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Nach Auseinandersetzungen mit Hells-Angels-Rockern nimmt die Polizei das Bahnhofsviertel immer verstärkt in den Blick.

Bahnhofsviertel im Blick

Territorium der Hells Angels

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Zwei Kerle mit kräftigen, tätowierten Oberarmen steigen aus ihren Autos und laufen in ein Bordell. „Hells Angels“, sagt eine Friseurin, die ein paar Meter weiter arbeitet, und nickt in die Richtung.

Zwei Kerle mit kräftigen, tätowierten Oberarmen steigen aus ihren Autos und laufen in ein Bordell. „Hells Angels“, sagt eine Friseurin, die ein paar Meter weiter arbeitet, und nickt in die Richtung. Die beiden Rocker kennt sie vom Sehen: „Der eine ist schon mehrfach festgenommen worden, taucht aber immer wieder auf.“

Die Frau kommt seit sechs Jahren ins Bahnhofsviertel, um Haare zu schneiden und damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auf die Hells Angels angesprochen, gibt sie zwar bereitwillig Auskunft, ihren Namen möchte sie aus Angst aber nicht in der Zeitung lesen: „Ich habe drei Kinder“, entschuldigt sie sich.

Hinterher erzählt die Frau aber fast nur Gutes über die Hells Angels: „Die haben sicher einen kriminellen Hintergrund. Ich hatte aber noch nie Probleme mit ihnen.“ Einmal habe ihr einer der Rocker sogar geholfen, als ein Mann zudringlich wurde. „Der Hells Angel hat den Kerl beiseite genommen und ihm gesagt, dass er schleunigst abhauen soll.“

Nach den Schüssen in der Frankfurter Innenstadt, die mutmaßlich auf das Konto der Hells Angels gehen, befürchtet die Frau keine Racheakte im Bahnhofsviertel. Eine Kundin, die gerade den Salon betritt, fühlt sich weniger sicher: „Ich habe schon Angst vor diesen Rockern – wie die schon aussehen!“, sagt sie. In einem Lokal zu sitzen und von Schüssen überrascht zu werden, hält sie für „eine schreckliche Vorstellung“.

Ureigenes Territorium

Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist das ureigene Territorium der Hells Angels. Die Rocker und ihre Unterstützer (Supporter) arbeiten als Betreiber von Bordellen, Nachtclubs und Lokalen, außerdem als Wirtschafter und Türsteher. Klar, dass die Frankfurter Polizei ihre Präsenz im Quartier nach den Schüssen an Christi Himmelfahrt erhöht hat.

„Am Montag stand ein Polizeiauto stundenlang direkt vor meiner Spielhalle“, schimpft Wolfgang Schroth, Betreiber des „Sky Casino“ an der Ecke Taunus-/Elbestraße. Die Beamten hätten einfach im Wagen gesessen und die Laufhäuser ringsum beobachtet. „Das hat mich ohne Zweifel viele Kunden gekostet, man musste ja geradezu denken, dass die Polizei in meiner Spielhalle ist.“ Als Schroth zeigt, wo das Auto stand, laufen zufällig drei Männer vorbei, die ihm bekannt vorkommen: „Das sind Zivilpolizisten“, sagt er.

Die blutige Auseinandersetzung auf dem Friedrich-Stoltze-Platz wundert den Glücksspielunternehmer nicht: „Die Jungs tragen ihre Konflikte eben anders aus als wir“, zeigt er sich abgebrüht. Dass ausgerechnet in der belebten Innenstadt geschossen wurde, geht ihm aber zu weit: „Da laufen doch auch Kinder rum.“ Worum sich der Streit gedreht haben könnte, weiß Schroth nicht: „Das wird wahrscheinlich niemand erfahren.“

Entspannte Gastronomen

Die Schüsse am Himmelfahrtstag sollen von Hells Angels abgegeben worden sein, die zuvor vor der „Helium“-Bar saßen. Die Gastronomen im Bahnhofsviertel können sich die Szene lebhaft vorstellen. Einen „Rockerkrieg“ und Schüsse vor dem eigenen Lokal befürchten sie aber nicht: „In Frankfurt gibt’s keinen Rockerkrieg, dafür passt die Polizei viel zu gut auf“, sagt der Mitarbeiter einer Eisdiele. Der beste Selbstschutz sei, sich von den Hells Angels und ihren Geschäften fernzuhalten: „Wenn man den Finger nicht in Sch... steckt, dann stinkt er auch nicht.“ Der Betreiber einer Bar, die eine ähnliche Zielgruppe hat wie das „Helium“, sieht die Sache ähnlich: „Ich habe keine Angst. Von den Hells Angels bekomme ich in der Bar nichts mit. Auch als Gäste tauchen die hier so gut wie gar nicht auf.“

Es gibt aber auch andere Stimmen im Bahnhofsviertel: „Ich hoffe, dass sich der Konflikt nicht hierher verlagert“, sagt ein Sozialarbeiter. „Das liegt ja jetzt eigentlich nahe.“ Auch nach den Schüssen vor dem „Katana“-Club vor knapp zwei Jahren brodelte es im Bahnhofsviertel. Die mit den traditionalistischen Frankfurter Hells Angels verfeindeten, türkischen Höllenengel aus Gießen drehten mit Unterstützern eine Runde durchs Quartier. Ob die offene Auseinandersetzung in der vergangenen Woche ebenfalls aus einem Streit zwischen den beiden Gruppen hervorging, ist allerdings noch unklar.

Ein Bordellbetreiber aus dem Bahnhofsviertel macht gute Miene zur angespannten Lage: „Bei uns läuft der Alltag weiter, in Aufregung ist nach den Schüssen niemand.“ Äußerlich präsentiert sich das Bahnhofsviertel am Tag 5 nach der Auseinandersetzung tatsächlich wie immer: Vor dem Drogenkonsumraum in der Elbestraße hängen Junkies herum. Eine Straße weiter wirbt eine Animierdame vor einem Etablissement um Kunden. Zwischen zwei parkenden Autos in der Moselstraße setzt sich eine Frau einen Schuss. An der Elbestraße stelzt eine Prostituierte auf und ab. Und gelegentlich fährt ein Polizeiauto vorbei. Der ganz normale Wahnsinn in einem nicht ganz normalen Quartier. (chc)

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