+
Petra Bonavita mit Archivmaterial über die Quäker. Foto: pia

Die unbekannten Retter

Während der NS-Zeit verhalfen Frankfurts Quäker vielen Juden zur Ausreise. Die Soziologin Petra Bonavita ist auf die Suche nach den Spuren dieser kleinen, verschwiegenen, aber sehr aktiven Glaubensgemeinschaft gegangen.

Von Anja Prechel (pia)

„Diese beiden Gesuche nahm ich persönlich nach England mit, um sie dort an die Quäker weiterzuleiten. Das Datum meiner Reise war der 11. 8. 1939, nur drei Wochen vor Ausbruch des Krieges“. Zwei kleine Sätze, gedruckt auf blaues Papier, ausgestellt mit den beiden Dokumenten in einer Vitrine der Bibliothek der Alten im Historischen Museum. Hinter ihnen verstecken sich nicht nur drei Schicksale – die von Herta Nachmann und Margit Weinberg, zwei junge Jüdinnen, die kurz vor Kriegsbeginn aus Nazideutschland fliehen wollten, und das der jungen Frankfurterin Bergit Forchhammer, die die Notiz verfasst hat – sondern auch eine Geschichte, die so geheim wie beispiellos ist.

Jüdische Mitbürger, die vor Verfolgung nach England fliehen. Kindertransporte. Darüber wurde berichtet und geschrieben. Das Wort Quäker allerdings fällt dabei nie. Quäker? Ist das nicht irgendeine nebulöse Religionsgemeinschaft aus den USA? Religionsgemeinschaft ja, nebulös nein, aber unbekannt. So unbekannt wie ihre Rettungsaktionen in der NS-Zeit. Rund 270 Quäker gab es in den 1930er Jahren in Deutschland, 20 Personen umfasste die Frankfurter Gruppe. Trafen sich ihre Mitglieder anfangs zu Gesprächen und Tee-Nachmittagen, richteten sie bereits 1933 im Hotel Frankfurter Hof in Falkenstein ein Erholungsheim ein, in dem Verfolgte, ob politisch oder wegen ihres Glaubens, Ruhe finden sollten. Schnell wurde ihr Büro in der Hochstraße 8 am Eschenheimer Tor Anlaufstelle für diejenigen, die ausreisen oder zumindest ihre Kinder im Ausland in Sicherheit bringen wollten. Frankfurt hatte, gemessen an seinen Einwohnern, die größte jüdische Gemeinde, entsprechend groß war der Bedarf an Hilfe.

Darüber geredet wurde nie, bis heute. „Über die Quäker wurde höchstens gemunkelt, kaum jemand wusste wirklich etwas“, sagt Petra Bonavita. Sie hat die Geschichte der Frankfurter Gruppe und ihrer Hilfsaktionen Stück für Stück zusammengetragen und in ihrem Buch „Quäker als Retter im Frankfurt am Main der NS-Zeit“ veröffentlicht. Wie die meisten anderen hatte auch die Autorin von der „Christlichen Gemeinschaft der Freunde“, so der offizielle Name für die Quäker, noch nie etwas gehört. Bis sie während der Recherche zu ihrem Buch „Mit falschem Pass und Zyankali“ Kontakt zu Bergit Forchhammer aufnahm. Forchhammer, Tochter der Frankfurter Autorin Mile Braach und als 17-Jährige emigriert, erzählte von ihrem geschätzten Chef Rudolf Schlosser, der im „Dritten Reich“ vielen Juden geholfen haben soll. Auch das Wort Quäker fiel. „Doch viel mehr konnte oder wollte sie nicht berichten.“

Petra Bonavita ist Soziologin. Am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium hatte sie Ende der 1990er eine Projektgruppe gegründet, die der Frage „Was ist aus den ehemaligen jüdischen Abiturienten der Schule geworden?“ nachging. Diese Spurensuche war die Initialzündung für Bonavitas Recherchen, seit inzwischen 15 Jahren beschäftigt sie sich mit jüdischem Leben in Frankfurt. „Wenn Sie einmal anfangen, ist es ein Schneeballsystem. Eine Geschichte ergibt die andere.“ So auch bei den Quäkern. War Bonavita dem ersten Hinweis Bergit Forchhammers nicht nachgegangen, blieb sie beim zweiten hartnäckig. Sie arbeitete an der Ausstellung „Gegen den Strom“ im Museum Judengasse mit, als der Name Else Wüst fiel. Auch sie eine Quäkerin, deren Hilfe durch einen Brief belegt ist, an die sich ein Zeitzeuge erinnerte. Ein weiteres Teil im Puzzle war gefunden.

Die Suche nach den Frankfurter Quäkern war mehr als mühsam. Zum einen, weil ein Großteil der Dokumente, die die Arbeit der Freunde hätten belegen können, schon während des Kriegs vernichtet wurde. Zum anderen, weil es nicht zum Selbstverständnis der Freunde gehört, für ihre Taten zu werben. Handeln statt reden. Für die Mitglieder der Religionsgemeinschaft, die Ende des 17. Jahrhunderts in England gegründet wurde, stand und steht der Wunsch, Gutes zu bewirken, im Vordergrund.

