativ weit zurückgezogen und in der eigenen Hälfte dicht gestaffelt, weshalb den schnellen Hamburger Angreifern wenig Raum blieb, um ins Tempo zu kommen, selbst wenn der Ball nicht gleich abgefangen wurde.

Davon abgesehen war bei dieser Spielweise die Rolle der Hamburger Innenverteidiger Gideon Jung und Kyriakos Papdopoulos so zweifelhaft wie schwierig. Beide zogen ganz breit auf, spielten quasi Außenverteidiger, wenn Pollersbeck sich in Position gebracht hatte, und hatten nun zwei Probleme: Entschied sich ihr Torwart gegen den langen Ball und für ein Zuspiel auf sie, mussten sie den Ball mit dem Rücken zum Gegner in Richtung eigenes Tor annehmen und wurden natürlich von hinten unter Druck gesetzt. Eine ganz unangenehme Situation für einen Verteidiger (siehe Grafik). Und das führte ja auch schon vor der Pause zu einigen brenzligen Situationen. Wenn Pollersbeck stattdessen versuchte, über einen zentralen Mittelfeldspieler aufzubauen, stand das Konstrukt auf noch wackligeren Füßen, denn jeder Ballverlust im Zentrum ist bei fast an den Außenlinien stehenden Innenverteidigern, die keinerlei Zugriff auf den Gegner haben, natürlich extrem gefährlich. Die Eintracht konnte das allerdings nicht ausnutzen.

Auch die zweite Hamburger Spielaufbauvariante war mutig. Wenn Pollersbeck die Abstöße auf seine tief in den Ecken stehenden Innenverteidiger spielte, hatten die es natürlich schwer, so lange die Eintracht beherzt anlief und auch nachrückte, also „nach vorne verteidigte“, wie Kovac das im Trainerdeutsch ausdrückt. Der HSV mühte sich trotz des Risikos immer wieder um einen geordneten Aufbau und zeigte auch durchaus die Qualität, enge Situationen spielerisch zu lösen. Und als sich die Eintracht zu Kovacs Ärger zu sehr zurück fallen ließ, bekamen die Gäste sogar Oberwasser.

„In der zweiten Halbzeit haben wir zu sehr auf den Gegner gewartet und sind nicht mehr angelaufen“, monierte der Coach. Einige Male mussten die Eintracht-Fans nach der Pause die Luft anhalten. Und inklusive der durchaus anzweifelbaren Entscheidung des Video-Assistenten beim aberkannten 1:0 des HSV muss man zugeben, dass die Partie auch andersherum hätte ausgehen können – egal wie sehr einem die Angeber-Uhr im Stadion des letzten noch nie abgestiegenen Bundesligisten auf den Geist geht. Hamburg gab das Anlaufen jedenfalls nie auf und tat alles, um irgendwie an den Ball zu gelangen, mühte sich aber vergeblich. Was ja auch den Schluss zulässt: Nach vorne verteidigen bedeutet keine Erfolgsgarantie.

Von hinter der Frankfurter Torauslinie aus, wo er sich mit seinen Kollegen warm lief, schaute sich der vor den Toren Hamburgs geborene Alex Meier das Treiben durchaus interessiert an. Das eine oder andere Mal wäre er sicher gerne schon auf dem Platz gewesen und vor allem am Ball, wenn Pollersbeck wieder einmal weit vor seinem Kasten stand. Wäre er anstelle von Mijat Gacinovic in der 74. Minute aus der eigenen Hälfte zum Schuss gekommen, wäre es sicher gefährlicher geworden. So aber dauerte es bis in die Nachspielzeit, ehe Meier die Fans wieder einmal verzücken konnte.

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