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Schulleiterin Gisela Ehmcke steht vor Ihrer Schule, im Hintergrund ist die historische Turmuhr der Schule am Landgraben zu sehen.

Ortsbeirat 16

Die Turmuhr darf nachts wieder läuten

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In unserer Serie blicken wir zurück auf das Jahr in den Ortsbeiräten – aus Sicht unserer Redakteure. Was war das Thema, das den Ortsbezirk in den vergangenen Monaten bewegt und beschäftigt hat? Eine Einschätzung – heute aus dem Ortsbeirat 16 (Bergen-Enkheim).

Dass ein Nachbar die Glocken der Uhr der Schule am Landgraben nachts zum Verstummen bringen wollte, konnten viele andere Anwohner nicht verstehen. Ihnen fehle etwas, wenn sie nachts nichts hörten. Ein so zartes Läuten könne doch niemanden stören. Zumal es schon seit über 100 Jahren zu hören sei. Sie sammelten Unterschriften – und sorgten dafür, dass die Glocken nach zwei Monaten Pause seit Mitte Dezember wieder auch nachts erklingen.

Es war der vielleicht größte Aufreger in Bergen-Enkheim im vergangenen Jahr: Mehr als 500 Unterschriften sammelten auf Initiative von Margit Janz Bergen-Enkheimer Bürger, als sie erfuhren, dass die Glocken der Turmuhr der Schule am Landgraben nachts nicht mehr läuten sollten. Auch der Ortsbeirat 16 setzte sich dafür ein: In der Oktober-Sitzung beschwor Ortsbeirat Rainer Lehmann (Linke) seine Kollegen im Stadtparlament, ihre Stadtverordneten-Kollegen für das Thema zu sensibilisieren und ihre Kontakte in den Magistrat zu nutzen, damit das Läuten nicht verstummt.

Die über 100 Jahre alte Uhr verfügt über zwei kleinere Glocken, die jede Viertelstunde schlagen, und eine größere, die zur vollen Stunde ertönt. Tatsächlich hatte das Amt für Bau und Immobilien bei einer Routinewartung eine Zeitschaltuhr eingebaut, die das Glockenspiel zwischen 22 und 8 Uhr „stumm“ schaltete. Angesichts der Proteste aus dem Stadtteil entschied Baudezernent Jan Schneider (CDU) am 29. November dann: Die Uhr darf künftig auch nachts läuten. Rund zehn Tage später war es dann so weit: Die Glocken erklingen wieder rund um die Uhr.

Mit Klage gedroht

Am Anfang war es eigentlich nur ein Gerücht, als die Glocke Ende September verstummte. Ein neu hinzugezogener Anwohner in der Straße Im Landgraben habe bereits bei der Stadtverwaltung durchgesetzt, dass der Altglascontainer an der Bushaltestelle nahe der Einmündung in die Marktstraße abgebaut wurde. Auch dass der Rewe-Markt nicht mehr frühmorgens angedient werde, habe er erreicht. Und nun drohe er mit einer Klage, damit auch die Turmuhr der Schule am Landgraben, oberhalb der Kreuzung Am Weißen Turm gelegen, nachts schweigt.

Bestätigt hatte das gegenüber unserer Zeitung Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese (CDU) Anfang Oktober. Zurzeit sei die Uhr wegen routinemäßiger Wartungsarbeiten abgeschaltet, erklärte sie. Vom Amt für Bau und Immobilien sei sie angesprochen worden, ob im Zuge der Wartung die Glocken nachts abgeschaltet werden könnten. Ein Anwohner habe sich über das Läuten beschwert und die Abschaltung gefordert. Sie habe dem anfangs zugestimmt, die Zustimmung aber sofort widerrufen, als sie aus mehreren Fraktionen des Ortsbeirats die Rückmeldung bekam: Dem können wir so schnell nicht zustimmen, das sei eine historische Uhr, das Läuten ist den Menschen im Stadtteil wichtig.

Und so baten die Ortsbeiräte den CDU-Fraktionsvorsitzenden, Rechtsanwalt und Notar Michael Reiß, eine Einschätzung abzugeben, wie es sich aus juristischer Sicht mit dem nächtlichen Läuten verhalte. In der Sitzung des Stadtteilparlaments am 30. Oktober in der Nikolauskapelle legte er dar: Zwar ist das Läuten von Kirchenglocken, etwa zu Gottesdiensten oder Beerdigungen, durch die Verfassung geschützt – nicht aber ein Läuten, dass die Uhrzeit anzeigt. „Auch dann, wenn es die Uhr seit hundert Jahren gibt.“ Heute sei die Lautstärke maßgeblich, der Grenzwert liege nachts bei 40 Dezibel.

Symbol für die Heimat

Reiß legte aber auch dar, dass es nicht einfach sei, vor Gericht durchzusetzen, dass die Schuluhr nachts schweigen müsse. Ein Kläger müsse aufwendige Gutachten erstellen lassen und nachweisen, dass die Uhr zu laut sei. Seiner Ansicht nach könne die Stadt einen Bürger, der sich beschwert, „nur abweisen“, sagt Reiß. „Sonst kann ein Einzelner ja mit einer Beschwerde etwas gegen alle anderen erwirken.“ Wer das Läuten nicht wolle, könne ja klagen. Dann müsse er aber beweisen, dass es zu laut sei. „Wenn man hört, wie zart unser Glöckchen läutet, vermute ich, dass die Grenzwerte eingehalten werden.“ Selbst wenn sie zu laut sei, könnte ein Gericht auch für zumutbar befinden, dass sie nachts zumindest stündlich schlägt.

In derselben Sitzung präsentierte Margit Janz die von ihr und anderen gesammelten Unterschriften. Mehrere Generationen von Bergen-Enkheimern hätten die Schule besucht. „So auch mein Großvater, mein Vater, ich selber – und auch mein Sohn.“ Sie las aus dem Brief einer früheren Bergerin vor, die erzählt, wie das Bimmeln der Schuluhr ein Symbol für die Heimat war, wenn sie von einer Reise kam und schon von weitem die Uhr sah oder hörte. „52 Jahre lebe ich nun unweit der Schuluhr und ich freue mich immer, wenn ich sie höre. Zwei Kriege hat sie unversehrt überstanden“, zitiert Janz aus dem Brief.

Seit 1912 in Betrieb

Seit 1912 melde sich das Läutewerk jede Viertelstunde, erklärte Konrad Seiboth, der Janz beim sammeln der Unterschriften geholfen hatte. „Für mich sowie viele weitere Mitbürger war das Läuten immer ein Zeichen der Verbundenheit und des örtlichen Charmes.“ Zumal sie ja nicht „laut schlägt wie Big Ben, sondern zart, mit einem hellen Ton“, erklärte Janz.

Es sei nicht in Ordnung, erklärte Reiß, wenn die Stadtverwaltung dem Drängen eines Einzelnen nachgebe gegen den Wunsch einer großen Mehrheit. „Vielleicht muss man einen Kompromiss schließen. Aber der kann doch nicht am Anfang, sondern nur am Ende einer Auseinandersetzung stehen“, so Lehmann. Und so verabschiedete der Ortsbeirat einstimmig einen von Lehmann eingebrachten Antrag, die Stadt möge dafür sorgen, dass die Schuluhr auch künftig die ganze Nacht durch zu hören sei. Selbst wenn jemand versuchen sollte, juristisch gegen das Läuten vorzugehen, solle die Stadt dem nicht nachgeben, sondern es zur Not auch vor Gericht verteidigen.

So geht es weiter

In der nächsten Ausgabe werfen wir einen Blick auf den Ortsbeirat 9.

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