Ein junger Bauarbeiter will die Wilhelmshöher Straße sperren, aber erst würden die Anwohner gern mit der Bauleitung sprechen. foto: Friedrich Reinhardt
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Ein junger Bauarbeiter will die Wilhelmshöher Straße sperren, aber erst würden die Anwohner gern mit der Bauleitung sprechen.

Seckbach: Straßensanierung

Um Viertel vor sieben beginnt der höfliche Protest

  • vonFriedrich Reinhardt
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SECKBACH Anwohner der Wilhelmshöher Straße haben den Start der Bauarbeiten dann doch nicht blockiert

Montagmorgen, 6.45 Uhr, Wilhelmshöher Straße. Gleich soll die Sanierung der maroden "Verkehrshauptschlagader" starten. Etwas, das man "höflicher Protest" nennen könnte, hat bereits begonnen. Dass er mit Sätzen enden wird wie: "Ich denke, damit können wir alle gut leben", weiß da noch keiner. Frau Safran, Frau Hörle und Frau Gute stehen mit einigen Nachbarn vor Frau Safrans Grundstück auf dem schmalen Gehweg der Wilhelmshöher. Herr Weihnacht hat Kaffee gebracht. Unsicher sind sie, was das werden wird mit diesem Protest und mit der Sanierung insgesamt.

Am Sonntagmittag bei Wind und Kälte hatten sie sich auf dem Atzelberg mit rund 40 Anwohnern getroffen. Da haben sie entschieden, doch nicht mit ihren Autos den Start der Bauarbeiten zu blockieren, damit ihnen das Amt für Straßenbau und Erschließung (ASE) in Sachen Minimalforderung entgegenkommt: "Dass wir zumindest am Wochenende oder abends mit dem Auto auf unser Grundstück kommen." So hatte es Herr Weihnacht formuliert. Man müsse richtig Druck machen, hatte einer gesagt, den man wegen Mindestabstand und Maske kaum verstand. Aber Blockade war vielen dann doch zu extrem. Denn die Sanierung finden alle gut, und niemand will, dass sie länger dauert als nötig.

Nun stehen sie wieder in der Kälte, bereit, ihr Auto wegzufahren, sobald sie ein Bauarbeiter dazu auffordert. Sie hoffen, einem Bauleiter oder einem Ansprechpartner des ASE ihre Minimalforderung vortragen zu können.

Die Anwohner brauchen nur ein oder zwei Sätze, um deutlich zu machen, welch massive Folgen die Sperrung für sie hat. Frau Hörle kann kaum 100 Meter ohne Stock laufen. Wie sie ohne Auto einkaufen soll, weiß sie nicht. Frau Safran braucht das Auto für den Arbeitsweg. Sie hat sich einen E-Scooter gekauft. "Lieber parke ich weiter weg und nehme den Roller, als dass ich eine halbe Stunde einen Parkplatz suche."

Nun noch mehr eingesperrt?

Frau Gute erzählt, dass ihre über 80 Jahre alte Mutter nicht mehr schlafen kann vor lauter Angst, nun noch mehr eingesperrt zu sein. "Wir haben endlose Diskussionen geführt", sagt sie. Aber wie sie ihre Mutter zu den Ärzten bringen soll, das weiß sie auch nicht. Über das Baustelleninformationsmanagement, heißt es. "Ja, aber mehrmals die Woche?". "Na, das müssen die eben möglich machen", sagt Frau Hörle, die kämpferischste und empörteste unter den höflichen Protestlern. Es geht ihnen bei ihrer namenlosen Initiative auch um viele Nebenfragen. Herr Lungwitz hätte gern einen Bauablaufplan, der aufschlüsselt, wann welcher Arbeitsschritt vorgesehen ist. Sie tauschen Ratschläge aus: "Du musst deine Hausnummer auf die Mülltonne schreiben", sagt Frau Hörle. Dann könnten die Bauarbeiter, die die Tonnen zu Sammelstellen und zurück bringen, sie nicht vertauschen.

Frau Oehme hatte vorgeschlagen, rote Schilder auf das Armaturenbrett zu legen. Damit die (noch) nicht betroffenen Seckbacher verstehen, warum der Parkdruck in ihren ohnehin parkplatzarmen Straßen steigt. Eine stadtteilübergreifende Solidarität soll entstehen. Auch sollten am Spielplatz an der Atzelbergstraße die Kinder besser geschützt werden, wenn ab April der ganze Verkehr vorbeigeleitet wird.

Bis 7.30 Uhr passiert erst einmal nichts. Der Verkehr rollt wie immer. Da kommt ein schmaler junger Mann. "Ich bau jetzt die Absperrung auf." Ist jemand vom ASE da, oder von der Bauleitung?, fragt Herr Weihnacht. Er wisse von nichts, sagt der Mann, und verschwindet bald wieder.

Eine Zwei-Satz-Streiterei

Als er zurückkommt, wird es doch kurz unfreundlich. "Können Sie ihr Auto wegfahren!". Frau Hörle: "Wir würden gern mit dem ASE oder mit der Bauleitung sprechen." Der Arbeiter wird laut: "Ja, aber ich muss hier meinen Job machen." Frau Hörle wird auch laut, so solle man mit ihr nicht sprechen. Der Bauarbeiter wird freundlicher, sie fährt ihr Auto weg. Der junge Mann baut Baken auf und macht die Wilhelmshöher dicht, für drei Jahre. Dabei ist sie neben der Hanauer und der Friedberger Landstraße Frankfurts wichtigste Einfallsstraße im Osten. Bei Google Maps ist die Straße schon als gesperrt markiert, stellt Ortsbeirat Johannes Bomba (FDP) fest.

Kurz darauf erzählt Herr Weihnacht, er habe kurz mit einer Vertreterin des ASE sprechen können. Sie habe versichert, das Amt werde versuchen, die Situation zu verbessern. Er sei optimistisch. Und: "Wenn wir merken, es passiert nichts, können wir immer noch die Baustelle blockieren."

Es ist 8 Uhr, als sich der höfliche Protest auflöst. Gegen 9 Uhr, erzählt Herr Weihnacht später am Telefon, habe er noch mit der Bauleitung sprechen können. Wenn die Kampfmittelsondierung abgeschlossen sei, würden viele Anwohner wieder ihre Grundstücke anfahren können - zumindest, bis in sechs Wochen das Baufeld von der Kreuzung Atzelbergstraße, Ecke Wilhelmshöher, weiter wandert. Am Spielplatz solle eine Ampel aufgestellt werden, und die Bauleitung wolle die Materialien so lagern, dass sie die Einfahrten nicht blockieren. Damit könnten die Anwohner am Wochenende vielleicht ihre Grundstücke anfahren, erzählt Herr Weihnacht. Und sagt: "Ich denke, damit können wir alle gut leben." Friedrich Reinhardt

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