+
Kommissar Paul Brix (Wolfram Koch) vor dem ?Turm?. Das Hochhaus, in dem das Deutsche Bank Investment Banking Center untergebracht war, wurde bis Oktober 2018 abgerissen.

Tatort

Warum der neueste Krimi des Hessischen Rundfunks eher in der Abstiegszone spielte

Ein graues Hochhaus, eine tote Frau davor – dazu anderthalb Kommissare, die ermitteln. Über den Frankfurter Tatort wird geredet. Allerdings nicht nur Gutes...

Wenn man nicht schon immer gewusst hätte, dass in der Fernsehredaktion des Hessischen Rundfunks Propheten arbeiten – spätestens der „Tatort“-Krimi „Der Turm“ vom Mittwochabend (Feiertagsausgabe) hätte es bewiesen. Es war zwar nicht gerade der beste Frankfurt-“Tatort“ aller Zeiten; eher so unteres Mittelfeld bis Abstiegszone. Aber wie die Polizeiarbeit in unserer schlimmen kleinen Kriminalitätsmetropole dargestellt ist: Das kommt der Realität sehr nahe. Während nämlich im echten Leben zurzeit der unangenehme Eindruck sich nicht verscheuchen lässt, dass Frankfurter Polizisten in übelste Nazimachenschaften verwickelt sind („NSU 2.0“), zeigt der Krimi von Lars Henning (Buch und Regie) einen Polizeichef, dem nichts wichtiger ist, als seine Leute von der Arbeit abzuhalten und suspekte Vorgänge zu vertuschen. Und seine Leute dilettieren vor sich hin, dass es einen graust. Insofern: Der Frankfurt-Bezug – um den geht es hier ja am Tag danach – ist vorbildlich gelungen.

Sein achter Fall

Aber wie sieht’s mit den Originalschauplätzen aus? Gleich zu Beginn flucht Kommissar Paul Brix (Wolfram Koch) übers Verkehrschaos an der Ecke Stephan-/Stiftstraße. Er kommt deshalb nicht rechtzeitig zum Tatort. Es ist sein achter Fall seit Mai 2015. Nach dreieinhalb Jahren müsste man eigentlich auch als Eingeplackter langsam wissen, dass man nicht mit dem Auto durch Stephan- und Stiftstraße fährt, wenn man es eilig hat. Ebenso gut könnte man eine Abkürzung über den Weihnachtsmarkt nehmen. Irgendwann steigt er aus und lässt den Wagen einfach stehen. Fatal. Sollten Sie heute früh auf der A5 im Stau stecken: Jetzt wissen Sie, warum. Brix ist schuld. Er hat Frankfurt weiträumig verstopft.

Generell lässt sich in dieser überwiegend auf die Nacht fokussierten Produktion ja wenig erkennen. Zu dunkel in der Stadt. Ein Krankenwagen rast durch den Theatertunnel. Isaak Dentler läuft als nachnamenloser Assistent Jonas durchs Präsidium, das wieder auf dem früheren Neckermann-Gelände eingerichtet ist. Zuvor hatten die Frankfurter Teams in der ehemaligen Woolworth-Zentrale und im alten Polizeipräsidium ermittelt, aber eiserner Grundsatz: „Mit den Kommissaren wechseln wir auch immer die Gebäude“, sagt ein HR-Sprecher.

Jetzt aber zum titelgebenden Turm, von dem die tote Frau gefallen ist. „Was ist das überhaupt für ein Turm“, fragt Brix den Assistenten. „Eine ziemlich hermetische Angelegenheit, dieser Turm“, lautet die Antwort. Und wo steht er überhaupt, der Turm? Nirgends. Es handelt sich um die ausgediente alte Deutsche-Bank-Zentrale in der Großen Gallusstraße – die ist längst Geschichte. Das „Tatort“-Team nutzte die Chance, dort 2017 noch zu drehen, bevor die Abrissbirne kam. Ansonsten ist ziemlich viel Taunusanlage zu sehen, sowohl die Hochhäuser als auch die Parkanlage. Brix: „Ist dir mal aufgefallen, dass diese Hochhäuser keine Vorder- und Rückseiten haben, sondern nur Vorderseiten?“ Jonas: „Ja – wie Pyramiden.“ Dialoge fürs Leben.

Vom Puff ins Café

Eine Autofahrt führt am Opernplatz vorbei, wir sind in einem Puff an der Elbestraße, ein geheimes Gespräch ergibt sich im Sushi-Circle-Lokal an der Börse. Das Café Vatan (Münchener Straße) ist Schauplatz eines weiteren Undercovertreffens mit anschließender Flucht des Verdächtigen, dessen Vater wiederum in einer Änderungsschneiderei auf der Allerheiligenstraße arbeitet, die in Wahrheit eine chemische Reinigung ist, wenn nicht gerade ein Fernsehteam darin dreht.

Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) liegt im ersten Filmdrittel im Marien-Krankenhaus – nein, keine weitere ehemalige Frankfurter Abrissruine, sondern das Flörsheimer Marien-Krankenhaus. Man darf ja auch mal ins Umland ausweichen. Ansonsten: „Was läuft hier überhaupt“, fragt Brix seinen Chef. „Sind wir jetzt wie die?“ Er meint die Verbrecher. Ja, das sind Fragen, die man sich in Frankfurter Polizeikreisen zurzeit wohl auch stellt. Aber nicht vergessen: Schwarze Schafe gibt es überall. Und der nächste Frankfurt-“Tatort“ ist immer der beste.

(ote)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare