Corona

Trotz Pandemie: OB animiert zum Shopping

  • vonMark-Joachim Obert
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Peter Feldmann will mit verbilligten ÖPNV-Tickets mehr Kunden in die Geschäfte locken. Doch sein Aufruf löst viel Kopfschütteln aus.

Frankfurt. In diesen Tagen, da Politik und Wissenschaft einen kompletten Lockdown erörtern und nicht mehr nur die Bundeskanzlerin die Bürger eindringlich bittet, schon jeden unnötigen Aufenthalt unter Menschen zu vermeiden, kommt Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) mit einer konträren Krisen-Strategie: Am heutigen Samstag dürfen auch erwachsene Frankfurter mit einem Kinderticket U-Bahn, Straßenbahn und Bus benutzen, teilte Feldmann gestern mit - also für 1,55 Euro statt für 2,75 Euro.

"Mit diesem Angebot ermöglichen wir den Fahrgästen am Samstag vor dem dritten Advent, kostengünstig unterwegs zu sein, um so ihren Weihnachtseinkauf zu erledigen", sagt Feldmann, der auch RMV-Aufsichtsratsvorsitzender ist. Das Motto zu der Idee, die er als seine ausgibt, liefert Feldmann gleich mit: "Sich wieder wie ein Kind fühlen."

Der Oberbürgermeister wolle damit den Einzelhandel unterstützen, erklärte auf Anfrage sein Sprecher Olaf Schiel und betonte, im Oberbürgermeisterbüro sehe man in der Aktion keinen Widerspruch zur dramatischen Pandemie-Lage. Der Einzelhandel spiele in der Infektionsdynamik ja keine Rolle, so Schiel. Er berufe sich dabei auf Zahlen aus dem Gesundheitsamt. Auch die Ansteckungsgefahr im öffentlichen Personennahverkehr schätzen der OB und seine Mitarbeiter als gering ein - "weil sich die allermeisten Frankfurter an die strikte Maskenpflicht halten", so Schiel.

Fakt ist: Die meisten Infektionswege sind nicht mehr zurückzuverfolgen, der Lockdown light im November erzielte nicht die erhofften Effekte. Wissenschaftler raten der Politik dringend dazu, möglichst bald rigorose Maßnahmen zu ergreifen, die Enge und Gruppenbildungen verhindern. In welchem Maße Geschäfte und der ÖPNV die Pandemie antreiben, lässt sich aus vorliegenden Daten nicht sagen. Infektiologen und Epidemiologen schreiben ihnen eine entscheidende Rolle zu - besonders in Stoßzeiten und im Weihnachtsgeschäft.

OB Feldmann ist da optimistischer. "Wir sehen nicht, dass es morgen wegen unserer Aktion in den Bahnen und Geschäften zu engen Situationen kommt", sagt Sprecher Schiel. Einzelhandelsverband-Vorstand Joachim Stoll ist sich da nicht so sicher und zeigte sich überrascht vom Vorstoß Feldmanns. "Das ist schlechtes Timing", so Stoll angesichts der Pandemie-Lage. Denn die Idee sei schon älter und auch nicht von Feldmann. Im Wirtschaftsrat der Stadt sei sie Anfang November erörtert worden. Im Gremium sitzt auch Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU). Er äußerte gestern auf Nachfrage indirekt Kritik: "Wir wollen doch jetzt alle besser zu Hause bleiben und Corona sehr ernst nehmen." mjo

Kommentar: Leute, seid vernünftiger als der Oberbürgermeister!

In einer Pandemie braucht es Verantwortungsgefühl und strategische Intelligenz. Das gilt vor allem für die Entscheidungsträger. Die Pandemie nimmt immer mehr Menschenleben, der große Lockdown steht bevor, selbst das Weihnachtsfest wird eingedampft, damit die Intensivstationen nicht endgültig unter der Last zusammenbrechen. Damit nicht noch mehr Menschen sterben. Politiker aller Ebenen ermahnen sich zur Geschlossenheit, weil es nicht mehr sein darf, unnötig Verwirrung zu stiften. Klarheit ist vonnöten, weil das Ziel klar ist. Man will das alles gar nicht mehr runterbeten, es ist alles so selbstverständlich. Nicht für Oberbürgermeister Feldmann. Die renommierte Frankfurter Virologin Sandra Ciesek hielt sein "Geschenk" gestern für einen Aprilscherz. Was man halt so sagt, wenn einem die Worte fehlen. Bleibt zu hoffen, dass die Frankfurter vernünftiger sind als ihr Oberbürgermeister und den Mist nicht mitmachen.

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