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Eine Gedenktafel erinnert an Silke Thielsch an der Stelle, wo der Angeklagte seinen Wagen anhielt.

Frankfurter Landgericht

Thielsch-Prozess: Der Notarzt fand keine Lebenszeichen mehr

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Der Prozess gegen den Todesfahrer, der vor zwei Jahren Silke Thielsch überrollt hatte, wird am 12. Januar fortgesetzt. Eigentlich ist die Beweisführung abgeschlossen. Es ist aber noch offen, wann mit den Plädoyers begonnen wird.

Nur noch den Tod hatte der Notarzt feststellen können, als er am 6. September 2015 kurz nach Mitternacht zu dem schlimmen Unfall nach Kriftel gerufen wurde. Ganz genau beschreibt er bei dem Prozess im Frankfurter Landgericht, wie der Alarm in der Hofheimer Wache eingegangen war und er dann vom Bürgersteig aus vergeblich nach Lebenszeichen der unter dem Mercedes eingeklemmten Silke Thielsch getastet hatte. Sie war auf dem Zebrastreifen aus den Armen ihres Lebensgefährten gerissen, unters Auto gezogen und mehr als 430 Meter mitgeschleift worden. An das im Radkasten eingeklemmte Bein erinnert sich der Mediziner noch gut. Weder Spontanbewegungen, Atem noch Puls habe er unter dem Auto wahrnehmen können.

Gemeinsam mit Feuerwehr habe er sich dann darauf konzentriert, den Körper aus der Lage zu befreien, sich später noch um die traumatisierten Helfer gekümmert, die die 41-Jährige zum Teil persönlich gekannt hatten. Der Arzt ist der letzte Zeuge in dem Prozess, der noch immer unter großer Anteilnahme der Krifteler stattfindet. Eigentlich wäre die Beweisführung jetzt abgeschlossen und die Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Nebenklage und dann der Verteidigung an der Reihe. Wie immer sind die Termine für Folgeverhandlungen knapp, zudem stellen die Verteidiger noch einen Beweisantrag. Bei einer Ortsbesichtigung im Beisein aller Prozessbeteiligten solle mit dem sichergestellten Unfallwagen der Kreisel bei Dunkelheit in verschiedenen Geschwindigkeiten befahren werden. Außerdem mit offener oder geschlossener Fensterscheibe, mal mit, mal ohne laufendes Radio geprüft werden, ob ihr Mandant die Schreie von Zeugen auf der Straße überhaupt hätte wahrnehmen können. Bei der Gelegenheit könne auch der Bordstein rechts und links vom Kreisel erneut in Augenschein genommen werden.

In seiner Einlassung nämlich hatte der Angeklagte gesagt, er glaubte über einen Bordstein gefahren zu sein, die Schreie der Zeugen habe er nicht gehört. Der Richter allerdings sieht in der Ortsbesichtigung – im Einklang mit Staatsanwaltschaft und Nebenklage – keinen Mehrwert an Informationen zur Beurteilung des Falls und lehnt den Antrag ab. Der Bordstein sei in den Lichtbildern ohnehin sichtbar, dass der Mercedes gegen Außengeräusche gut gedämmt sei, sei bekannt, die Geschwindigkeit lasse sich nach der Aussage des technischen Sachverständigen und der Zeugen auf ungefähr 25 Kilometer pro Stunde bestimmen. Die Verteidiger bringen einen weiteren Beweisantrag ins Spiel, der aber aus Krankheitsgründen noch nicht ausformuliert sei. Es gehe darum, einen zweiten Sachverständigen vorzuladen, der sowohl medizinische als auch technische Kenntnisse vorweise. Strittig ist nämlich nach vor die Frage, ob das Bein des Opfers überrollt worden sei, was den Vorwurf gegen den Angeklagten erschweren könnte. Die Gerichtsgutachterin hatte zwar keine Spuren eines Überrollens gesehen, es aber – auf Nachfragen – nicht ausschließen wollen. Für den technischen Gutachter ist die Verklemmung des Beins im Radkasten wiederum ohne vorheriges Überrollen nicht denkbar.

Ob ein weiterer Gutachter hinzugezogen wird, wird sich erst bei der nächsten Verhandlung am 12. Januar, ab 9.30 Uhr, zeigen. Sollte der Beweisantrag abgelehnt werden, würde der Richter gerne sofort mit den Plädoyers fortfahren. Im Raum stehen vonseiten der Anklage Totschlag oder aber vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge und damit Mindestfreiheitstrafen von fünf oder aber drei Jahren.

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