+
Donald Trump im deutschen Fernsehen. Foto: Hendrik Schmidt

Interview mit Amerikanistik-Professor Johannes Völz

"Trump hat den Menschen ein Ventil für ihre Wut gegeben"

JOHANNES VÖLZ: Ich muss zugeben, dass ich überrascht bin, obwohl ja klar war, dass es eng werden würde. Donald Trump hat in fast alle Bundesstaaten gewonnen, die als „Swing States“ gelten, wo also beide Kandidaten Chancen auf den Sieg hatten. Da lagen die Prognosen falsch.   Wieso konnten sich die meisten so täuschen? Hillary Clinton galt doch zuletzt als Favoritin. VÖLZ: Trump war kein herkömmlicher Kandidat, weil er sich so deutlich gegen das System gestellt hat. Seine Wähler haben das verstanden. Die Presse dagegen war so sehr auf Umfragewerte fixiert, dass sie ihn als Kandidaten normalisiert hat. Damit wurde die wahre Bedeutung Trumps, und damit auch das, was ihm die Wähler in die Arme getrieben hat, systematisch unterschätzt.   Was halten Sie für die "wahre Bedeutung"? VÖLZ: Trump hat erkannt, wie viele Menschen in den USA sich vom Mainstream der Gesellschaft abgehängt fühlen. Ökonomisch, politisch, aber auch kulturell. Es ist in beträchtlichen Teilen der Bevölkerung offenbar eine Wut auf das politische System entstanden, von der zwar im Vorfeld immer wieder die Rede war, deren Ausmaß wir aber unterschätzt haben. Trump hat den Menschen ein Ventil gegeben für ihre Wut.   In seinem Wahlkampf hat sich Trump als sprunghafter Politiker erwiesen, der seinen Emotionen folgt und unbeherrscht auftritt. Er hat viele Menschen beleidigt. Was lässt das für seine Amtszeit erwarten?

Herr Professor Völz, hat Sie der Sieg von Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen  überrascht?

JOHANNES VÖLZ: Ich muss zugeben, dass ich überrascht bin, obwohl ja klar war, dass es eng werden würde. Donald Trump hat in fast alle Bundesstaaten gewonnen, die als „Swing States“ gelten, wo also beide Kandidaten Chancen auf den Sieg hatten. Da lagen die Prognosen falsch.  

Wieso konnten sich die meisten so täuschen? Hillary Clinton galt doch zuletzt als Favoritin.

VÖLZ: Trump war kein herkömmlicher Kandidat, weil er sich so deutlich gegen das System gestellt hat. Seine Wähler haben das verstanden. Die Presse dagegen war so sehr auf Umfragewerte fixiert, dass sie ihn als Kandidaten normalisiert hat. Damit wurde die wahre Bedeutung Trumps, und damit auch das, was ihm die Wähler in die Arme getrieben hat, systematisch unterschätzt.

 

Was halten Sie für die "wahre Bedeutung"?

VÖLZ: Trump hat erkannt, wie viele Menschen in den USA sich vom Mainstream der Gesellschaft abgehängt fühlen. Ökonomisch, politisch, aber auch kulturell. Es ist in beträchtlichen Teilen der Bevölkerung offenbar eine Wut auf das politische System entstanden, von der zwar im Vorfeld immer wieder die Rede war, deren Ausmaß wir aber unterschätzt haben. Trump hat den Menschen ein Ventil gegeben für ihre Wut.

  In seinem Wahlkampf hat sich Trump als sprunghafter Politiker erwiesen, der seinen Emotionen folgt und unbeherrscht auftritt. Er hat viele Menschen beleidigt. Was lässt das für seine Amtszeit erwarten?

VÖLZ: Nichts Gutes. Trump ist ein Politiker mit einem extrem großen Ego. Er wird versuchen umsetzen, was er angekündigt hat. Das ist bei populistischen Politikern, die an die Macht kommen, durchaus ein Muster – denken wir an Putin in Russland, Erdogan in der Türkei oder auch Kaczynski in Polen. Trump wird die Wahl als Bestätigung empfinden – als Bestätigung dafür, dass er tun und lassen kann, was ihm gefällt, und dass für ihn die normalen Regeln keine Geltung haben.

 

Die USA haben ein starkes politisches System mit „Checks“ und „Balances“, das heißt, ein Präsident soll innenpolitisch eben nicht das tun können, was ihm gefällt. Ist das System stark genug, um Trump auszuhalten?

VÖLZ: Es ist leider so, dass die „Checks“ und „Balances“ in der jüngsten Zeit geschwächt wurden. Seit der Präsidentschaft von George W. Bush hat die Exekutivgewalt, das heißt der Präsident, immer mehr Macht an sich gerissen. Wegen der Blockade im Kongress, in dem sich Republikaner und Demokraten unversöhnlich gegenüberstanden, hat sich das in der Folge weiter verstärkt. Präsident Obama hat zuletzt vorwiegend mit Präsidentenerlassen regiert. Das wird sich jetzt rächen. Denn Obamas Entscheidungen per Präsidentenerlass lassen sich von Trump relativ leicht rückgängig machen. Trump selbst wird auch viel mit solchen Erlassen arbeiten.

Weiter auf Seite 2

 

Muss er Gegenwehr aus dem Parlament fürchten?

VÖLZ:  Nein, in beiden Kammern des Kongresses haben die Republikaner eine Mehrheit, so dass Trump nun in gewisser Weise durchregieren kann. Wichtig ist auch, dass er einen Richter für den vakanten Sitz im Obersten Gerichtshof auswählen kann.  Damit wird es dort eine republikanische Mehrheit von Richtern geben.  Die „Checks“ und „Balances“ sind relativ stark ausgehebelt.

 

Trump hat gesagt, es gebe eine „schweigende Mehrheit“ in den USA. Das Wahlergebnis gibt ihm Recht. Sind wirklich so viele Amerikaner desillusioniert von dem Land, in dem sie leben?

VÖLZ: Mein Gefühl ist, dass da zwei Entwicklungen zusammenkommen. Zum einen hat Trump die weiße Arbeiterschicht für sich gewonnen, und zwar in einem überwältigendem Maße. Diese Arbeiter waren traditionell das Wählerklientel der demokratischen Partei. Wenn man es verkürzt ausdrücken will, liegt es daran, dass sich die Demokraten um diese Wähler nicht mehr gekümmert haben, diese Menschen fühlen sich verlassen. Zum anderen war Hillary Clinton nicht in der Lage, die anderen Bevölkerungsteile ausreichend zu mobilisieren. Sie hat zwar offensichtlich bei den Minderheiten eine Mehrheit errungen, aber deren Unterstützung war für sie nicht so groß wie erwartet. Ausgerechnet von den Menschen mit lateinamerikanischer Herkunft  hat sie weniger Stimmen bekommen als Obama in seinen Wahlkämpfen. Das ist sehr überraschend, denn Trump will ja eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen lassen.

 

Trump hat gegen das politische Establishment gewettert, er verteufelte die Politik in Washington und stellte sie als unfähig dar. Aber zu einem demokratischen System gehören Politiker, welche die Menschen repräsentieren. Wie gefährlich ist Trumps Strategie?

VÖLZ: Die Präsidentschaftswahl ist zu einer Protestwahl geworden. In einem Zweiparteien-System ist das natürlich nicht vorgesehen, denn für die Kanalisation von Protest waren bisher die insgesamt bedeutungslosen Drittparteien zuständig. Nun haben wir es mit verheerenden Effekten für die politische Kultur zu tun: Der Beruf des Politikers hat gelitten und damit das gesamte demokratische System. Trump hat im Wahlkampf sämtliche demokratische Normen abgewertet. Deshalb ist auch nicht damit zu rechnen, dass er sich als Präsident an demokratischen Werten orientiert.

 

Der Wahlkampf hat offenbart, wie stark die Gesellschaft in den USA gespalten ist. Trump selbst sprach in seiner Siegerrede von „Wunden der Spaltung“. Was bedeutet dies für das Land?

VÖLZ: Der Zusammenhalt im Land ist gering, und auch das ist eine gefährliche Entwicklung. Die Gesellschaft ist im Grunde seit den 90er Jahren gespalten, und zwar so stark, dass dies den Lebensstil erfasst hat. Die Lagerzugehörigkeit drückt sich mittlerweile darin aus, wo man wohnt, wo man einkauft  oder welches Auto man fährt. Das Alltagsleben wird damit politisiert, das heißt, man bekennt bei beinahe allem, was man tut, politisch Farbe. Das macht es immer schwerer, einen Konsens zu finden. Trump hat diese Dynamik ausgenutzt und auf die Spitze getrieben.

  Was bedeutet Trumps Wahl für Deutschland? Er hat ja angekündigt, ein größeres militärisches und finanzielles Engagement Berlins anzumahnen. Wie sind diese Äußerungen einzuschätzen?

VÖLZ: Es ist derzeit noch zu früh für eine substanzielle Einschätzung. Aber man kann befürchten, dass er es ernst meint damit, das Engagement der USA in der Nato in Frage zu stellen. Auf Deutschland kommen auf jeden Fall höhere finanzielle Belastungen zu. Trump hat sich mehrfach beschwert, dass sich Deutschland als extrem reiches Land in der Schutzbereitschaft der USA sonne. Schon 1987 hat Trump teure Zeitungsannoncen bezahlt, in denen er die USA aufgerufen hat, nicht mehr für den Schutz reicher Nationen zu bezahlen. In seinen Augen ist das ein schlechter Deal für die USA, und nichts ist für ihn schlimmer als das.

 

Wir haben über „Checks“ und „Balances“ gesprochen, aber diese gelten nur innerthalb der USA. In der Außenpolitik hat Trump freie Bahn, oder?

VÖLZ: Richtig. Außenpolitisch hat der Präsident so große Befugnisse, dass er fast machen kann, was er will. Das hat übrigens nicht nur eine große wirtschaftliche Bedeutung, was für Deutschland und die EU eine große Rolle spielen wird, sondern betrifft zum Beispiel auch das Thema Klimapolitik. Trump wird – davon ist auszugehen – aus dem Klimavertrag von Paris aussteigen. Er glaubt nicht an den Klimawandel. Für die Klimapolitik ist das eine Katastrophe.

     

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare