Fritz Fuchs brachte es in die Heimat

Taunusstein gilt als internationale Hochburg des Rhönradturnens

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Vor 50 Jahren hat der Bleidenstädter Fritz Fuchs das Rhönrad mit in seine Heimat gebracht. Wolfgang Bientzle machte es reif für die bekanntesten Shows. Heute hat er seinen letzten Auftritt.

Vor 20 Jahren kursierte in der Turnszene eine nette Geschichte. Im Vorfeld der ersten Rhönrad-Weltmeisterschaften auf deutschem Boden, die damals in Limburg ausgetragen wurden, hatte man Vertreter aus Politik und Wirtschaft an einen Tisch gebracht und ihnen das Konzept der Titelkämpfe vorgestellt. Die Zuhörer zeigten sich angetan. Doch einer wagte nachzufragen: „Wann eigentlich“, so sagte er, „kommen die Rhönradfahrer dann hier genau vorbei?“

In Taunusstein wäre das wohl nicht passiert. Die sich weit in verschiedene Stadtteile auffächernde 30 000-Einwohner-Gemeinde nordöstlich von Wiesbaden galt schon damals als Synonym für Rhönradturnen der Spitzenklasse, ihre Athleten beherrschten phasenweise fast im Alleingang die Welt. Gleich zwei Vereine hatten sich des einzig beweglichen Turngeräts, wie Insider gerne Werbung für die durch sechs Sprossen mit Griffen und Trittbrettern verbundenen Doppelreifen machen, angenommen. Doch der TSV Bleidenstadt und der SV Neuhof konkurrierten nicht nur, sondern kooperierten auch miteinander.

Ganz vorne in der Reihe derer, die das 1968 vom Bleidenstädter Fritz Fuchs bei einem Turnfest für sich entdeckte und in die Heimat eingeführte Bewegungsvergnügen vorantrieben, stand Wolfgang Bientzle. Der heute 51-Jährige gab sich nicht mit dem zufrieden, was er als Kind im Umgang mit dem bis zu 2,45 Meter hohen Gerät gelernt hatte. Der Hesse entwickelte seine eigene Kunst im Rad.

Es war eine Zeit, in der das Gerät längst nicht so vielseitig genutzt wurde wie heute, in der der Umgang mit Stangen und Sprossen auch bei den Besten noch sehr steif anmutete. Auch international war die Disziplin, die der Pfälzer Otto Feick vor einem Jahrhundert mit der experimentellen Verbindung zweier Wagenreifen begründet und später in der bayerischen Rhön weiterentwickelt hatte, nicht etabliert. Erst 1990 fand ein erster Europacup in Taunusstein statt.

Wolfgang Bientzle entpuppte sich als Vorreiter. Als Aktiver gewann er alles, was es zu gewinnen gab, war zweimal Welt-, achtmal Europa- und fast 60 Mal deutscher Meister, als er seine Karriere für zwei Jahre unterbrach. Dann kehrte er rechtzeitig zur WM nach Limburg zurück, weil endlich das Künstlerische, das Turnen nach Musik, im Wettkampfprogramm stand, und erweiterte seine Sammlung um sechs zusätzliche Goldmedaillen.

„Mr. Rhönrad“, wie er da längst genannt wurde, war nicht der einzige Taunussteiner, der so fleißig Erfolge feierte. Allein 43 WM-Titel durfte man im Untertaunus bislang zählen, zuletzt kamen die von Bientzles Bruder Jürgen und dessen Frau und Bundestrainerin Katja Homeyer betreuten Athleten der vereinsübergreifenden Rhönradgruppe Taunusstein mit insgesamt sechs Titeln und genauso vielen weiteren Medaillen aus der Schweiz zurück.

Doch begannen hier nicht nur erfolgreiche Sportkarrieren. Wolfgang Bientzle hat sein Gerät auch reif für die namhaftesten Shows gemacht, wagte sich mit Spikes an den Reifen bei „Holiday on Ice“ aufs glatte Parkett, turnte beim kanadischen Cirque du Soleil, in Las Vegas und wurde mit seinen Vorträgen beim Zirkusfestival in Monte Carlo als preiswürdig erachtet. Heute lebt der Showchoreograph und -regisseur in Chicago und versucht, anderen sein Können zu vermitteln.

Er selbst trat als Artist zuletzt immer kürzer. Turnen auf seinem Niveau wird mit den Jahren nicht einfacher. „Als Profi muss man immer topfit sein“, hat Wolfgang Bientzle früh festgestellt. Deshalb wird er nach seinem heutigen Auftritt bei der Taunussteiner Jubiläumsshow in Wiesbaden das tun, was er schon mal recht provokant während einer seiner Nummern wagte: seine Turnkleidung ausziehen.

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