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Passanten und Häuser in der Münchener Straße spiegeln sich in einer Schaufensterscheibe. Trauer und Entsetzen herrscht nach dem mutmaßlich rechtsradikalen Anschlag in Hanau mit mehreren Toten auch im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Terror-Anschlag in Hanau

Frankfurts türkische Gemeinde nach dem Anschlag in Hanau: Sorge, Trauer und die Suche nach Normalität

Nach dem Terror-Anschlag in Hanau ist der Schock in der türkischen Gemeinschaft in Frankfurt groß.

  • Wie reagiert die türkische Gemeinde in Frankfurt auf den Terror-Anschlag in Hanau?
  • Es herrschen Sorge und Trauer in Frankfurt
  • Dietürkische Gemeinde ist auf der Suche nach Normalität

Frankfurt - Auf den ersten Blick wirkt alles wie immer in der Münchener Straße im Frankfurter Bahnhofsviertel, die wie kaum ein anderer Ort die multikulturelle Mischung der Stadt verkörpert: Frauen mit Kopftüchern und langen weiten Mänteln prüfen das Obst oder Gemüse in den Auslagen der Geschäfte. Männer lassen Gebetsperlen durch die Finger gleiten, während sie auf den Beginn des Freitagsgebets in einer der Moscheen in der Straße warten. Es herrscht geschäftiges Treiben in den Läden und Restaurants türkischer und marokkanischer, afghanischer oder pakistanischer Geschäftsleute - so etwas wie Normalität am Tag nach dem Schock über den Anschlag in Hanau.

Auch die Deutsch-Marokkanerin Ghislane Abouassam hat ihren Kinderwagen in einen Innenhof geschoben und ihre Einkäufe erledigt. "Ich mache mir nicht so viel Gedanken, dass auch hier etwas passieren könnte, sonst würde ich verrückt", sagt die junge Frau, während sie ihre Einkäufe verstaut. "Aber meine Schwiegermutter traut sich heute nicht aus dem Haus - sie geht noch nicht mal in die Moschee."

In der Community kursierten Whatsapp-Nachrichten, Gerüchte, dass es auch in anderen Städten der Rhein-Main-Region Anschläge gegen Muslime oder Menschen mit Migrationshintergrund geben könnte. Videos von den Tatorten in Hanau würden verbreitet.

Türkische Gemeinschaft nach dem Anschlag in Hanau: keine Kapitulation vor dem Terror

"Ich war erst in der vergangenen Woche in Hanau bei einer Freundin", erzählt Abouassam. Ihre ebenfalls in Hanau lebende Cousine sei am Donnerstag so verstört gewesen, dass sie nicht einmal in der Lage gewesen sei, zur Mahnwache für die Toten von Hanau zu gehen. "Sie hat es einfach nicht geschafft, das Haus zu verlassen." Abouassam will sich von diesen Ängsten nicht anstecken lassen, auch wenn sie selbst wiederholt angegriffen und beleidigt worden sei, seit sie vor vier Jahren begann, das Kopftuch zu tragen. "So etwas kann wirklich jeden treffen, überall", meint sie nachdenklich. Doch ihr Alltag solle nicht durch den Anschlag von Hanau verändert werden - das wäre eine Kapitulation vor dem Terror.

"Die Polizei müsste aufpassen, mehr Präsenz zeigen - gerade an einem Freitag, wenn viele Menschen zum Gebet kommen", sagt der Geschäftsmann Alim Cosgun, der mit Bekannten an einem Stehtisch ins Gespräch vertieft ist. "Wir haben jetzt Angst, gemeinsam in die Moschee zu gehen", ergänzt ein anderer Mann, der nicht namentlich genannt werden will. Er hoffe, dass die Ermittlungen gut voran kommen und alles aufgeklärt wird. "Ich hoffe, es wird nicht so wie beim NSU." Die rechtsextreme Terrorzelle hatte über viele Jahre unentdeckt Menschen mit ausländischen Wurzeln ermordet. Der Mann sagt, er sei 56 Jahre alt und lebe seit 40 Jahren in Deutschland. "Ich bin hier zu Hause, ich habe hier meine Familie gegründet - wie kann man mir sagen, ich sei ein Fremder?"

Frankfurter Stimmen nach dem Anschlag in Hanau: „Die Politik hat zu lange geschwiegen“

"Die Politik hat zu lange geschwiegen", meint Cosgun. Er fühle sich traurig angesichts der Toten von Hanau. "Das sind schwere Tage." Hat er jetzt Angst, wenn seine Kinder abends eine Shisha-Bar besuchen? Cosgun macht eine abwehrende Handbewegung: "Die müssen um neun zu Hause sein - Shisha-Bars gefallen mir nicht."

Auch die Kommunale Ausländervertretung Frankfurt (KAV) ist zutiefst geschockt: "Es ist ein rechter Terrorakt. Solchen rechtsradikalen Vorfällen muss endlich ein Ende gesetzt werden", fordert Vorsitzender Jumas Medoff. Das Gremium ruft dazu auf, dass die Tat lückenlos aufgeklärt wird, um das friedliche Zusammenleben der Bürger nicht zu gefährden.

Ein Statement in Frankfurt: „Es darf keinen sicheren Raum für rechtsextremes Gedankengut geben“

In einer Shisha-Bar in der Münchener Straße sind die Türen geschlossen - allerdings nicht aus Sicherheitsgründen, sondern angesichts der frühen Tageszeit. Ein 50 Jahre alter Supermarktmitarbeiter glaubt, dass zumindest für eine Weile der Besuch in einer Shisha-Bar mit einem mulmigen Gefühl verbunden sein wird. "So ein Ort, wo sich die Menschen abends treffen, der könnte auch von einem anderen Wahnsinnigen angegriffen werden. Aber in ein paar Monaten werden die Menschen diese Ängste wieder vergessen. Sonst kann man doch gar nicht weiterleben."

Das betont auch der Frankfurter Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel (SPD): "Es darf keinen sicheren Raum für rechtsextremes Gedankengut und seine Vertreter mehr geben. Die Hintergründe dieser abscheulichen Tat und mögliche Verbindungen zu Unterstützern müssen so schnell es geht aufgeklärt werden. Das schulden wir den Opfern und ihren Angehörigen."

Eva Krafczyk/red

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