+
Die Polizei hat ihre Kontrollen im Viertel nahe der Konstablerwache nach den Anwohnerbeschwerden intensiviert.

Der Drogenhandel im Allerheiligenviertel floriert

Das unheilige Quartier

  • schließen

Die Menschen, die dort wohnen, sind genervt: Lautstarke Streits und Schlägereien gehören im Allerheiligenviertel zum Alltag. Nach Beschwerden über den Drogenhandel und seine Begleiterscheinungen kontrollieren die Ordnungshüter das Quartier verstärkt. Verbessert hat sich laut einer Interessengemeinschaft aber kaum etwas.

Ein Motor heult auf, so laut, dass die Passanten in der Allerheiligenstraße zusammenzucken. Köpfe drehen sich. Ein cremefarbener Maserati mit Offenbacher Kennzeichen beschleunigt auf dem kurzen Abschnitt zwischen Breiter Gasse und Klingerstraße. Kurz vor der Kreuzung bremst der Fahrer das Luxusauto scharf ab und steuert rechts ran. Durch das herabgelassene Seitenfenster redet er mit drei Männern, die auf dem Gehweg stehen und Rauschgift anbieten. Das Gespräch, das wohl der Instruktion dient, dauert nicht einmal eine Minute. Dann tritt der Maserati-Mann wieder aufs Gaspedal und rast durch die Klingerstraße davon. Zurück bleiben die Dealer, die Ausschau nach ihrem nächsten Kunden halten.

Der Drogenhandel im Allerheiligenviertel östlich der Konstablerwache floriert wie eh und je. Im Quartier zwischen Zeil und Battonnstraße, Kurt-Schumacher-Straße und Lange Straße wechseln vor allem weiche Drogen wie Haschisch den Besitzer. Hauptumschlagsort für harten Stoff wie Heroin und Kokain ist weiterhin das Bahnhofsviertel. Das Allerheiligenviertel, das nicht gerade den Ruf einer beliebten Wohngegend genießt, gilt vielen Frankfurtern als „kleiner Bruder“ des Bahnhofsviertels: Außer Drogenhandel auf der Straße finden sich dort nämlich auch Bordelle und eine internationale Geschäftswelt mit Spielhallen, Friseursalons und Gaststätten.

„Im Allerheiligenviertel gibt es keine Heiligen mehr“, sagt Anwohner Rudolf Ebener im Hinblick auf die krummen und schlüpfrigen Geschäfte im Quartier. Weil die Dealerei und die Begleiterscheinungen wie Schlägereien auf der Straße überhandnahmen, gründete er zusammen mit Günther Haberzettel im Herbst 2013 die „Interessengemeinschaft Allerheiligenviertel“.

In der Folge trafen sich engagierte Bewohner aus dem Quartier mehrfach zu Runden Tischen mit Vertretern aus Kommunalpolitik, von Polizei, Ordnungsamt und anderen Behörden, um über die Verbesserung der Situation zu beratschlagen. Bis zu 150 Leute seien jeweils gekommen, berichtet Ebener.

Zur vorerst letzten Runde traf sich die IG vor etwa einem Jahr. „Danach wollten wir erst einmal abwarten, wie sich die Lage weiterentwickelt“, sagen Ebener und Haberzettel. Zwar lobt das Duo die Polizei und das Ordnungsamt für deren regelmäßige Kontrollen. Der Rauschgifthandel sei dadurch aber nicht aus dem Quartier verschwunden. Vor allem dort, wo die Allerheiligenstraße die Klingerstraße und Breite Gasse kreuzt, stünden regelmäßig Dealer. Die Konstablerwache, die schon immer ein Drogenumschlagplatz war, steigere offensichtlich auch die Attraktivität des benachbarten Allerheiligenviertels für Händler und Kunden.

