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"Uns singen die Engel nicht"

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Von: Holger Vonhof

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In der Heiligen Nacht 1996: Sanitäter kümmern sich in der Kirche um die Verletzten, die im Gemeindehaus rechts (nicht im Bild) erstversorgt wurden. FOTO: Falk orth
In der Heiligen Nacht 1996: Sanitäter kümmern sich in der Kirche um die Verletzten, die im Gemeindehaus rechts (nicht im Bild) erstversorgt wurden. © Falk Orth

Vor 25 Jahren traumatisierte ein Handgranaten-Selbstmord in Frankfurt einen ganzen Stadtteil

Frankfurt -In der Dezember-Ausgabe der "Kirchenbuche", des Monatsblättchens der Gemeinde, wird es mit keinem Wort erwähnt, denn viele, die damals betroffen waren, fühlen noch heute den Schmerz: Vor 25 Jahren, an Heiligabend 1996, zündete Heidrun J. gegen 23.15 Uhr in der Christmette in der evangelischen Kirche in Sindlingen zwei Handgranaten. Mit ihr starben zwei unbeteiligte Frauen, 59 und 61 Jahre alt, die in direkter Nähe saßen; 13 weitere Menschen wurden von der Wucht der Explosion und umherfliegenden Splittern zum Teil schwer verletzt. Ein zwölfjähriges Mädchen schwebte lange in Lebensgefahr; noch kritischer stand es um das Leben der Mutter dieses Mädchens. "Wie Geschosse", so sagte damals ein Polizeisprecher, seien die Splitter durch die Kirche geflogen. Deutschland war geschockt; der damalige Bundespräsident Roman Herzog äußerte "Entsetzen und Trauer".

Der korrekte Terminus, den die Polizei für ein solches Geschehen benutzt, ist "erweiterter Suizid". Die damals 49 Jahre alte Frau, die in der drittletzten Kirchenbank die Handgranaten gezündet hatte, wollte sterben. Es war eine lange Leidensgeschichte. 1987, nach der Geburt ihrer Tochter, musste Heidrun J. in psychiatrische Behandlung. Zwei Jahre später, 1989, warf sich ihr Sohn Andreas, damals 18, in Sindlingen vor einen Zug. Die Familie suchte offenbar einen Neuanfang und zog in einen anderen Stadtteil, nach Rödelheim.

Handgranaten aus dem Jugoslawienkrieg

Sieben Jahre später kehrte Heidrun J. an Heiligabend zurück an ihren früheren Wohnort, ging in die Christmette und zündete dort mitten im Lied "Es ist ein Ros' entsprungen" die zwei Handgranaten. Kriegswaffen wie diese waren zurzeit des Jugoslawienkriegs auch im Frankfurter Bahnhofsviertel erhältlich; es waren Handgranaten vom Typ M 52, ein jugoslawisches Fabrikat in russischer Lizenz. Dass ihre Sitznachbarinnen mit ihr sterben würden, war ihr vielleicht gar nicht bewusst. Sie habe, so sagte damals ein Polizeisprecher, "die Wirkung der Handgranaten wahrscheinlich völlig unterschätzt".

Unfassbares Leid hat sie jedoch damit über die Menschen gebracht, die dabei gewesen sind. Auch wer körperlich unversehrt blieb, hatte noch Jahre unter den Folgen zu leiden oder leidet noch heute - immer wieder zu Weihnachten wird die Erinnerung lebendig, es ist ein Trauma. "Früher, wenn ich etwa nachts in Frankfurt unterwegs war, habe ich immer einen Bogen um große, kräftig aussehende Männer gemacht", sagt einer, der als junger Mann in der Kirche dabei war. Seitdem bekomme er Schweißausbrüche, wenn er am Flughafen oder Bahnhof Gepäckstücke herumstehen sehe, zu denen niemand zu gehören scheint.

Die meisten Frauen, die sich töten, so haben Untersuchungen der Kriminologischen Forschungsstelle in München ergeben, nehmen Tabletten oder Gift, erhängen oder ertränken sich. Erweiterte Suizide sind eher ein Männer-Ding. Doch was in den Köpfen von psychisch kranken Menschen vorgeht, die beschließen, sich das Leben zu nehmen, ist kaum nachvollziehbar. Möglich, dass in einer solchen Welt eine Fernsehsendung ein Auslöser sein kann, mutmaßte der damalige Dekan Burkhard Sulimma: In der ZDF-Krimi-Reihe "Rosa Roth", ausgestrahlt Mitte November 1996, hatte sich ein verfolgter Bankräuber mit einer Handgranate in die Luft gesprengt.

Den Tod ihres Sohnes hatte Heidrun J. nie verwunden; darauf deutet auch hin, dass sie für die Tat nach Sindlingen zurückgekehrt war, an den Ort seines Todes. Menschen, die Heidrun J. gesehen haben wollen, sagten aus, dass sie ihre Lebensstationen noch einmal abgelaufen sei - die Wohnung im Sindlinger Norden, den Bahndamm, an dem ihr Sohn gestorben war, sechs Wochen vor Weihnachten.

Heidrun J. lebte im Jahr vor ihrem Suizid allein bei Usingen; getrennt von ihrem Mann und der zur Tatzeit neun Jahre alten Tochter, zeitweise in ärztlicher Behandlung. Als die Polizei nach der Tat Fotos vom Kopf der Frau veröffentlichte, kam der entscheidende Hinweis von Heidrun J.s Vermieter aus dem Taunus. In Sindlingen erkannte zunächst keiner die frühere Nachbarin wieder. Noch in der Heiligen Nacht hatte das Gerücht die Runde gemacht, es sei ein islamistischer Anschlag - Heidrun J., früher eine modische Frau, hatte ein Kopftuch getragen zu einem Gemisch an Kleidungsstücken, unter dem Mantel eine schwarze Windjacke mit Kapuze, darunter einen Rollkragenpullover, darunter eine weiße Bluse, dazu eine Jeans-Latzhose und Cowboystiefel.

"Der Frieden ist verlorengegangen"

Nach der unvorstellbaren Tat wurde die Kirche saniert; die Gemeinde bekam einen neuen Pfarrer, den sie ohnehin bekommen hätte - die Christmette, in der sich die Frau in die Luft sprengte und so viele für immer traumatisierte, war einer der letzten Gottesdienste vor der Pensionierung des alten Pfarrers. Am zweiten Weihnachtsfeiertag hielt ein Kollege den Gottesdienst in der "Arche", dem damaligen Gemeindezentrum im Stadtteil, und sagte: "Uns singen wahrhaft die Engel nicht, und der Frieden unter uns ist verlorengegangen."

Für die Menschen in Sindlingen ist auch heute noch unfassbar, was damals geschehen ist, und den Frieden haben einige bis heute nicht zurückgewonnen.

Holger Vonhof

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