Petra Bonavita streckte ihre Fühler bis in die Vereinigten Staaten aus, um aus Einzelschicksalen die Geschichte der Frankfurter Quäker zu rekonstruieren. „Ich hatte eine Familie gefunden, deren Akten im US Holocaust Memorial in Washington archiviert waren, und bat einen Bekannten, mir Kopien zu machen. Ein Archivar sagte ihm, es gebe noch viel mehr Akten.“ Das Memorial erwies sich als Schatztruhe: Insgesamt 40 Akten scannte Bonavitas Bekannter Blatt für Blatt, um sie nach Deutschland zu schicken. „Erst da habe ich das ganze Ausmaß der Hilfe verstanden“, sagt die Autorin.

Sie halfen, unverzüglich, wenn es die Situation erforderte. Als am 9. November 1938 die Synagogen brannten, verschärfte sich die Lage für die Juden. Der britische Generalkonsul Robert T. Smallbones hielt sich gerade in London auf, als seine Frau ihm am Telefon von den Ereignissen in Frankfurt berichtete. Smallbones wandte sich sofort an den britischen Innenminister Samuel Hoare, schlug ihm vor, für diejenigen, die bereits ein Visum für Amerika hätten, aber noch auf ihre Ausreise warten müssten, ein Transitvisum einzuführen, das sie zum vorübergehenden Aufenthalt in Großbritannien berechtigt. Sofern sie einen Bürgen vorweisen können. Der Innenminister, ein Quäker, stimmte zu. Der Plan, das sogenannte Smallbones-Schema, wurde anders als die Kindertransporte nicht im Parlament diskutiert und auch in der Presse nicht behandelt, um Diskussionen in der Öffentlichkeit zu vermeiden.

Das kleine Quäker-Büro in der Hochstraße wurde seit den Ereignissen im November 1938 geradezu überrannt. „Alle, die weg wollten und mussten, kamen zu uns, und warteten manchmal stundenlang im Treppenhaus“, erinnert sich Bergit Forchhammer in einem Brief an ihre Arbeit als Schreibkraft Rudolf Schlossers. „Es ist unglaublich, was dort geleistet wurde“, sagt Petra Bonavita. Ohne jede Vorbereitung seien die Freunde zu fast schon professionellen Fluchthelfern geworden. Innerhalb von neun Monaten, von der Pogromnacht bis zu Kriegsbeginn, hätten die Gruppe und ihre Helfer alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Juden und anderen Verfolgten die Ausreise zu ermöglichen. Sie organisierten und begleiteten Kindertransporte nach England, halfen beim Beschaffen von Ausreisevisa, stellten Kontakte her.

Stets agierten sie dabei unter den Augen der Gestapo. Bonavita: „Die Ausreise war 1939 noch nicht verboten. Die Nazis ließen die Leute gehen, solange ihr Geld und ihre Habe im Land blieben. Nach Kriegsbeginn allerdings war eine Emigration kaum noch möglich.“ Im Mai 1940, kurz vor der Besetzung durch die Wehrmacht, verließ das letzte Schiff mit jüdischen Kindern an Bord die Niederlande in Richtung Großbritannien, im Jahr darauf begannen die Massendeportationen. Für die Quäker endete die Arbeit damit nicht.

Else Wüst beispielsweise nahm in ihrer Wohnung ein jüdisches Ehepaar auf. Nach zwei Jahren mussten die beiden in ein „Judenhaus“ ziehen, kurz vor der Deportation wählte die Frau den Freitod, der Mann kam im Konzentrationslager ums Leben. Auch Herta Nachmann und Margit Weinberg, deren Gesuche Bergit Forchhammer bei ihrer Ausreise mit nach England nahm, erlebten die Kriegsgräuel in Deutschland. Nachmann wurde deportiert, Weinberg überlebte mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in Frankfurt. Bergit Forchhammer blieb während des Krieges in England und lebte später in Dänemark.

„Wie vielen Menschen die Quäker das Leben gerettet haben, kann niemand sagen“, erklärt Petra Bonavita. Dass die Freunde vielen Verfolgten geholfen haben, war zu Kriegsende bekannt. 1947 erhielten die amerikanischen und englischen Freunde den Friedensnobelpreis. Die Frankfurter Quäker fanden dabei keine Erwähnung, sagt Petra Bonavita. „Als Deutsche unterlagen sie der Kollektivschuld.“ Erst heute, 70 Jahre später, würdigt Petra Bonavitas Buch ihre tatkräftige Hilfe.

Heute leben in Frankfurt etwa 20 Quäker. Zweimal im Monat trifft sich die Gruppe in den Räumen der Katharinengemeinde in der Leerbachstraße. Wie damals hilft die „Christliche Gemeinschaft der Freunde“ Menschen in Not, setzt sich gegen Armut, Krankheit, Gewalt und Benachteiligung ein – in der Nachbarschaft und weltweit.

„Quäker als Retter im Frankfurt der NS-Zeit“ von Petra Bonavita erzählt die Geschichte der Frankfurter Gruppe umfassend. Das Buch ist im Schmetterling Verlag erschienen und kostet 19,80 Euro, ISBN 3-89657-149-4.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare