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Michael Jackson, hier verkörpert von einem der wechselnden Darsteller der Gastspielproduktion ?Thriller Live? in der Alten Oper, war einer der unglücklichsten Einzelgänger der Popgeschichte.

Michael-Jackson-Musical

„Thriller Live“ hat Gastspiel-Premiere in der Alten Oper Frankfurt

Die Produktion aus dem Londoner West End zeigt einen „King of Pop“, der nach dem Grundsatz „Shake your Body“ zum Weltstar und zur traurigen Gestalt wurde.

Nach drei Minuten folgt schon der legendäre Griff in den Schritt, nach sechs Minuten darf der grazile Moonwalk über die Bühnenbretter tänzeln. Beide Markenzeichen erzeugen nicht zum letzten Mal bei der Premiere der Londoner West- End-Show „Thriller Live“ in der Alten Oper Frankfurt laut artikuliertes Wohlwollen in der Zuhörerschaft. Wer sich „dem Mann, der Musik, der Legende“ von Michael Jackson annähern will, muss nun mal – wie vom Original vorgelebt – Plakativität einbeziehen.

Adrian Grant, langjähriger Freund von Michael Jackson sowie Konzeptor und Executive Producer von „Thriller Live“, erkannte die wichtigen Faktoren einer Hommage an den „King of Pop“ schon bei den ersten Proben im Jahr 2006 mitsamt einer Preview im Londoner Dominion Theatre. Premiere feierte die Jackson-Revue dann im West End am 21. Januar 2009, im Lyric Theatre in der Shaftesbury Avenue. Mehr als zwei Stunden lang reiht sich tatsächlich ein Hit an den anderen. Michael Jackson gab der Inszenierung noch seinen künstlerischen Segen. Ein halbes Jahr später segnete der von einem halben Dutzend Akteuren in der Musical-Show verkörperte und gesungene Junggott gleich mehrerer Generationen selbst das Zeitliche. Seither tourt „Thriller Live“ unter der Anleitung von Regisseur und Choreograf Gary Lloyd erfolgreich durch die Weltgeschichte. Die Produktion gastierte schon in ganz Europa, in Südafrika, Japan und China. Tabu blieb allerdings ausgerechnet bislang Michael Jacksons Heimatland, die Vereinigten Staaten, wo er sein „Neverland“ hatte.

In Frankfurts Alter Oper lässt sich die mehr oder minder chronologisch gegliederte Vita des „King Of Pop“, der am 29. August dieses Jahres seinen 60. Geburtstag gefeiert hätte, noch bis einschließlich Samstag, 6. Oktober im Zeitraffer nacherleben. Mit gerade mal acht Jahren fungierte Michael Jackson schon als Aushängeschild und Hauptsänger von „The Jackson 5“ mit seinen Brüdern Jackie, Tito, Jermaine und Marlon. Im Alter von elf Jahren folgte von 1969 an dann der internationale Ruhm mit Hits wie „ABC“, „I Want You Back“ und „I’ll Be There“. Putzig dargestellt werden die „Jackson 5“ hier in buntkarierten Kostümen, mit monströsen Afroperücken auf den Häuptern und einem niedlichen Kinderdarsteller als vorpubertärer Michael.

Schnurstracks wechselt die Szenerie, als „The Jackson 5“ zu „The Jacksons“ mutieren, da nach der Wechsel von der Plattenfirma Motown zu Epic/CBS der ursprüngliche Name vom einstigen Mentor Berry Gordy gerichtlich untersagt wurde. Mit den Tänzflächenfüllern „Blame It On The Boogie“ und „Shake Your Body (Down To The Ground)“ startet das nunmehr jungmännliche Quintett zwar nochmals neu durch, aber als Michael bei der Produktion des Hollywood-Musicals „The Wiz“ Produzent Quincy Jones kennenlernt, mit ihm die kongeniale Solo-LP-Blaupause „Off The Wall“ (’79) zusammenzaubert und erstmals sämtliche Rekorde bricht, gerät die bis dato so eingeschworenen Brüder-Band auf eine Karriere-Seitenlinie.

Auch „Thriller Live“ werkelt am ewigen Heiligenschein des am 25. Juni 2009 mit gerade mal 50 Jahren an einer akuten Vergiftung durch Propofol und Benzodiazepine gestorbenen Jackson: In einer Reihe wird er da mit Martin Luther King, John F. Kennedy, Mutter Teresa, Gandhi, Nelson Mandela und Barack Obama auf Großbildschirm projiziert.

Während sich die Show-Crew aus Vokalisten, Tänzern und Live-Band in eine weitere Friedenshymne vertieft, flimmern Begriffe wie „Hunger“, „Racism“, „War“ und „Conflict“ auf – Jackson als überirdischer Heilsbringer. Ähnlich wie beim „King Of Rock ’n’ Roll“ Elvis Presley, der seit seinem Tod 1977 mit 42 Jahren auf den Bühnen ein Dasein als Saubermann in strassbesetztem weißem Karateanzug fristet, kommt in Sachen Jackson Heikles wie Weltfremdheit, Schönheitschirugie, Prozesse und Medikamentensucht erst gar nicht aufs Tapet. Michael Jackson bleibt die ewige Lichtgestalt, der schnöderweise eine höhere Macht seine Mission versagte, die Welt zu einem grundlegend besseren Ort zu machen.

Wie im Rausch durchmessen die in schöner Regelmäßigkeit sich im Vortrag abwechselnden Vokalisten durch die zahllosen Evergreens der Superlativen-Ära mit den multiplatinen Alben „Thriller“, „Bad“, „Dangerous“, „HIStory: Past, Present And Future, Book I“ und „Invincible“. Da feiert der „Smooth Criminal“ ebenso fröhliche Urständ wie „Dirty Diana“ und „Billie Jean“. Andererseits wird aber auch kundgetan, dass „Bad“ zu sein unglaublich cool ist. Die Untoten tanzen auf dem Friedhof zu Hollywood-Mime Vincent Prices gespenstischer Rezitation in „Thriller“. Wird weiter eifrig am Weltfrieden gebastelt, in „Black Or White“, „Man In The Mirror“ und „They Don’t Care About Us“. Komplett angetan von der leidenschaftlich souverän dargebotenen musikalischen Lebensgeschichte zeigt sich das Premierenpublikum, als es zum Finale minutenlang im Stehen Donnerapplaus spendet.

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