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In London gibt es bereits eine Seilbahn. Ist das auch in Frankfurt eine Alternative zu Bahn, Auto und Bus?

Debatte nimmt Fahrt auf

Könnten Seilbahnen in Frankfurt eine Alternative zu Auto, Bus und Bahn sein?

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In Frankfurt nimmt die Debatte aktuell Fahrt auf. Die Darmstädter Hochschule prüft gerade, wo Trassen verlaufen könnten. Dabei untersuchen sie auch eine Trasse quer durch die Stadt entlang des Mains.

Frankfurt - Ankara hat Frankfurt etwas voraus. Den Stadtteil Sentepe im Norden der türkischen Hauptstadt verbindet eine Seilbahn (mehr als drei Kilometer lang) mit der U-Bahn-Station Yeni Mahalle. Bis zu 2400 Bürger pro Stunde können seit 2017 binnen zehn Minuten zur U-Bahn kommen. Die Strecke mit dem Auto zurückzulegen dauert in der Großstadt mit mehr als fünf Millionen Einwohnern mindestens eine Stunde. Der Bau einer Seilbahn sei bis zu 80 Prozent günstiger, als eine S- oder U-Bahn zu bauen. Für deren Trassen gibt es in dicht bebauten Städten ohnehin keinen Platz.

Kann die Seilbahn in hessischen Städten die Verkehrsprobleme lösen?

Andere Städte, die in das platzsparende Verkehrsmittel investiert haben: La Paz (Bolivien), Medellín (Kolumbien), Singapur, wo die Insel Sentosa über die Seilbahn angeschlossen ist.

Auch in Frankfurt ist eine Seilbahn ein Thema. Der Chef des Regionalverbands, Thomas Horn, hat vor drei Monaten eine Diskussion angestoßen: Er schlug vor, Park-&-Ride-Plätze per Seilbahn mit den nächstgelegenen U-Bahn-Stationen zu verbinden, etwa am Autobahnrastplatz „Taunusblick“ oder am Waldparkplatz.

Studenten überlegen, wo eine Seilbahn in Frankfurt sinnvoll wäre

Horns Ideen nehmen zehn Studenten der Hochschule Darmstadt inzwischen zur Steilvorlage für eigene Ideen. „Sie untersuchen in den kommenden Monaten, wo die Trassen verlaufen könnten“, erläutert Prof. Jürgen Follmann. Schließlich will sich ja niemand ins Fenster gucken lassen... „Wir gehen aber weiter“, kündigt Follmann an, „und prüfen, ob man die Seilbahn nicht weiterführen könnte, von der Station Stadion bis zur Station Stresemannallee.“ Und womöglich noch weiter, am Main entlang bis nach Offenbach.

Die Ergebnisse der Überlegungen sollen die Studenten am 6. Mai beim ersten „Seilbahntag“ des Regionalverbands vorlegen.

Eine andere Trasse bringt Thomas Schlimme (Grüne) ins Gespräch: Eine Seilbahn wäre attraktiv auch für Unterliederbach. Der Grüne bringt den Antrag heute in den Ortsbeirat 6 (Frankfurter Westen) ein.

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Demnach soll der Magistrat prüfen, ob eine Seilbahn von der S-Bahn-Haltestelle „Frankfurt-Höchst Farbwerke“ zur Fraport Arena (Ballsporthalle) gelegt werden könnte. Diese kurze Strecke, Luftlinie 300 Meter quer über die Gleise, wäre mit einer Seilbahn günstiger zu überbauen als mit einer Brücke, ist Schlimme überzeugt. Bislang müssen die Besucher der Fraport Arena mehr als einen Kilometer laufen: von der S-Bahn-Station zur Brücke Pfaffenwiese und dann zurück auf der Silo-straße. Man könne die Fraport AG bitten, einen Teil der Kosten zu übernehmen. Die Seilbahn, glauben die Grünen, könnte Sportfans zu Bahnfahrern machen, und sie könnte selbst zu einer Attraktion in Frankfurt werden.

München diskutiert über mögliche Strecken einer Seilbahn in der Stadt

In München ist man schon einen Schritt weiter: Dort wird zurzeit eine der diskutierten Strecken mit einer Machbarkeitsstudie analysiert. Also: Was kostet die Seilbahn in München? Und was wird sie bringen? In Stuttgart sind ähnliche Untersuchungen in Vorbereitung. In Frankfurt noch nicht.

