Bankraub 1952

Die Toten von Bockenheim

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Am 16. August 1952 stürmen drei junge Männer eine Bankfiliale in Bockenheim, erschießen zwei Menschen und verwunden einen dritten schwer. Der Überfall sorgt europaweit für Entsetzen - und gilt bis heute als einer der brutalsten in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Drei Männer hetzen durch die schmalen Wege einer Kleingartenanlage in Ginnheim. Sie zittern heftig, keuchen. Einer von ihnen – ein großer Blonder – kann kaum laufen. Dunkles Blut färbt sein Hemd rot.

Die Männer schleppen sich in eine Gartenhütte, lassen sich auf die Bänke fallen. Einen Moment lang sagen sie nichts. Hören nur auf ihren rasenden Herzschlag.

Es ist schiefgegangen.

Reich wollten sie werden, reich und sorgenfrei. Ganz schnell sollte es gehen: rein in die Deutsche Effecten- und Wechselbank am Kurfürstenplatz, dem Kassierer einen Schreck einjagen, das Bargeld zusammenraffen, abhauen.

Daraus ist nichts geworden. Der große Blonde liegt in seinem Blut. Ein Schuss hat seine Lunge zerfetzt; ein zweiter hat sich in seinen Oberarm gebohrt. Erbeutet haben sie nur ein paar hundert Mark. Und am Kurfürstenplatz liegen zwei Tote.

In diesen Minuten in der Gartenhütte wird den Männern klar, was sie getan haben.

Sie sind zu Mördern geworden.

Dass Johann Maiss, Karl Heinz Maikranz und Rudolf Kirchner im Jahr 1952 als Bankräuber bundesweit Schlagzeilen machen würden, war alles andere als absehbar. Die jungen Männer – Maiss und Kirchner sind 28, Maikranz 24 Jahre alt – kommen aus angesehenen Bockenheimer Familien, arbeiten in gutlaufenden Handwerksbetrieben. Sie wirken wie Musterbeispiele für das neue Deutschland der ersten Nachkriegsjahre.

Aber das ist nur Fassade. Seit den späten 40ern betreibt das Trio ein lukratives Nebengeschäft in und um Frankfurt: Sie brechen in die Wohnungen wohlhabender Bürger ein, führen Betrügereien durch – und horten Waffen und Handgranaten.

Denn sie wollen mehr. Bei einem Bankraub wollen sie Geld machen, richtig viel Geld. „Wenn dabei einer draufgeht: nicht schlimm“, soll Maikranz verkündet haben. Sie besorgen Waffen – amerikanische Militärpistolen, Kaliber 11 Millimeter. Sie hecken einen Plan aus. Maiss, der talentierte Mechaniker ,sucht die Bank am Kurfürstenplatz aus. Weil sie schlecht gesichert ist und man schnell wegkommt.

Rudolf Kirchner verabschiedet sich einen Tag vor dem Banküberall von seinen Kollegen. Er sagt, er müsse eine Tante abholen – „eine Erbtante, sozusagen.“

Am Samstag, 16. August 1952, um 12.07 Uhr, halten Maikranz, Maiss und Kirchner mit einem braunen VW vor der Filiale der Deutschen Effecten- und Wechselbank am Kurfürstenplatz. Sie tragen Strumpfmasken über den Köpfen, Maikranz und Maiss halten Pistolen in den Händen.

Zu dritt stürmen sie in die Schalterhalle. Dort befindet sich nur der Prokurist Karl Wagner. Maiss und Maikranz reißen ihre Waffen hoch: „Hände hoch!“ Der Prokurist wird panisch, schreit um Hilfe. Aus dem Hinterzimmer eilen der Kassierer Ernst Wahl und der Kassenbote Ludwig Zeller hinzu.

Maikranz und Maiss zögern keinen Augenblick, feuern los. Wahl wird von mehreren Kugeln getroffen. Er bricht zusammen, ist aber nicht sofort tot. Als er sich aufrichten will, jagt Maikranz ihm aus nächster Nähe mehrere Kugeln in die Brust.

Der ebenfalls angeschossene Bankangestellte Zeller stürzt sich auf den Räuber Kirchner, will ihn überwältigen. Maikranz und Maiss schießen erneut. Zeller wird getroffen. Heftig blutend schleppt er sich bis in den Hinterhof des Bankgebäudes. Dort bricht er sterbend zusammen.

Auch der Bankräuber Kirchner ist verletzt worden. Eine Kugel aus den Waffen seiner Freunde hat sich durch seine Lunge gebohrt, eine andere in den Oberarm.

Die Bankräuber geraten in Panik. Hektisch raffen sie ein paar Geldscheine zusammen. Eine Geldkassette mit 40.000 Mark in bar übersehen sie. Sie stürzen zu ihrem Volkswagen, geben Vollgas, in Richtung Ginnheimer Höhe. Ein Kaufmann nimmt zunächst die Verfolgung auf, kann aber nicht mit dem Tempo der Bankräuber mithalten.

Eine Dreiviertelstunde später kauern Maiss, Maikranz und Kirchner in der Gartenhütte in Ginnheim. Ihre Kleider sind schweißgetränkt, die Hände zittern, die Augen sind weit aufgerissen.

Dass es schiefgehen könnte, hatten sie einkalkuliert. In dem Fall wollten sie sich nach Frankreich absetzen und bei der Fremdenlegion melden.

Aber was tun mit Kirchner? Der Mechaniker blutet heftig, das Atmen fällt ihm schwer.

Maikranz schlägt vor, Kirchner an Ort und Stelle zu erschießen. Aber davon will Maiss nichts wissen: Kirchner ist sein Freund. Er überredet Maikranz, den Verletzten zurückzulassen und zu flüchten, so weit weg wie möglich.

Sie sagen Kirchner Lebewohl und verlassen die Hütte. Der Verletzte bleibt alleine zurück. Nach kurzer Zeit findet ihn ein Suchtrupp der Polizei.

Maiss und Maikranz schlagen sich in den nächsten Tagen bis in die Pfalz durch, dann bis zur französischen Grenze. Sie kriechen unter Stacheldrahtzäunen durch und trampen bis nach Straßburg, wo die Fremdenlegion Rekruten aufnimmt. Als sie erfahren, dass sie detaillierte Angaben zu ihrer Person machen müssen, bekommen sie kalte Füße. Raffen das bisschen Geld zusammen, das sie haben, und flüchten weiter gen Süden, bis nach Besancon an der Grenze zur Schweiz.

Was dann geschieht, ist nicht klar. Fest steht, dass auch die französischen Zeitungen über den Raub berichten. Maiss und Maikranz dürften die Schlagzeilen sehen. Irgendwann zerstreiten sie sich und Maiss geht zur französischen Polizei. Dort gibt er den Gendarmen mit Händen und Füßen zu verstehen, wer er ist . Nach wenigen Minuten klicken die Handschellen. Weil Maiss und Maikranz sich illegal in Frankreich aufhalten, müssen sie zunächst eine zweimonatige Haftstrafe verbüßen. Dann werden sie ausgeliefert. Rudolf Kirchner erholt sich währenddessen von seinen Schusswunden. Im Frühjahr 1953 ist er prozessfähig.

Das Verfahren gegen die Bankräuber von Bockenheim beginnt Ende April 1953 und dauert nur ein paar Tage. Maiss, Maikranz und Kirchner zeigen erschreckend wenig Reue, notieren die Gerichtsreporter. Der Richter spricht von „kaltherzigen Verbrechernaturen“ – und verurteilt sie zu lebenslangen Haftstrafen.

Rudolf Kirchner stirbt im Gefängnis. Johann Maiss und Karl Heinz Maikranz werden nach etwa 25 Jahren entlassen. Was aus ihnen geworden ist, ist unbekannt. 

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