Abends am Wochenende sei in der Regel am meisten los, berichtet Ebener. „Da fahren hier Autos mit Kennzeichen aus der ganzen Region durch die Straßen.“ Darin sitzen in vielen Fällen offenbar Kunden, die sich mit Drogen eindecken, bevor sie in Frankfurt die Nacht durchfeiern. Die Dealer seien zwar nicht mehr ganz so aggressiv wie früher, zu Geschrei und Schlägereien komme es aber trotzdem immer wieder, sagt Ebener. „Wenn hier zwei Leute zu streiten anfangen, sind sofort zehn andere da.“

Die Rauschgifthändler – nach Einschätzung der Interessengemeinschaft vor allem Menschen afrikanischer Abstammung – bunkerten ihre Ware an allen möglichen Orten: „unter Autos, hinter Verteilerkästen und in Fassadenfugen“. Die Pfiffe der Dealer, die ihre Komplizen vor der nahenden Polizei warnen, kennt jeder Anwohner im Allerheiligenviertel. Und auch das Phänomen, dass die Händler nach einer Festnahme schon sehr bald wieder zurück sind.

Frankfurts Polizeipräsident Gerhard Bereswill hat bei seinem Plädoyer für mehr polizeiliche Videoüberwachung im öffentlichen Raum im Februar auch die Kreuzung Allerheiligenstraße/Breite Gasse als Standort für Kameras vorgeschlagen. Auch Manfred Burkart, Leiter des zuständigen 1. Reviers, hält eine Anlage an der Stelle für sinnvoll: „Dort werden relativ viele Straftaten verübt. Kameras wirken einerseits abschreckend, helfen uns andererseits aber auch bei der Verfolgung von Straftaten.“

Burkart betont, dass das 1. Revier seit Juli 2015 regelmäßig Kontrollen im Allerheiligenviertel und an der Konstablerwache und Staufenmauer durchführe. Auch andere Behörden und Dienststellen wie die Stadtpolizei, die Gewerbeaufsicht, der Zoll oder die Kriminalpolizei seien ins Boot geholt worden. Zur Koordination der Kontrollen habe das 1. Revier Anfang März die Arbeitsgemeinschaft Allerheiligen gegründet. Die AG aus derzeit zwei Polizisten soll in naher Zukunft sogar auf vier Beamte aufgestockt werden.

Burkart berichtet, dass im Revier regelmäßig offene und verdeckte Maßnahmen laufen. Den Eindruck, dass der Drogenhandel ausschließlich in den Händen afrikanischstämmiger Menschen liege, widerspricht er „Bei den Kontrollen treffen wir auf Menschen aus allen möglichen Ländern, die Dealer stammen mitunter auch aus Deutschland, Osteuropa oder dem ehemaligen Jugoslawien.“ Die Zahl der aktiven Dealer zu schätzen, ist laut Burkart schwierig, „weil die Fluktuation sehr hoch ist“.

Was die Drogen angehe, würden im Viertel wie von jeher vor allem Haschisch und verwandte Produkte gehandelt. Ein Gramm Haschisch koste auf der Straße derzeit etwa zehn Euro. Der Handel laufe arbeitsteilig. Meist schickten die Dealer die Kunden zwecks Abholung des Rauschgifts zu einer anderen Person oder zu einem Versteck weiter. In jedem Fall laufe die Sache „konspirativ“ ab – eben so, dass Außenstehende die Abläufe möglichst nicht durchschauen können.

Damit, dass viele Dealer kurz nach der Festnahme wieder auf der Straße sind, ist Burkart selbst nicht glücklich. Letztlich entscheide aber die Justiz auf Grundlage von Recht und Gesetz darüber, ob jemand in Untersuchungshaft genommen werde oder nicht. Der Revierleiter ärgert sich vor allem über Dealer, die die Polizisten bei der Festnahme wüst beschimpfen und dann vor dem Haftrichter das Unschuldslamm spielen. „Da sind oft sehr auffällige Persönlichkeitswandlungen festzustellen.“ Für den Revierleiter steht aber auch unabhängig davon fest: „Es wird in einer Großstadt immer einen Drogenhandel geben – und auch Orte, an denen sich dieser vollzieht.“

Die IG Allerheiligenviertel will sich mit der Situation trotz solcher Aussagen nicht zufriedengeben. Rudolf Ebener und Günther Haberzettel kündigen an, nach dem Jahr der Pause wieder in die Offensive zu gehen und Runde Tische einzuberufen. Ihren Traum von einer Nachbarschaft ohne Dealer wollen die beiden trotz der Enttäuschungen in der Vergangenheit noch nicht begraben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare