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Der Verein Infrau unterstützt Migrantinnen, die auf sich allein gestellt sind. Durch die Corona-Krise sind viele Frauen mehrfach belastet, auch der Verein selbst kommt an seine Grenzen.

  • Der Verein Infrau unterstützt alleinstehende Migrantinnen in Frankfurt
  • Viele der Frauen sind durch die Corona-Krise doppelt belastet
  • Auch der Verein selbst steht vor großen Herausforderungen

Frankfurt - Normalerweise kommen jeden Tag rund 200 Kinder, Mädchen und Frauen in die Räume des Vereins Infrau. Jetzt sitzt Geschäftsführerin Pantoula Vagelakou (47) alleine im interkulturellen Beratungs- und Bildungszentrum für Frauen, Mädchen und Seniorinnen. Ihr Team ist im Homeoffice und versucht rund um die Uhr zu erklären, Ängste zu nehmen und Trost zu spenden.

Doppelte Belastung durch Corona-Krise

Keine Kinderwagen im Flur, kein Kochen mit Mädchen, keine Deutschkurse, keine Alphabetisierungskurse, kein Sport, keine Umarmung, um Kraft zu geben. Diplom-Pädagogin Pantoula Vagelakou hat eine Tasse Kaffee in der Hand und lächelt. Mit Tränen in den Augen. „Alle haben Angst“, sagt sie. „Angst, etwas falsch zu machen. Angst, hilflos zu sein.“ Viele der Frauen, die sonst mit allen ihren Problemen und Nöten zu Infrau kommen, wohnen in Frauenhäusern oder mit der Familie in winzigen Zimmern. 

Viele der Mädchen, die sonst kommen, haben zu Hause keinen PC oder Laptop und keine Neuen Medien, um beim Home-Schooling mitzumachen. Viele ihrer Eltern sind Analphabeten oder sprechen kein Deutsch und können bei Hausaufgaben nicht helfen. „Der Druck für sie alle ist besonders groß. Sie fühlen sich hilflos und völlig überfordert“, so Vagelakou. „Sie leben mit der Corona-Krise hier und mit der Corona-Krise in ihren Heimatländern. Das belastet doppelt.“

Frankfurt bei sozialen Einrichtungen auch in Corona-Krise gut aufgestellt

Seit 35 Jahren ist der Verein Infrau eine der ersten Anlaufstellen für Migrantinnen nach der Ausländerbehörde. Vagelakou arbeitet seit mehr als 20 Jahren hier. Mit zehn fest Angestellten und mehr als 20 Freiberuflern. Die freiberuflichen Mitarbeiter können im Moment nicht unterrichten und sind die Opfer in finanzieller Hinsicht. „Es gibt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge noch keine Richtlinie für den Fall, dass E-Learning nicht möglich ist, und als gemeinnütziger Verein dürfen wir keine Rücklagen haben. Das ist für alle Vereine eine weitere Katastrophe. Wir sind jetzt alle gefährdet.“

Frankfurt ist bei sozialen Einrichtungen gut aufgestellt, die Vernetzung ist gut und man unterstützt sich gegenseitig. „Ohne Rettungsschirm für soziale Einrichtungen wird auf Dauer aber die ganze soziale Infrastruktur kaputt gehen“, fürchtet sie.

Schutzräume gibt es für viele in Frankfurt wegen des Coronavirus nicht mehr

Jetzt, wo die Frauen nicht mehr zum Verein gehen können, haben sie keinen Schutzraum als Rückzug mehr. Das lila Sofa im Mädchenzimmer ist leer, die Orchideen im Seniorinnenzimmer sind das einzig Lebendige. „Der Verein war schon mehrfach an der Grenze. Da haben wir auf Gehälter verzichtet, um Infrau am Leben zu halten. Was jetzt kommt, wissen wir nicht.“

Statt von 9 bis 19.30 Uhr arbeitet das Team rund um die Uhr. „In Team-Meetings via Skype besprechen wir, wie wir unsere 200 Frauen und Mädchen bei der Stange halten.“ Das tun sie in Whatsapp-Gruppen, per Telefon oder Brief. „Es ist meine Verantwortung zu wissen, was in den vier Wänden der Frauen passiert. Es ist meine Verantwortung für sie da zu sein“, so Vagelakou. Sie stellt fest, dass die Migrantinnen aus dem Stadtbild fast verschwunden sind. „Die Männer kümmern sich um den Einkauf. Die Frauen sitzen mit den Kindern zu Hause.“

Frauenhäuser in Frankfurt schon vor Corona-Krise überbelastet

Wegen der Enge kommt es vermehrt zu Aggressionen. „Die Frauenhäuser sind längst voll und überbelastet. Da können neue Gewaltopfer nicht hin. Unsere Forderung nach Hotelzimmern für ihre Aufnahme bleibt bisher ungehört. Ihre einzige Chance ist, die Polizei zu rufen und die Männer der Wohnung verweisen zu lassen. Das trauen sich die wenigsten, ihre Leidensgrenze ist hoch und sie werden viel aushalten müssen in ihren prekären Situationen.“

Ununterbrochen klingelt das Telefon, Whatsapp-Mitteilungen erscheinen, Briefe stapeln sich, der E-Mail Eingang füllt sich. Behördenpost wird fotografiert und geschickt oder im Briefkasten eingeworfen. „Das müssen viele. Sie verstehen den Inhalt nicht und haben kein Internet.“

Abgrenzung ist in der Corona-Krise nicht mehr möglich

Abgrenzung geht nicht mehr, erklärt Vagelakou. „Wir haben alle unsere Frauen und Mädchen jetzt zu Hause. Rund um die Uhr. Wir schalten unsere Köpfe nicht mehr aus. Meine Eltern, die Einwanderer der ersten Generation waren, haben mich gelehrt, dass sich das Leben von heute auf morgen ändern kann. Dass man nie über Menschen lachen soll, oder über sie urteilen. Sie hatten Recht. Das gibt mir die Kraft, die ich brauche, um niemanden im Stich zu lassen.“ Ihre Augen füllen sich mit Tränen, während sie auf dem langen Flur stehend lächelt. „Mir fehlen meine Mädchen, meine Frauen und meine Mitarbeiter. Aber wir schaffen das.“

VON SABINE SCHRAMEK

Rubriklistenbild: © Rainer Rüffer

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