Wurden 2020 mit dem Deutschen Rock & Pop Preis ausgezeichnet: Bändi, die sich dem Tango verschrieben haben.
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Wurden 2020 mit dem Deutschen Rock & Pop Preis ausgezeichnet: Bändi, die sich dem Tango verschrieben haben.

Bockenheim: Weltmusik aus Frankfurt

Tango ist der Blues der Finnen

  • VonDetlef Kinsler
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BOCKENHEIM Formation Bändi hat ihre Wurzeln im Stadtteil und ist mit dem Herzen hoch im Norden - Morgen Konzert in der Fabrik

Bei ihrer Gründung 2005 lebten fast alle Mitglieder der Urformation von Bändi in einem Stadtteil. Von daher bleibt die Band immer in Bockenheim verwurzelt, zumal viele dort geblieben sind. "Wir haben seit jeher in unserem Wohnzimmer geprobt und werden das wohl nie ändern. Also sind wir vielleicht doch eine Art Dorfcombo", sagt Schlagzeuger Thomas Salzmann mit einem breiten Grinsen. Getreu dem Motto: Denke global, agiere lokal. Die Bockenheimer Luft habe jedenfalls ihrer Musik immer gut getan. Ihren Stadtteil lieben sie.

Ein echter Fan des Senckenbergs

Das Café Heimelig, die Restaurants Ponte und Meraki für ihre gute Küche, die Buchläden Eselsohr und Libretto. "Das Studentenhaus nicht zu vergessen. Schade ist, dass das Bockenheimer Depot nicht für Konzerte öffnet. Das wäre eine tolle Location", ergänzt Salzmann. Dass er zudem Fan des Senckenberg Museums ist, kann Salzmann leicht begründen. "Dieses schöne Diorama mit dem Elchen beim Strandspaziergang dort, das mochte ich schon bei Schulausflügen." Lange musste das Museum zuletzt geschlossen bleiben, jetzt dürfen wieder Besucher begrüßt werden.

Ursprünglich hatten sich die Musiker von Bändi darauf gefreut, schon Ende Januar wieder in der Fabrik in Sachsenhausen aufzutreten. Fast auf den Tag genau ein Jahr davor hatte die Gruppe dort die Songs des neuen Albums "Unikuva" (Der Traum) vorgestellt. Das wollten sie in vielen Konzerten im Jahr 2020 präsentieren. "Kunst und Kultur sind wohl nicht systemrelevant. Das ist sehr enttäuschend und hat bei uns die meisten Konzerte ausfallen lassen", bedauert Salzmann in der Rückschau zumal auch der Ersatztermin im Hof am Mittleren Hasenpfad im April ausfallen musste. Doch morgen 15. Juni, ist es nun doch so weit: Unter dem Motto "Ins Freie!" werden Bändi in der Fabrik zu hören sein. Beginn: 19.30 Uhr. Und am 30. August dann im Sommergarten-Programm der Batschkapp.

Im vergangenen Dezember wurden Bändi übrigens mit dem "Deutschen Rock & Pop Preis" in der Kategorie "Bestes Weltmusikalbum 2020" ausgezeichnet. Weltmusik vom Main? Um präziser zu sein: Die Frankfurter haben sich dem Tango verschrieben. Und den verbinden die meisten Menschen bekanntlich mit den Bordellen in Buenos Aires.

Bändis Inspirationen kommen aber aus dem hohen Norden. "Finnischer Tango? Da wundern sich immer noch ganz viele Menschen", bestätigt Sängerin und Pianistin Kristina Debelius. "Dabei ist Finnland das Land mit der größten Tango-Leidenschaft in Europa und einer sehr lebendigen Tanzkultur."

Als 2007 das erste Album mit den tanzenden Rentieren auf dem Cover erschien, verbreitete sich schnell die Mär von einer Butterfahrt auf der Ostsee. Bei der soll Salzmann eine schöne Finnin getroffen haben, die ihm auf hoher See das Lied "Satumaa" (Märchenland) sang. Das ist einer der berühmtesten finnischen Tangos. Wunderbares Seemannsgarn könnte man glauben. "Was soll ich sagen: Das hat tatsächlich so stattgefunden. Aber Anna ging von Bord, der Finnische Tango blieb", erzählt der Musiker. Und mit Bändi konnte er seiner Leidenschaft zum "Blues der Finnen" frönen und dessen bittersüßen Melancholie nachspüren.

"Diese Traurigkeit durch die Lieder loslassen zu können ist ja das Schöne was Musik erlaubt", schwärmt Salzmann. Die finnische Sprache findet er gesungen wunderschön. "Gesprochen fast genauso, aber sehr schwer zu lernen", lacht er. "Aber eine Sprache nicht zu verstehen, lässt entsprechend Raum für Sehnsüchte und zum Träumen."

Auch wenn Bändi sich bei berühmten Komponisten des Finnischen Tangos wie Unto Mononen, Rauno Lehtinen oder Jarmo Tuomi bedient haben, ging es nie darum, dem Original zu nahe zu kommen. "Der Tradition folgend versuchen wir ja immer etwas Neues und Eigenes aus den Finnischen Tangos zu machen", betont Salzmann. So flossen ganz selbstverständlich Elemente von Klezmer- und Balkan-Musik in die Interpretation ein. Und sogar Rocco Granata, dessen Schmachtfetzen "Marina" 1959 ein Nummer 1-Hit war, taucht als Komponist auf der letzten Platte auf.

Neue Farbe in der Musik

Fast kammermusikalisch klingen die Arrangements, weil sich neben Debelius, Salzmann, Volker Denkel (Western-Gitarre) und Tobias Frisch (Geige, Gesang) längst auch Jazzmusiker Martin Lejeune mit seiner Pedal Steel Guitar eingebracht hat, Bassist Johannes Kramer zum Cello wechselte und zudem Gäste an Klarinette, Kontrabass und Leier zu den Aufnahmen hinzu kamen. "Für ganz viele neue Farben in der Musik", findet Debelius. Detlef Kinsler

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