Mephisto (im Hintergrund, Julian Böhme) zeigt Faust (Matthias Ulfeng) seine verführerischen Möglichkleiten auf.
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Mephisto (im Hintergrund, Julian Böhme) zeigt Faust (Matthias Ulfeng) seine verführerischen Möglichkleiten auf.

Antagon-Theater

Ein Theater für die Zukunft

  • vonThorben Pehlemann
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Das Antagon-Theater aus Fechenheim sucht die Zukunft des Theaters dort, wo es ursprünglich herkommt: Auf Plätzen und auf der Straße. Ein Jahr lang geschieht dies nun gemeinsam mit befreundeten Theatern aus England und Italien – und mit Geldern des EU-Projekts „Contact Zones“.

Theater ist vieles, je nachdem, wo man es aufführt: Auf der einen Bühne ist es klassisch, manchmal statisch, oft elitär. Auf der anderen Bühne ist es experimentell, wild und abstrakt. Das Antagon-Theater mischt beides auf eigene Weise. Es ist nicht an einen Ort, eine Bühne oder feste Form gebunden, sondern bunt und wild. Es ist Ausdruck einer Lebensweise, die manche als Hippie-Dasein verspotten, andere aber als notwendige Alternative zur modernen Konsumkultur begreifen: Antagon macht Theater auf Straßen und Plätzen.

Dort sollen innerhalb des nächsten Jahres auch die „Contact Zones“ des gleichnamigen Kulturprojekts der Europäischen Union (EU) entstehen. Teil des Projekts sind neben Antagon der britische Theaterzirkus „LIT – Lost in Translation“ aus Norfork und das italienische „Ondadurto Teatro“ aus Rom.

Die drei Theater werden sich ein Jahr lang über Wesen und Zukunft des „Theaters im öffentlichen Raum und seine gesellschaftliche Relevanz austauschen“, wie Antagon-Chef Bernhard Bub erklärt. Sie werden gemeinsam Stücke entwickeln und in allen drei Städten aufführen, für einzelne Projekte Schauspieler austauschen, Workshops durchführen und öffentliche Symposien abhalten, um ihr Publikum aktiv mit einzubeziehen. Einbringen wird Antagon auch sein neuestes Stück, Goethes „Faust 3“.

„Das Theater hat die Aufgabe, Themen zu behandeln, die die Bevölkerung bewegen“, erklärt Bub. In den „Contact Zones“ könne gemeinsam experimentiert und geklärt werden, was beim Theater auf der Straße möglich ist.

„Wir sind die Frontkämpfer in Sachen Theater“, sagt Bub, Antagon-Gründer und Visionär sowie Regisseur, Choreograf, Schauspieler, Musiker, Busfahrer, Schreiner und Bühnenbildner in Personalunion. Nach seiner Auffassung gehört das Theater nicht hinter dicke Kellerwände oder in verglaste Protzbauten, sondern dorthin, wo es ursprünglich herkomme: Auf die Straße.

Dass Antagon für das Projekt prädestiniert ist, zeigt ihre bereits angedeutete Lebensweise. Die aktuell 22 Theatermacher leben als Kollektiv in ihrem grünen Kleinod an der Orber Straße: Rund um eine ehemalige Speditionshalle herum, die per Handarbeit nach und nach zum Antagon-Hauptquartier herausgeputzt wurde, stehen Bauwagen und Busse, die zu Wohnungen umfunktioniert wurden.

Darin findet sich das Antagon-Verständnis eines freien Theaters genauso wie auf dem weitläufigen Hof des Geländes, wo ein 38 Tonnen schwerer Sattelschlepper und ein großer Tourbus auf ihren nächsten Einsatz warten: Theater bedeutet hier Hingabe bis in den intimsten Bereich des Privaten – und ein Leben in ständiger Bewegung. Mangels eigener Spielstätte in Frankfurt ist das Antagon-Kollektiv ständig unterwegs, zuletzt in Köln, demnächst im russischen St. Petersburg. Bis ins ferne Armenien fuhr der Antagon-Bus bereits.

„Wir befreien uns von der normalen Vorstellung von Theater, die einen Vorhang umfasst und ein Haus, in dem alle sitzen“, sagt Bub. An einem festen Spielort entstehe für den Zuschauer oft eine „zwanghafte Situation“, in der er sich „auf der Tribüne zusammengepfercht“ wiederfinde und sich mit Disziplin „etwas reinziehen“ müsse. „Man sucht dort die Freiwilligkeit“, sagt er und fügt hin: „Auch Shakespeare hat auf der Straße aufgeführt.“

Viele seiner Kollegen verträten die Haltung, es sei respektlos, wenn Zuschauer nicht „die Füße still halten“. Dies aber sei Theater mit erhobenem Zeigefinger. „Wenn das Publikum unruhig wird, ist das ein Zeichen, dass du es nicht mehr berührst.“ Im Straßentheater könne sich das Publikum ungezwungen so verhalten: Man könne aufstehen und Chips holen oder gar telefonieren. Mit Theater, das auf seinen Aufführungsort reagiere – wie in den „Contact Zones“ geplant –, könne eine besondere Atmosphäre entstehen, die stärker berühre als anderes Theater – etwa weil Nieselregen oder Sonne Einfluss nehmen.

Besonders wichtig ist für Bub, den Menschen freien Zugang zum Theater zu verschaffen – was Antagon in Frankfurt stets mit seinem Sommerwerft-Festival gelinge. Andere Theater verprellten mit hohen Eintrittskosten besonders das junge Publikum: „Das kommt immer weniger ins Theater, was zum Problem wird.“ Schon deswegen sei die Kulturpolitik aufgefordert, das Experimentieren mit anderen Theaterformen zu unterstützen. Erhört wurde Bub offenbar von der EU.

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