"Wenn Bücher verbrennen, verbrennt Leben", sagt der Künstler Gregor Aigner, der die Installation "Grasnarben" geschaffen hat. Sie erinnert an den Anschlag auf den Bücherbasar am Campus Bockhenheim, der bis heute nicht geklärt ist.
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"Wenn Bücher verbrennen, verbrennt Leben", sagt der Künstler Gregor Aigner, der die Installation "Grasnarben" geschaffen hat. Sie erinnert an den Anschlag auf den Bücherbasar am Campus Bockhenheim, der bis heute nicht geklärt ist.

Nach Anschlag an der Uni Frankfurt

Über die verbrannten Bücher wächst Gras

  • VonSabine Schramek
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Künstlerische Mahnung wider das Vergessen

Bockenheim -Im Kunstraum "irritate modern" in der Petersstraße wächst Gras zwischen und in Überresten von Büchern, die ein Brandstifter in der Nacht vom 14. auf den 15. Mai direkt am Uni-Eingang in Bockenheim in Brand gesteckt hat. Mit der Installation "Grasnarben" will der Künstler Gregor Aigner auf schlimme Taten hinweisen über die Gras wächst, wenn sie nicht aufgeklärt werden.

Fast wie auf dem Friedhof

Ein Zeltgerüst, an dem geschmolzene Planenreste kleben. Darunter 1600 Liter Erde, die akkurat wie auf einem Friedhof aufgeschüttet sind, verschmorte Buchseiten und Umschläge, die auf ihnen liegen und aus denen Gras wächst. Wer achtlos an der Gittertür vom Kunstraum "Irritate modern" in der Petersstraße vorbei geht, sieht als erstes junges grünes Gras. Lautes Lachen ertönt aus Lautsprechern und wechselt sich ab mit kurzen Lesungen. Auf einer Leinwand am hinteren Teil des Raumes erscheint eine grüne Hecke, in der Brandlöcher zu sehen sind und das vom Feuer versengte Zelt, in dem 4000 Bücher verbrannt sind.

Aus dem Gras am Boden stechen verkohlte Bücherreste heraus. Gras wächst neben und in ihnen. Gregor Aigner (56) hält ein Stück Buch in der Hand, das verkohlt ist. Vorne sind noch einige Zeilen zu lesen. "Wenn Bücher verbrennen, verbrennt Leben", sagt der Künstler, der die Installation "Grasnarben" geschaffen hat.

"Als ich gesehen habe, wie das Feuer am Bücherstand vor der Uni gewütet hat, wollte ich nicht, das Gras über die Sache wächst. Ich habe Wolfgang Griesinger kontaktiert, der dort seit 30 Jahren Bücher verkauft. Er stand unter Schock und fand die Idee dennoch gut", so der Künstler, der die Überreste von 2000 der verbrannten Bücher in seinen Kunstraum geholt hat. "Alles war schwarz vor Ruß. Die Wände, der Boden, die Hände." Der Geruch von Brandresten liegt immer noch in der Luft. Bücher, die zu Briketts verkohlt sind, zeigen Textseiten, Noten und Kinderfotos. Titel wie "Jedermann" Hugo von Hofmannsthal, "Nicht gerettet" von Peter Slotterdijk, "Die Rättin" von Günther Grass, "Die Ordnung der Dinge" von Michel Foucault oder "Der Ruf zur Tat" von Julius Streicher und "Komm lieber Mai" von Anne Geelhaar und Gertrud Zucker sind noch teilweise zu erkennen.

"Der Brand des Bücherstandes von Griesinger war nur wenige Tage später, als die Frankfurter Bücherverbrennung vor 88 Jahres", so Aigner. "Das macht es noch schlimmer. Bücher sind lebendig. Wer sie verbrennt, tötet", ist er überzeugt. Das Lachen aus den Lautsprechern sind Original-Töne der Bücherverbrennung 1933 auf dem Römerberg, als der Deutsche Studentenbund lachend sogenannte "Literatur des Bösen" in die Flammen warfen. Damals ist niemand eingeschritten.

"Auch nach dem Feuer jetzt vor der Uni im Mai hat niemand etwas getan, damit kein Gras drüber wächst. Das will ich nicht. Ich hätte gerne in Zusammenarbeit mit der Stadt Frankfurt vor Ort ein dauerhaftes Mahnmal mit den Überresten errichtet. Das ist gescheitert", so Aigner, der seit 30 Jahren Künstler ist und der für sein Kunstprojekt zum Projekt zum Umzug des Literaturhauses mit dem "Goldenen Löwen" in Cannes ausgezeichnet wurde.

Noch immer keine Spur

Dass Bücher in Frankfurt brennen, ist nicht neu. Schon am 19. März verbrannten Tausende Bücher auf dem Basar an der Bockenheimer Warte. Die verkohlten Überreste wurden mit Baggern abtransportiert. Bücherschränke am Dornbusch, in Ginnheim, Heddernheim und Eschersheim gingen in Flammen auf. Die Polizei vermutet in allen Fällen Brandstiftung. Der oder die Täter wurden in allen Fällen bis jetzt nicht gefasst.

Von dem Schock, als Griesinger nach dem Brand zu seinem Bücherzelt kam, hat er sich bisher nicht erholt. "Es war furchtbar. Ein Trümmerfeld. Ich bin aus dem Auto ausgestiegen, habe es gesehen, bin zurück und habe eine halbe Stunde lang geweint", sagt er.

"Diese Kunst-, Philosophie- und Literaturbände sind so etwas wie meine Kinder. Sie sind tot, meine Existenz vernichtet." Aigners Kunstidee findet er gut. "Ich muss noch 30 Säcke verbrannte Bücher entsorgen. Wenigstens im Kunstraum ist jetzt eine schaurig-schönes entstanden. Es zeigt die Narben, die so eine Tat auch bei mir hinterlassen", sagt er bedrückt. "Aber dieser Anblick, animiert mich, nicht aufzugeben. Kein Gras über das Feuer wachsen zu lassen." Griesinger will wieder ganz neu anfangen. An derselben Stelle. "Einige Leute haben mir Bücher gebracht und mir neuen Mut gegeben." Wer ihm beim Neubeginn helfen möchte, kann das mit einer Spende an Wolfgang Griesinger tun. Mit dem Verwendungszweck "Spende Bücherstand" unter der IBAN: DE12 500 100 600 4507 41 602. Aigners Installation "Grasnarben" ist bis Ende Juni rund um die Uhr im Kunstraum "irritate modern" in der Petersstraße 2 zu sehen. SABINE SCHRAMEK

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