Allerdings, einen möglichen Sponsor einer solchen Machbarkeitsstudie gibt es bereits: Der Rhein-Main-Verkehrsverbund wäre dazu bereit. Dessen Vorsitzender Prof. Knut Ringat hat sich unlängst als Fan von Seilbahnen geoutet und erwägt ernsthaft, dieses Transportmittel an einigen Stellen im RMV-Gebiet ins Auge zu fassen.

Keine zwingende Strecke für eine Seilbahn in Frankfurt 

In Frankfurt in erster Instanz zuständig ist Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD). Er kennt sich mit Seilbahntechnik gut aus: „Es gibt Großkabinenbahnen mit je einer Kabine in jede Richtung, und es gibt Kabinenbahnen wie in Koblenz, wo man auch Kabinen auskoppeln oder hinzufügen kann“, sagt er. Wo sich in Frankfurt eine Bahn lohnen könnte, kann er noch nicht sagen. „Mir fällt keine Strecke ein, auf der das attraktiv genug wäre.“ Auch zur Ballsporthalle kann er sich eher eine Fußgängerbrücke vorstellen.

Die unlängst in die Diskussion gebrachte Verlängerung der U-Bahn vom Südbahnhof zur Sachsenhäuser Warte vielleicht? Auch da sieht Oesterling keine Chance für eine Seilbahn. „Die U-Bahn ist schnell, man wäre in wenigen Minuten in der Stadt. Wenn man mit der Seilbahn zuerst von der Warte zum Südbahnhof fährt und dann doch wieder in die U-Bahn muss, um zur Hauptwache zu gelangen, spart man keine Zeit.“

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Davon abgesehen, dass auch eine Seilbahn mit ihren Pfeilern eine Planfeststellung erforderlich mache. „Der Bau geht schneller und ist auch günstiger, aber die Planfeststellung dauert ebenso lange. Ich weiß ja nicht,“ fährt Oesterling fort, „wie ein Planfeststellungsverfahren in La Paz aussieht“ – Boliviens Hauptstadt hat viele seiner chronischen Verkehrsprobleme mit Seilbahnen gelöst – „aber vermutlich weniger kompliziert als bei uns.“ Für eine Machbarkeitsstudie in Frankfurt gebe es bislang keine Pläne. Seilbahnen als Punkt-zu-Punkt-Verbindungen, ohne die Möglichkeit zuzusteigen, seien für eine Stadt wie Frankfurt eher ungeeignet.

Trotzdem ist der Verbandsdirektor Thomas Horn zufrieden mit der Diskussion, die er als Stimme des Regionalverbands angestoßen hat: „Das Thema Seilbahn ist in der Region angekommen. Ob nach Bad Vilbel, ob in Neu-Isenburg, ob von Offenbach nach Frankfurt: Die Vorschläge gären jetzt erst mal.“ Horn ist Überzeugungstäter: „Wir müssen Mobilität neu denken. Der Fernbahntunnel steht im Bundesverkehrswegeplan, aber er wird noch einige Jahrzehnte brauchen. Weitere Projekte wie FrankfurtRheinMainPlus lassen sich bis 2030 realisieren, Radwege sicher auch. Aber Seilbahnen können den Verkehr schon binnen fünf Jahren entlasten.“ Horn ist sicher: „Die Seilbahn wird ein Teil der neuen Mobilität werden.“

Kommentar von Thomas J. Schmidt: 

Verkehrsprobleme hat Frankfurt genug. Zu wenig Platz, zu viele Autos, Schienen trennen, wie in der Eschersheimer Landstraße, ganze Stadtteile, es gibt Staus und buchstäblich Jahrzehnte Planungszeiten für jede neue S- oder U-Bahn. Und Bürgerproteste. Dafür und dagegen. Von den Kosten ganz zu schweigen.

All’ das wissen wir ja. Umsteigen aufs Fahrrad? Gute Idee – im Sommer. Im Winter sind die Fahrradstreifen so gut wie unbenutzt. Sie nehmen aber den Autos den Platz weg. Die werden immer mehr. Auch das wissen wir seit Jahren. Höchste Zeit also, dass sich etwas tut. Seilbahnen wären ein Weg über den Stau hinweg, wie die U-Bahn einer darunter durch ist. Nur eben viel günstiger, viel schneller realisiert, viel flexibler. Seilbahnen sind kein Allheilmittel. Aber das sind Fahrräder und U-Bahnen auch nicht. Sie sind, wie Thomas Horn vom Regionalverband richtig sagt, ein Stück im Puzzle. Kein Puzzle ist fertig, wenn auch nur ein Stück fehlt.

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