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Frankfurt: Neue Straßenbahn der VGF muss zum Tram-TÜV

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Von: Dennis Pfeiffer-Goldmann

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Das ist die neue Straßenbahn: Der T-Wagen wird vom 12. Dezember an durch Frankfurt fahren.
Das ist die neue Straßenbahn: Der T-Wagen wird vom 12. Dezember an durch Frankfurt fahren. © Michael Faust

Die neue Baureihe T der Straßenbahn wird vom 12. Dezember an durch Frankfurt fahren. Beim Tram-TÜV zuvor fällt aber einiges auf.

Frankfurt – Sie fährt ruhig, sehr ruhig. Rollgeräusche sind kaum zu hören. Kein Blinker klackert, in Kurven knickt das Fahrzeug nicht ein. Die Beschleunigung ist stark, und selbst bei starkem Bremsen bleibt es geschmeidig. Kurzum: Im neuen T-Wagen mitzufahren, ist einfach angenehm.

Vom Fahrplanwechsel an werden Fahrgäste erstmals mit der neuen Straßenbahn fahren können. 58 davon hat die Stadt bestellt, 24 Stück sind gut 30 Meter lang – etwa so lange wie die Vorgängertypen R und S. Hinzu kommen 34 T-Wagen mit 40 Metern Länge, die deutlich mehr Platz für Fahrgäste bieten und auf den Linien 11 und 16 verkehren sollen.

Bevor der erste der neuen Wagen im Fahrgastbetrieb rollen darf, hat der Gesetzgeber die Inbetriebnahmegenehmigung gesetzt. An der arbeiten Projektleiter Siegmund Wiecha (63) und sein Team, seit das erste Fahrzeug von Hersteller Alstom mit Nummer 302 Ende März in der Stadtbahnzentralwerkstatt an der Heerstraße eintraf. Wiecha war in den 2000er-Jahren schon bei der Einführung des S-Wagens beteiligt und leitete zuletzt die Einführung des U-Bahn-Wagentyps U5.

Neue Straßenbahn in Frankfurt: Drehgestelle wie im Hochgeschwindigkeitszug TGV

15 Jahre später nun die nächste Inbetriebnahme: „Das war eine elend lange Latte an Tests“, sagt Wiecha. Die waren aufwändig, da die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) erneut Neuland betrat – wenn auch nicht so sehr wie in den 1990ern, als sie mit dem R-Wagen die weltweit erste Niederflur-Tram in Betrieb nahm. Neu für Frankfurt ist jetzt die Zusammenarbeit mit dem weltweit zweitgrößten Schienenfahrzeughersteller. „Wir müssen das eine oder andere voneinander lernen“, erklärt Wiecha. Er meint das positiv. „Man merkt, dass die DNA der großen Bahn drinsteckt.“

Das hat Vorteile, etwa weil viele bewährte Bauteile aus dem riesigen Alstom-Konzern im T-Wagen stecken. Die hohe Vereinheitlichung spart Geld bei der Herstellung wie auch später bei der Instandhaltung bei der VGF. Etwa bei den vier Bremssystemen. Oder den platzsparenden Drehgestellen samt daneben sitzender Motoren. Die sind – in größerer Version – auch im französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV verbaut. So kann der Boden im Fahrgastraum stufenfrei bleiben.

Neu ist der Bordrechner, den der Fahrer nun via Touchscreen-Monitor bedient. Der Rechner steuert zum Beispiel den Gleitschutz, das ABS der Straßenbahn. Ebenso neu ist die Form des T-Wagens. Dass sich die Bahnen nicht nur nach oben, sondern auch elegant nach unten verjüngen, sei „der französische Chic“, sagt Wiecha. Die Front hat wegen strengerer Crashnormen ein langes Kinn erhalten. Prallt ein Auto dagegen, wird dieses nun mehr zur Seite weggeschoben und der Tram-Fahrer dadurch besser geschützt.

Dank einer neuen Software sollen Fahrgäste der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) verloren gegangene Wertgegenstände künftig noch schneller wiederfinden.

Neue Straßenbahn in Frankfurt: Warum die Lieferung so lange Verspätung hat

Der „Alstom-Standard“ hat aber auch seine Tücken. Nicht nur, weil er für Sonderwünsche kaum Raum lässt. „Wir müssen uns danach richten“, sagt Wiecha. Außer, wenn er den Qualitätsanforderungen des Kunden nicht genügt. Wie an den Eingangstüren, die nun mit grünen, vertikalen Leuchtstreifen außen die Fahrgäste leiten. Hinter den geöffneten Türen aber ließ ein mehrere Zentimeter breiter Spalt einen Blick in die Dämmung zwischen Innen- und Außenwand zu. „Das geht gar nicht“, sagt der Projektleiter. Nun ergänzt Alstom schwarze Blenden und eine Gummilippe und schließt den Zwischenraum.

„Erst mussten wir die groben Mängel abstellen“, erläutert Siegmund Wiecha. Wie die wackelnde Abdeckung rund um die Scheinwerfer, was einen zittrigen Lichtkegel zur Folge hatte. Danach folgte Detailarbeit – und die eigentliche Zulassung dauerte am Ende noch vier bis sechs Wochen.

Ein Nachteil der Zusammenarbeit mit einem Weltkonzern zeigte sich in der Corona-Pandemie, als die globalen Lieferketten zusammenbrachen. Nun kommt der T-Wagen erst mit einem Jahr Verspätung in den Dienst. Denn er ist durch und durch ein Kosmopolit: Gebaut wird er in Barcelona von einem Konzern aus Frankreich, der Wagenkasten stammt aus der Türkei, Stromabnehmer kommen von Schunk aus Heuchelheim bei Gießen, die Stromrichter aus Italien, das Türsystem aus China, die Klimaanlage eines US-Herstellers aus Tschechien, die Drehgestelle aus Frankreich.

Neue Straßenbahn in Frankfurt: Bildschirm an der Decke – doch darunter gibt es ein Problem

Nicht nur die VGF lernte, sondern auch Alstom. Projektleiter Wiecha zeigt auf den großen TFT-Bildschirm unter der Decke. Der habe nur 1,92 Meter Durchgang darunter freigelassen, doch seien 1,95 Meter das vorgeschriebene Mindestmaß – und die VGF habe 2,00 Meter gefordert. „Alstom hat damit richtig viel Arbeit gehabt.“ Die Ingenieure habe den Freiraum auf 1,98 Meter hingekriegt.

So etwas verblüfft, rollen doch weit über 2300 Alstom-Trams allein dieser Baureihe namens Citadis schon etwa in Sydney, Ottawa, Paris, Buenos Aires, Taiwan und Jerusalem. In Deutschland seien die Regeln einfach strenger, erklärt der Projektleiter. „Das ist hier eine andere Welt bei der Abnahme.“ Auch da deutsche Behörden keine englischsprachigen Dokumente akzeptieren.

Für Alstom sei der T-Wagen sehr wichtig, sagt VGF-Technikgeschäftsführer Michael Rüffer. Statt aus Aluminium wird er für Frankfurt aus steiferem Stahl gefertigt. Das sei für Bestandsnetze mit engeren Kurvenradien geeigneter. Zudem erarbeite sich Alstom nach mehr als einem Jahrzehnt Deutschland-Abstinenz bei Trams wieder Kompetenz für den hiesigen Markt. Mit Erfolg: Einen weiteren Auftrag aus Köln hat Alstom inzwischen gesichert.

Den finalen Test gab es vor wenigen Tagen: Nachts während der Betriebsruhe wurden Bremstests mit 70 km/h aus voller Fahrt zwischen Nieder- und Ober-Eschbach absolviert. In der Bahn: 22 Tonnen Stahlelemente, um eine Vollbesetzung zu simulieren. Anfang Dezember soll es die Inbetriebnahmegenehmigung des Regerungsprädisiums Darmstadt geben, die Tram-TÜV-Plakette. Dann ist der Weg frei, damit die Stadt den T-Wagen am 9. Dezember der Öffentlichkeit präsentiert kann.

