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Um 7 Uhr morgens startete Marlen Heßler in Zeilsheim ihre Odyssee quer durch Frankfurt bis nach Bergen-Enkheim.

Projekt Junge Zeitung

Testfahrt durch Frankfurt: Fahrradfreundlich sieht anders aus

Der Frühling naht. Viele wecken das Fahrrad aus dem Winterschlaf und machen sich auf den Weg. Aber wie komfortabel und sicher sind Frankfurts Radwege? Wir haben es getestet – bei einer Fahrt quer durch die Stadt von Zeilsheim nach Bergen-Enkheim.

In Frankfurt wird es den Fahrradfahrern nicht leicht gemacht. Zwar gibt es zahlreiche Fahrradwege – aber die enden oft mitten auf der Straße. Wer die Fahrt in Frankfurt wie ich nicht gewohnt ist, kann sich dabei schon ziemlich erschrecken.

Nicht jeder wohnt so nah an der Metropole, dass er den gesamten Weg von Zuhause aus mit dem Rad zurücklegen könnte – leider. Denn der Transport des Fahrrads in öffentlichen Verkehrsmitteln ist eine echte Herausforderung, wie ich morgens um 6 Uhr auf der Fahrt nach Zeilsheim feststelle. Die Bahnen sind bereits so voll, als würden alle Menschen ihren Weg zur Arbeit gleichzeitig antreten. Noch schlimmer ergeht es mir am Abend: Für den Versuch, mein Fahrrad in Bergen-Enkheim in den überfüllten Bus zu quetschen, ernte ich finstere Blicke. Ein Mann verweist mich auf ein Schild. Darauf steht, dass der Transport von Rädern zu Stoßzeiten nicht vorgesehen ist. Ich gebe auf.

Sich ohne Motor fortzubewegen, entlastet Umwelt und Verkehr. Wie man das Radfahren fördert, zeigen viele deutsche Städte, Münster und Freiburg zum Beispiel. Aber auch europäische Städte wie Amsterdam, Cambridge oder Kopenhagen, wo den Radfahrern eigene Promenaden gewidmet sind, machen eine gute Figur. Dort gibt es sichere Wege abseits der Autos.

In Frankfurt fehlt das an vielen Stellen. Wer sich hier nicht in Signalfarben kleidet, wird leicht übersehen. Und das kann fatal enden. Allein 2015 waren 808 Radfahrer in Frankfurt an Unfällen beteiligt. Kein Wunder also, dass die meisten Radler mit Helm unterwegs sind. Die Mode wird zugunsten der Sicherheit gerne vernachlässigt: Herren im Anzug, die ihre Hosenbeine mit Gummibändern von der Kette fernhalten, sind ebenso zu sehen wie Damen im Rock, die Sportschuhe tragen. Sie alle scheinen den Weg zu kennen und fahren dem Ziel zügig entgegen. Wer an der Ampel schläft, wird auch mal angeklingelt, da verstehen die morgendlichen Radfahrer ebenso wenig Spaß wie ihre Auto fahrenden Kollegen.

Der Weg von Zeilsheim nach Bergen-Enkheim wirkt sehr einfach auf der Karte. Auf dem Fahrrad habe ich aber weder Karte noch Navigationsgerät. Los geht es um 7 Uhr morgens an der S-Bahn-Station Zeilsheim. Mit meinem weißen Mountainbike begebe ich mich auf den Weg Richtung Höchst. Bald gerate ich an eine große Kreuzung an der Leunastraße. Ich glaube, dass ich links abbiegen muss. Vielleicht sollte ich auch schon früher abbiegen, so genau habe ich mir die Karte leider nicht eingeprägt. An dieser Stelle jedenfalls gibt es weder eine Fußgängerampel noch eine andere Möglichkeit, wirklich sicher die Straße zu überqueren. Das bedeutet: Vom Fahrradweg am rechten Fahrbahnrand traue ich mich nicht, die andere Straßenseite anzusteuern, denn die Ampel ist grün und die Autos rasen mit beachtlicher Geschwindigkeit an mir vorbei. Die Annahme, dass die nächste Gelegenheit zum Abbiegen sich schon ergeben wird, stellt sich als falsch heraus. Umdrehen stellt wegen der anderen Radfahrer keine Option dar, also führt der Weg weiter nach Schwanheim.

Dort gerate ich an eine dreispurige Straße. Es bieten sich zwei Möglichkeiten: Ich kann entweder die Straße an einer Radfahrerampel überqueren oder ins Industriegebiet abbiegen. Ich entscheide mich für die erste Möglichkeit – eine gute Wahl. Es geht auf einem asphaltierten Weg durch die Felder. Bald zeigt sich die Skyline, die mir als Orientierung dient. Weiter geht es am Main entlang. Das ist eine schöne Strecke, gleichzeitig aber ein Umweg. Morgens nutzen viele Hundehalter den Weg, um Gassi zu gehen, Jogger laufen auf der Strecke und Spaziergänger begegnen einem auch. Dieser Weg stellt die schönere und sicherere Alternative dar, um sein Ziel zu erreichen.

Die Überquerung des Mains über die Friedensbrücke wiederum ist überhaupt kein Problem. Der Fahrradweg ist breit ausgebaut. Gerade dort aber, wo besonders viele Fahrradfahrer unterwegs sind, wird ihnen das Leben schwer gemacht. Rund um den Hauptbahnhof etwa, wo viele Berufspendler mit der Bahn ankommen, um sich dann von dort aus mit dem Rad auf den Weg zu ihrer Arbeitsstelle zu machen, enden die Wege unangekündigt. Und um die Straße zu überqueren, bleibt nichts anderes übrig, als die Fußgängerampeln zu gebrauchen oder quer über die Straße zu rasen, was allerdings nicht zu empfehlen ist. An den Überwegen ist zum Teil so wenig Platz, dass das Fahrrad nicht komplett draufpasst und der Hinterreifen noch auf die Straße ragt.

Fahrräder überall. Kaum nähert man sich dem Zentrum Frankfurts, sind sie nicht mehr zu übersehen. Wie Soldaten einer Rad-Armee kriechen die Radfahrer aus U-Bahn-Aufgängen, schießen aus Seitenstraßen oder steigen aus Straßenbahnen. Als Radler ist man nie allein, aber gesellig ist der gemeinsame Weg dennoch nicht unbedingt. An einer Kreuzung versuche ich mich im Dialog. „Guten Morgen!“, wünsche ich meinem Mitfahrer, ein kurzer Blick, dann wendet sich der Herr wieder der Straße zu. Kurz überlege ich, ob sein Verhalten der Uhrzeit geschuldet ist (es ist 8.30 Uhr), als der vermeintlich verschlafene Herr auch schon Gas gibt – die Ampel ist grün. Was die Kommunikation betrifft, ist der Arbeitsweg mit dem Fahrrad also von der Anfahrt in der Bahn kaum zu unterscheiden. Zwar schotten sich die Radfahrer nicht über eine Zeitung oder das Smartphone von der Außenwelt ab, aber einige tragen Kopfhörer mit lauter Musik. Die Gemeinsamkeit, auf einem Drahtesel zu fahren, genügt nicht, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Frankfurts Straßen sind in einem größtenteils guten Zustand, einzig die Baustellen können zu einem nervenaufreibenden Hindernis werden: In der Nähe der Mainzer Landstraße beispielsweise werden Fuß- und Fahrradweg um die Baustelle herum geführt. Dafür wurde die Fahrbahn ein Stück beschnitten und der Fahrradweg übergangsweise gelb markiert. Wenn die Autofahrer den gelben Streifen nicht ignorieren würden, wäre das schon ein großer Erfolg. Zahlreiche Fußgänger nutzen den gelben Streifen und behindern die Fahrradfahrer. Eigentlich wäre es sinnvoll, hier abzusteigen. So nähme man aber wesentlich mehr Platz ein und der schmale Weg ist dafür nicht ausgelegt.

Ein Umweg erwartet mich auch am Nibelungenplatz. An der Nibelungenallee würde es sich anbieten, links abzubiegen auf die Friedberger Landstraße. Doch die stark befahrene Kreuzung schreckt ab. Trotzdem begegnen mir einige tollkühne Fahrradfahrer, die es wagen, die Straße zwischen den Autos zu kreuzen.

Die Friedberger Landstraße sollten schreckhafte Radler wegen der vielen Autos am besten meiden. Besonders schlimm: Die Kreuzung Friedberger Landstraße/Dortelweiler Straße. Dort schneiden abbiegende Autos den Radweg. Beim nächsten Mal würde ich eine Alternative suchen . . .

In Bergen-Enkheim angekommen, wird es wieder deutlich angenehmer. Es sind nicht mehr so viele Autos unterwegs, es gibt Radwege und radlerfreundliche Ampeln. 25 Kilometer lang sollte die Strecke auf direktem Weg sein, mit empfehlenswerten Umwegen bin ich am Ende 34 Kilometer geradelt.

Mein Fazit: Für Anfänger empfiehlt es sich, die Strecken vorher auszukundschaften und eventuell Alternativen zu gefährlichen Streckenabschnitten zu suchen. Vor allem: Der Helm ist ein unverzichtbares Accessoire. Denn er gibt einem Selbstvertrauen auf Frankfurts Straßen.

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