Organisieren das Projekt in Frankfurt (v.l.): Serge Talamboarison, Üsa Riegert und Husam Haj Qasem.
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Organisieren das Projekt in Frankfurt (v.l.): Serge Talamboarison, Üsa Riegert und Husam Haj Qasem.

Integration in Frankfurt

Über den Tellerrand müssen alle schauen

  • VonBrigitte Degelmann
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Interkulturelles Projekt will Brücken schlagen - Alltags-Rassismus bleibt Problem

Eine junge Frau bewirbt sich für eine Wohnung. Und trifft bei der Besichtigung auf einen Hausmeister, der sie abschätzig mustert, vor allem das Tuch, mit dem sie ihre Haare bedeckt. Er wolle nicht, dass hier eine Frau mit Kopftuch wohne, sagt er dann. Die junge Frau ist geschockt und ratlos. Was soll sie antworten? Soll sie überhaupt antworten? Oder sich lieber gleich an einen Anwalt wenden?

"Sie sprechen aber gut Deutsch"

Mit diesem Vorfall, der sich tatsächlich so abgespielt hatte, beschäftigten sich kürzlich Teilnehmer des interkulturellen Projekts "Begegnungswerkstatt Deutschland", das der Verein "Über den Tellerrand" im April in Bockenheim gestartet hat. 13 Menschen mit und ohne Fluchterfahrung treffen sich dort einmal pro Woche und tauschen sich dabei über Themen wie Migration und Integration aus. Auch über Rassismus-Erfahrungen, die jeder von ihnen gemacht hat. Etwa mit einem Bahnschaffner, der bei einer Fahrkarten-Kontrolle nur die Tickets der dunkelhäutigen Passagiere überprüft. Oder über das vergiftete Lob, das Deutsche, deren Äußeres nicht dem mitteleuropäischen Durchschnitt entspricht, des Öfteren hören: "Sie sprechen aber gut Deutsch."

Begegnungslabor nennt sich der Workshop, der drei Monate lang dauert, mit zwölf jeweils zweieinhalbstündigen Treffen. Kürzlich begann die zweite Runde, zwei weitere sind vorgesehen. "Als wir unser erstes Labor geplant haben, waren wir sehr gespannt auf die Begegnung mit vielfältigen Menschen verschiedener Hintergründe. Wir sind überzeugt, dass Integration besser funktioniert und gelebt wird, wenn diverse Menschen mit in den Prozess eingebunden werden", sagt Husam Haj Qasem vom Frankfurter Projektteam. Ein Ziel der Treffen: Die Teilnehmer sollen interkulturelle Begegnungsformate für Menschen mit und ohne Fluchterfahrung entwickeln. Diese will man in den nächsten Monaten in "mobilen Begegnungswerkstätten" in ausgewählte Kommunen rund um Frankfurt bringen.

Eines dieser Formate ist das World-Café. Dabei stellen Husam Hay Qasem und seine Kollegin Lisa Riegert den Teilnehmenden zunächst einige Fragen, etwa zum Thema Identität. Anschließend bilden sich kleine Gruppen, die sich mit einer Frage auseinandersetzen - bis am Ende die Ergebnisse präsentiert werden.

Als es um Rassismus-Fragen ging, setzten die Organisatoren hingegen auf eine andere Methode: das Forumtheater. Dabei spielten die Teilnehmer Situationen nach, in denen sie Diskriminierung und Ausgrenzung erlebt hatten. Beklemmende Szenen seien das gewesen, erinnert sich Lisa Riegert. Etwa von einer Frau, die wegen ihres Kopftuchs von einem Passanten angegangen wurde: warum sie das denn trotz der hohen Temperaturen trage? Anschließend diskutierte die Gruppe darüber, wie die Betroffenen am besten reagieren sollten. Am Ende entschied sie sich für eine Handlungsoption, mit der die Szene dann nochmals nachgespielt wurde.Im Fall der Frau, die wegen ihres Kopftuchs attackiert worden war, setzte man etwa auf den Satz: "Woher nimmst du das Recht, über meine Kleidung zu urteilen?" Und bei der Frau, die bei der Wohnungssuche diskriminiert worden war, wurde vorgeschlagen, dass sie sich an eine Beratung wenden sollte.

Gruppen in 40 Städten

Der Verein "Über den Tellerrand" wurde in Berlin gegründet - "für grenzübergreifende Begegnung und Austausch auf Augenhöhe", wie es auf seiner Homepage heißt. Inzwischen gibt es Gruppen in rund 40 Städten in Deutschland, Österreich, Tschechien und Kolumbien, seit 2015 auch in Frankfurt.

Unter den Teilnehmern der ersten Runde am Main war auch Serge Ralamboarison, der aus Madagaskar stammt und seit vier Jahren in Deutschland lebt. In Madagaskar lebten Menschen vieler Ethnien zusammen, erzählt er. Seine Erfahrungen habe er in dem Projekt weitergeben und gleichzeitig etwas Neues lernen wollen. "Und ich wollte mein Deutsch verbessern", ergänzt er lachend.

Gelacht wird ohnehin viel bei den Treffen. Etwa wenn die Teilnehmenden Redewendungen aus verschiedenen Sprachen zusammentragen. Und überrascht sind über die Ähnlichkeiten, die dabei zutage treten. Die deutsche Formulierung "zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen" hat beispielsweise ihre Entsprechung in der arabischen Redewendung "zwei Vögel mit einem Stein treffen". Wie stellt Husam Haj Qasem abschließend fest? "Am Ende findet man immer Gemeinsamkeiten." Brigitte Degelmann

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