+
Mohammad Yogan, Mustafa Hasino, Ali Salam und Ali Basse spielen in der Philippuskirche eine Szene aus ?Auf dem Weg?.

Arbeit in Frankfurt

So ungewöhnlich will das Heim-Art-Projekt jungen Migranten helfen

  • schließen

Um einen Job oder Ausbildungsplatz in Deutschland zu bekommen, müssen junge Flüchtlinge nicht nur Deutsch lernen. Beim Projekt „Heim-Art“ sollen sie sich auch beruflich orientieren, fit werden für den deutschen Arbeitsmarkt. Dabei spielt Theater eine wichtige Rolle.

Das Deutsch der vier jungen Männer ist noch etwas holperig, die Sätze wirken unnatürlich. Aber das ist nach erst drei Monaten Deutschunterricht nicht verwunderlich. Trotzdem stehen sie bereits auf der Bühne, spielen in der evangelischen Philippuskirche erste Szenen eines selbst erdachten Stücks. Erst in drei Monaten feiert „Auf dem Weg“ an gleicher Stelle Premiere. „Heim-Art“ heißt das Projekt, für das das Jugendjobcenter Frankfurt die Bochumer Bildungs- und Berufsfindungsexperten von Defakto engagiert. Deren Ansatz ist ungewöhnlich: Nicht nur Deutsch lernen die Kursteilnehmer, die von einem Job- und Integrationscoach auf Ausbildung und Beruf vorbereitet werden: Beim gemeinsamen Theaterspielen lernen sie soziale Fertigkeiten, die ihnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt helfen.

Zweimal pro Woche probt Theaterpädagogin Sina Weiss mit den zwölf jungen Männern im Alter von 20 bis 23 Jahren in der Kirche. „Am Anfang haben wir viel improvisiert und Alltagssituationen dargestellt“, erklärt sie. Zum einen, um in verschiedene Rollen zu schlüpfen, eines Schuhverkäufers etwa und seiner Kunden, beim Brötchen- kaufen oder an der Bushaltestelle. „Sie sollten dabei ihr Deutsch verbessern und sich öffnen, um neue Leute kennen zu lernen.“

Dabei sammelten die aus Syrien und Afghanistan stammenden jungen Männer mögliche Themen für ihr Theaterstück, sagt Weiss. Heraus kam eine Mischung aus realen und erfundenen Begebenheiten: Die Geschichte eines christlich-muslimischen Liebespaars, das aus Angst vor den Eltern, die ihre Liebe nicht akzeptieren wollen, die beschwerliche Flucht nach Europa auf sich nimmt. „Die Ideen haben sie selbst gesammelt und aufgeschrieben. Ich habe das dann nur noch ein wenig zu einem Theaterstück geformt.“

Neben den Proben trainiert Sina Weiss mit den jungen Männern aber auch einzelne schauspielerische Fähigkeiten: Den richtigen Einsatz der Stimme etwa, Gestik und Mimik. „Dabei lernen sie auch, einen Satz so zu betonen, dass er die gewünschte Bedeutung erhält.“ An zwei weiteren Tagen pro Woche pauken sie bei Ersoy Goeksen Deutsch, ein weiterer Tag dient der Jobberatung. In Einzelgesprächen versucht Defakto-Coach Matthias Grünewald zu ergründen: Was können sie? Haben sie darüber Nachweise, etwa Schulzeugnisse oder Ähnliches. „Dann schauen wir, was sie erreichen wollen – und was davon realistisch ist.“ Das sei nicht immer leicht, weil sich die Schulsysteme stark vom deutschen unterscheiden. Und während eine Ausbildung in Deutschland gut angesehen sei und Möglichkeiten bis hin zur Meisterprüfung bietet, gälten in Syrien Handwerker als „Verlierer“: „Alle machen denselben Schulabschluss, quasi das Abitur. Wer das nicht schafft, darf nicht studieren und muss irgendeinen Beruf erlernen.“

Viele Kursteilnehmer seien alles andere als ungebildet, sagt Grünewald. „Salam Ali etwa ist IT-Fachmann und hatte einen Computerladen, Ali Isa hatte ein Damenbekleidungsgeschäft mit acht Angestellten. Und Aleksousi ist Eventveranstalter, hat Licht und Ton für Großveranstaltungen gemacht.“ Gute Grundlagen also für eine Ausbildung oder einen Job bei Firmen im Rhein-Main-Gebiet. „Wir suchen zurzeit Firmen für Praktika und Ausbildungsplätze.“

Defakto biete verschiedene Projekte für unterschiedliche Zielgruppen an – stets in Verbindung mit Theaterpädagogik, erklärt Projektleiterin Lucie Morin. Die wichtigste Grundlage dafür sei, Deutsch zu lernen, das wüssten auch die vom Jugendjobcenter ausgewählten Teilnehmer. „Wir begleiten sie aber auch bei Behördengängen oder beim Ausfüllen von Anträgen. Das ist ja selbst für Deutsche oft nicht einfach“, sagt Grünewald.

Seit 2014 gibt es Defakto bereits, 2015 erhielt das Unternehmen den Initiativpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. „Zurzeit haben wir 50 Teilnehmer, meist laufen 20 bis 25 Projekte gleichzeitig in ganz Deutschland“, sagt Geschäftsführer Hajo Tippmann. Ein Drittel der Teilnehmer bekomme nach dem Projekt eine Ausbildungsstelle, einige fingen sogar an zu studieren. Gute Chancen also für das Dutzend im Riederwald für einen guten Start in den Beruf.

Firmen, die Kontakt aufnehmen möchten, erreichen Matthias Grünewald unter 01 73-5 21 27 65.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare