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Vorsicht bei dubiosen Anrufern: Die Zahl der Telefonbetrugsfälle ist im vergangenen Jahr in Hessen rasant gestiegen. Besonders auf Senioren haben es die Betrüger abgesehen.

Kriminalität

Telefonbetrugswelle rollt weiter

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Spätabends klingelt das Telefon. Eine vertrauenswürdige Stimme warnt vor Einbrechern oder verspricht einen Geldgewinn. Dahinter stecken gut organisierte Kriminelle. Das Landeskriminalamt hat die Betrugswelle im Blick. Doch die Ermittlungen sind schwierig. Die Strippenzieher sitzen meist im Ausland.

Polizeirat Müller klingelte Helmut B. vor wenigen Tagen gegen 22.45 Uhr aus dem Bett. „Er klang sehr seriös“, sagt der 81-jährige Seckbacher. „Ich war etwas schläfrig und habe zunächst alles geglaubt, was mir der Herr in akzentfreiem Deutsch erklärte. Es hörte sich ja auch plausibel an.“

Polizeirat Müller gab sich als Mitglied einer Sonderkommission aus, die gegen eine Einbrecherbande in Frankfurt ermittele. Zwei Täter habe man bereits geschnappt, einer sei noch auf der Flucht. Helmut B. sei in großer Gefahr, denn bei den beiden Einbrechern habe man Bilder seines Hauses gefunden. „Zu Ihrem persönlichen Schutz schicken wir Ihnen Kollegen vorbei“, sagte der Anrufer. Als sich der angebliche Sonderermittler dann noch nach dem Inhalt des Haustresors erkundigen wollte, wurde Helmut B. zum ersten Mal misstrauisch.

Zum Glück, denn der Anrufer war ein Betrüger. Er saß vermutlich irgendwo im Ausland. Wäre B. auf die Polizistenmasche hereingefallen, hätten Komplizen in Frankfurt Geld und Wertgegenstände abgeholt. Solche Fälle häufen sich seit August 2015, heißt es beim hessischen Landeskriminalamt (LKA). Im vergangenen Jahr stieg die Fallzahl besonders stark.

2016 wurden hessenweit 73 Fälle von betrügerischen Anrufen in der Kriminalstatistik erfasst, im Jahr darauf waren es bereits 332 Fälle. Für das laufende Jahr gibt es noch keine offiziellen Zahlen. Aber verschiedene Polizeimeldungen und Erfahrungsberichte unserer Leser zeigen, dass die Betrugswelle noch lange nicht abgeebbt ist.

Der echten Polizei ist es zwar schon mehrmals gelungen, falsche Polizisten kurz vor der verabredeten Geldübergabe in Frankfurt zu schnappen. Doch an die Hintermänner kommen die Ermittler nur mühsam heran. Die Tätergruppen „agieren in der Regel aus ausländischen Callcentern heraus“, stellt das LKA fest. „Ermittlungen können nur über den Weg der internationalen Rechtshilfe erfolgen und sind oft sehr langwierig.“ Im Display des Angerufenen erscheine oft eine falsche Telefonnummer. Ein technischer Trick, mit dem die Betrüger ihren wahren Standort verschleiern. Besonders hinterhältig: Sie nutzen dabei oft die echte Rufnummer der örtlichen Polizeidienststelle oder den Notruf 110.

An die Rufnummern ihrer Opfer gelangen die Täter über digitale Telefonbücher. „Sie suchen darin gezielt nach altmodischen Vornamen“, erklärt ein LKA-Sprecher. „Eine Melanie oder Jessica interessiert sie nicht, sie haben es auf Senioren abgesehen.“

Bei Gabriele S. landeten sie allerdings an der falschen Adresse. Die 67 Jahre alte Frankfurterin wurde am Freitag vor einer Woche angerufen. Bei ihr probierten es die Betrüger mit einer Gewinnspielmasche. „Eine freundliche Dame gratulierte mir: Ich hätte 28 400 Euro gewonnen“, berichtet die Leserin dieser Zeitung. „Am Montag würden ein Notar und zwei Sicherheitsleute vorbeikommen, um mir das Geld zu übergeben.“ Für diesen Service sollte sie eine Gebühr in Höhe von 900 Euro entrichten.

Gabriele S. ließ sich nicht darauf ein. „Ich bin ehemalige Revisorin einer Großbank, ich lasse mir keinen Blödsinn erzählen.“ Stattdessen informierte sie die Polizei.

Auch Helmut B. aus Seckbach wandte sich an die Kripo. Der falsche Polizeirat Müller hatte nicht locker gelassen, immer wieder angerufen und ihm am Ende sogar mit Gewalt gedroht. Daraufhin zog B. den Stecker aus der Telefondose und wechselte seine Rufnummer. Im Telefonbuch sind er und seine Frau jetzt auch nicht mehr zu finden.

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