Neue Straßenbahn in Frankfurt: Für die Fahrer gibt es ein ganz spezielles Geheimfach

Und wie gefällt der neue Wagen den Fahrern? „Die Rundumsicht ist sehr gut“, sagt Fahrlehrer Volker Martin (59), seit 1985 bei Stadtwerken und VGF. „Er bremst sehr gut.“ Das erfahren alle 850 Schienenbahnfahrer der VGF seit kurzem nach und nach, wenn sie von Martin, seinem Kollegen Andre Friedrich und drei weiteren Fahrlehrern unterwiesen werden. 30 werden bis zum Start der Fahrgastfahrten ausgebildet sein.

Oberstes Ziel bei der Gestaltung des Fahrerplatzes sei gewesen, dass sich die Fahrer nicht ständig von den anderen Baureihen Tram- und U-Bahn-Baureihen umgewöhnen müssen, erklärt Volker Martin. So musste Alstom einige Druckknöpfe einbauen statt der Touchscreen-Bedienung, etwa für den Blinker. Außenkameras und Monitore gibt es nun statt Rückspiegel. Sie wurden so platziert, dass der Fahrer sie im üblichen Rückspiegelblick sieht. Neu sind Details wie eine feste Flaschen- und Kaffeebecherhalterung, ein „geheimes“ Fach für den Rucksack des Fahrers und dass die Tür zum Fahrgastraum nun eine Schiebetür ist, keine Klapptür mehr. Sprich: Der Fahrer kann die Tür nun auch dann öffnen, wenn Fahrgäste wieder einmal achtlos direkt davor ihr Gepäck abgestellt haben.

Frankfurt: Auf diesen Linien fahren die neuen Wagen als erstes

Mit dem T-Wagen ist ab dem Fahrplanwechsel die neue Straßenbahn-Baureihe in Frankfurt unterwegs. Die Wagen werden vom 12. Dezember an zunächst in den Stoßzeiten eingesetzt und sollen die letzten älteren, noch mit Stufen ausgestatteten Trams ersetzen, die auf den Linien 15, 17 und 18 verkehren. Fahren werden die Fahrgäste übrigens anfangs nicht mit dem ersten ausgelieferten Fahrzeug mit Nummer 302, sondern mit dem zweiten mit Nummer 305. In diesem hat Alstom bereits alle Änderungen verbaut, die während der Inbetriebsetzung nötig wurden.

Wagen 302 geht später an den Hersteller zurück, damit er auch noch nachgerüstet wird, erklärt VGF-Technikchef Rüffer. Die nächste Lieferung erwartet die VGF für Januar, dann etwa jeden Monat einen weiteren Wagen. Später ersetzen die T-Wagen auch die meisten der R-Wagen aus den 1990er-Jahren. Die 40 Meter lange Langversion soll auf den besonders stark frequentierten Linien 11 und 16 nach Höchst, Fechenheim und Oberrad eingesetzt werden. 34 der 58 Fahrzeuge hat die Stadt daher als XL-Version geordert.

Mit Psychotricks wird Energie gespart

Und für die Fahrgäste? Die werden nicht nur die viel ruhigere Fahrt bemerken und breitere Durchgänge an den Faltenbalgen. Über vier Türen klappt das Ein- und Aussteigen schneller als bisher durch drei. Die Infobildschirme sind größer. An vielen Plätzen gibt es USB-Lademöglichkeiten fürs Handy. Größere Allzweckabteile bieten mehr Platz für Kinderwagen, Rollstühle, Fahrräder. Und innen ist die Bahn durchgehend ebenerdig – dank der kompakteren Drehgestelle und Motoren darunter. Die senken zudem den Energieverbrauch des T-Wagens, ebenso wie das insgesamt geringere Gewicht des Fahrzeugs.

Und die Innenbeleuchtung hilft auch beim Sparen: Das LED-Weiß wird im Sommer in einem kühleren Farbton leuchten, im Winter in einem wärmeren. Mit dem psychologischen Trick will die VGF Kühl- und Heizenergie reduzieren, erklärt Technikgeschäftsführer Rüffer. „Das haben wir uns in Skandinavien abgeschaut.“ (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

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