DFB-Schatzmeister Dr. Stephan Osnabrügge beim Rundgang über die Baustelle.
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DFB-Schatzmeister Dr. Stephan Osnabrügge beim Rundgang über die Baustelle.

DFB-Campus Frankfurt

"Unser Ansatz ist einzigartig"

  • VonMichelle Spillner
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DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge über die Bündelung der Management- und der sportlichen Ebene

Dr. Stephan Osnabrügge, seit 2016 Schatzmeister des DFB, sieht große Vorteile darin, wenn Verwaltung und Sport auf dem DFB-Campus unter einem Dach sein werden. Was er sich vom Neubau des DFB-Campus für den DFB, den deutschen Fußball - vom Nationalspieler bis hin zur E-Jugend - erhofft, darüber hat er mit Michelle Spillner gesprochen. Er selbst wird in den neuen Campus nicht mehr mit einziehen. Der 50-Jährige hatte bereits im Mai angekündigt, dass er nicht für das DFB-Amt kandidieren wird.

Inwieweit wird der Zeitplan des Baues eingehalten?

Wir sind trotz Corona nur etwa zwei bis drei Monate hinter Plan. Das ist erfreulich wenig. Wenn man bedenkt, dass wir in einer pandemischen Situation leben, ist das aller Ehren wert, finde ich. Von daher ein großes Lob an unseren Generalübernehmer, aber auch an unseren Bauleiter Winfried Naß.

Gehen Sie manchmal über die Baustelle? Wie ist das für Sie?

Mein Vater war Bauunternehmer. Ich bin quasi auf Baustellen großgeworden, mit dem Geruch von Zement, Holz und Erde. Das hier ist schon ein herausragender Leuchtturm. Wenn ich über die Baustelle laufe, dann ist das immer wieder unfassbar beeindruckend. Und für mich, der ich auf Zeit das Privileg habe, das zu begleiten, eine große Ehre, dabei sein zu dürfen.

Was sind die Vorteile des neuen DFB-Campus?

Ich bin davon überzeugt, dass der Sport und seine Verwaltung zusammengehören. Ich bin auch überzeugt davon, dass wir in Deutschland ein solches leistungsbezogenes Projekt brauchen, um aus Talenten Spitzenspieler und Spitzenspielerinnen zu machen, um die Qualität in der Spitze zu steigern - im Interesse des gesamten deutschen Fußballs. Denn der DFB, seine Landesverbände und letztlich auch die Leistungen für die Vereine werden ganz im Wesentlichen durch eine erfolgreiche Nationalmannschaft finanziert und getragen. Deswegen ist das, was wir hier tun, das Projekt für die Zukunft.

Welche Vorteile hat es, wenn Sport und Verwaltung an einem Ort sind?

Jede und Jeder in der Verwaltung muss begreifen, dass die Verwaltung eines Sportverbandes kein Selbstzweck ist, sondern den Mitgliedern und der Förderung des Sports dient. Und umgekehrt muss der Sport begreifen, dass die Nationalmannschaft kein Selbstzweck ist, sondern die Nationalmannschaft des Deutschen Fußball-Bundes und damit des gesamten deutschen Fußballs. Das symbolisieren wir hier, und das bekommen wir auch am besten in die Köpfe, indem wir alles unter einem Dach zusammenfassen.

Muss man, wenn man in der Verwaltung arbeitet, Fußball spielen oder besonders sportlich sein?

Eine gewisse Sportaffinität schadet sicher nicht, wenn Sie in einem Sportverband arbeiten, aber es gibt keine Pflichtsportstunden (lacht). Ich kann Ihnen aber versichern: Alle, die beim DFB arbeiten, haben eine zu hundert Prozent gegebene Identifikation mit dem Fußball. Ich habe noch in keinem anderen Unternehmen eine derart hohe intrinsische Motivation erlebt, wie bei unseren Mitarbeitern.

Warum entsteht der DFB-Campus am Standort Frankfurt?

Sie können so etwas auf dem grünen Land wahrscheinlich nicht nur billiger bauen, sondern auch unkomplizierter - obwohl wir sehr gut mit den Frankfurter Behörden zusammenarbeiten. Aber wir wollten eben gerade nicht den Sport, den DFB, entfremden: Frankfurt ist der DFB-Standort. Hier gehören wir hin. Dazu die zentrale Lage, mit wenigen Kilometern zum Flughafen, mit Straßenbahnanbindung für die Beschäftigten, die Stadtnähe, um auch mit dem Fahrrad hierherkommen zu können, aber auch die Intercity-Anbindung. Wir werden ja nicht nur unsere A-Nationalspieler hier haben, sondern auch unsere U-Nationalspieler und -spielerinnen. Ebenso wie internationale Gäste.

Gibt es zu dem, was hier entsteht, etwas Vergleichbares?

Unser Ansatz ist tatsächlich einzigartig. Meistens sind Sport und Verwaltung getrennt. Wir bündeln hier alle Aktivitäten der Managementebene und der sportinhaltlichen Ebene. Hier finden Forschung, Entwicklung, Strategie, aber auch Aus-, Fort- und Weiterbildung statt. Nicht zu vergessen die Erdung aller Beteiligten, dadurch, dass man sich beim Kaffee im Bistro begegnet und sich laufend austauschen kann - anders als jetzt: Seit drei Jahren ist der Bereich Nationalmannschaften aus rein kapazitären Gründen in die Goldsteinstraße umgezogen. Der tägliche Kontakt an der Kaffeemaschine beispielsweise, wo man mal gerade miteinander reden konnte, der findet im Moment nicht statt. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, die Zentrale in einer Stadt und das Leistungszentrum in einer anderen Stadt zu haben. Das spiegeln uns auch die Kollegen aus den anderen Verbänden wider.

Warum ist diese Nähe wichtig?

Schauen Sie, einige Vizepräsidenten kommen aus Amateurverbänden. Die haben wenig Erfahrung als Spitzenfußballer auf Weltparkett, die brauchen sie auch nicht. Sie haben aber ganz viel Erfahrung an der Fußballbasis und wissen viel. Der Austausch, beispielsweise mit Oliver Bierhoff, ist wichtig: Es wird sich zum Beispiel über konkrete Herausforderungen für unsere Amateurvereine ausgetauscht. Oder umgekehrt über den Bereich der Stützpunkte, die wir deutschlandweit haben. Das geht verloren, wenn Sie sich nicht begegnen. Sie müssen Platz für Zufälle und für Kommunikation schaffen. Und das tun wir hier. Wir schaffen Platz für Treffen, für Kooperationen und Zusammenarbeit sowie für Begegnungen zufälliger Natur. Das ist wichtig, um Inspiration zu sammeln und innovativ zu arbeiten.

Welche baulichen Besonderheiten gibt es?

Alles unter einem Dach - das ist die zentrale Besonderheit und die Idee, mit der die Architekten auch den Architektenwettbewerb gewonnen haben. Dazu die Zusammenhangsobjekte, die aus energetischen Gründen unter einem großen, weißen Dach zusammengefasst sind, das einen Rückstrahlungseffekt hat, um im Umfeld zwei, drei, vier Grad Temperatur weniger zu haben. Dann ist der Bau - obwohl er so groß ist - gefällig in der Anmutung. Es ist kein Riesenkomplex, kein Hochhaus, kein Betonblock, sondern es ist in die Grünflächen eingepasst auf eine, wie ich finde, architektonisch sehr schöne Weise. KFW 55 war uns wichtig, nicht nur weil es einen Beitrag zur Finanzierung leistet, sondern auch aufgrund der Nachhaltigkeit. Wir haben natürlich Solarpanels verbaut und eine sehr hohe Zahl an elektrischen Ladestationen, sowohl für Autos als auch für Fahrräder. Wir bewässern die Sport- und Grünanlagen mit Dachwasser, das in Zisternen aufgefangen wird - ohne zusätzliche Wasserzufuhr von außen. Die Wärmezufuhr läuft über Fernwärme, also ökologisch sehr gut. Wir haben sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir nachhaltig bauen. Und es gab natürlich im Laufe des Baus, gerade an diesen Stellen, wo die Wissenschaft und Anforderungen im Fluss sind, durchaus Nachträge, die wir umgesetzt haben, weil uns das wichtig war.

Wie entwickeln sich die Baukosten?

Genau werden wir es erst im Juni 2022 sagen können, wenn das Gesamtprojekt übergeben worden ist. Wir haben ein Gesamtkostenbudget von 150 Millionen Euro, da sind Planungskosten und Grundstücke mit drin. Wir haben uns in der Ausschreibung bewusst für einen Generalübernehmer entschieden. Das bedeutet, dass wir Kostenrisiken typischer Natur, wie Baukostenindex und Ausfälle von Personal, nicht übernehmen müssen. Das führt dazu, dass wir aktuell im Kostenplan sind. Wir haben keine absehbare Steigerung. Allerdings muss man sagen, dass der Strich am 30.6.22 gezogen wird. Im Moment sieht es von unserer Seite aus nach einer Punktlandung aus. Ich bin überzeugt, dass wir dieses Projekt zwar nicht exakt im Zeitplan, aber exakt im Kostenplan abwickeln können.

Wie viele Menschen werden hier arbeiten?

Wir planen mit ungefähr 400 festen Arbeitsplätzen. Selbstverständlich haben wir darüber hinaus das Bedürfnis erkannt, partiell mobil zu arbeiten, flexibel zu arbeiten und setzen deshalb ein sehr flexibles Raum- und Arbeitskonzept um. So dass wir insgesamt sehr wohl Arbeitsplätze für über 500 Menschen bieten, die aber nicht alle ständig hier physisch vor Ort sind.

Inwieweit wird sich der DFB-Campus für Frankfurt und die Frankfurter öffnen?

Wir sind hier eingebettet in das alte Gelände der Rennbahn und des Bürgerparks und wir haben bewusst Bereiche geschaffen, die offen sein werden für Bürger, für Fans - optimalerweise mit einer einfachen Voranmeldung. Dann bekommt man auch einen Parkplatz im Parkhaus (lacht). Auch Spontanbesuche sollen möglich sein. Es wird einen öffentlichen Bereich geben, mit einem Bistro und einem Bereich, wo man ein bisschen deutsche Fußballgeschichte sehen kann. Wir schotten uns nicht ab, wie das andere tun. Aber natürlich wird es auch bei uns Phasen der konzentrierten Trainingsarbeit geben, bei denen keine Besucher anwesend sein werden.

Es gibt Seminar- und Konferenzräume und eine Abteilung Veranstaltungsmanagement. Wird es hier auch für Externe die Möglichkeit geben, Veranstaltungen durchzuführen?

Es ist nicht geplant, als Veranstaltungslocation an den großen Markt zu gehen. Primär ist das Gebäude für unsere eigenen Veranstaltungen gedacht. Wir werden, soweit das im Rahmen unserer Nutzung möglich ist, für Partner und Sponsoren Flächen und Räume für Veranstaltungen öffnen. Wenn Adidas eine Veranstaltung machen möchte oder VW oder andere große Partner, dann werden wir das einrichten können.

Kann denn eine E-Jugend auch mal herkommen und trainieren?

Dies ist ein Leistungszentrum für unsere U-Nationalmannschaften und A-Nationalmannschaften, männlich und weiblich. Das ist keine Sportschule. Unsere Landesverbände haben Sportschulen und bieten leistungsgerechte Sportmöglichkeiten in der Fläche an. Das ist ein Riesenvorteil, den wir hier in Deutschland haben. Das werden Sie in anderen Fußballverbänden nicht finden. Der DFB finanziert seine Landesverbände, um diese Strukturen zu fördern und zu erhalten mit mehr als 15 Millionen Euro jährlich. Wir sind hier im Spitzenzentrum, wo die Basis dafür gelegt wird, die Finanzierung langfristig und nachhaltig erbringen zu können.

Was hat dann die E-Jugend vom DFB-Campus?

Unsere E-Jugend-Mannschaften profitieren in der Fläche letztlich von den Erkenntnissen, die der Akademie-Bereich erwirtschaftet. Sicherlich werden in der E-Jugend nicht unbedingt ernährungsphysiologische und psychologische Aspekte umgesetzt. Aber wenn Sie Themen wie Untersuchungen zur Auswirkung von Kopfbällen auf die Gehirnentwicklung nehmen - da wird ganz Fußball-Deutschland von profitieren. Und wenn das ganze System dazu beiträgt, dass unsere Nationalmannschaften wieder einen attraktiven und erfolgreichen Fußball spielen, dann profitieren alle Fußballer und Fußballerinnen in Deutschland. Denn letztlich geht es um viel Geld, das wir in das Fußballsystem Deutschland, in die 21 Landesverbände, in die fünf Regionalverbände, in die Sportschulen, in die Verwaltungen und in den Spielbetrieb hineinstecken. Wir finanzieren nicht unmittelbar Vereine, das können Sie bei 25 000 Vereinen nicht leisten, das ist objektiv unmöglich, aber wir finanzieren die Struktur, die die Vereine kostengünstig oder teilweise kostenlos nutzen können. Für Mitgliedsbeiträge, die so gering sind, wie sie noch nie waren. Die Vereine finanzieren etwa 25 Prozent der Leistungen, die sie in Anspruch nehmen, aus dem Bereich Sportschulen, Spielbetrieb und Leistungen des Verbandes. Die restlichen 75 Prozent finanziert dieses Fußballsystem aus sich heraus, für die Vereine. Die Beiträge, die der DFB leistet, sind ein ganz großer Anteil davon.

Das heißt, vereinfacht gesagt: Je erfolgreicher die Nationalmannschaften, desto mehr ist möglich?

Genau. Wenn wir attraktiv sind für große Partner aus allen Bereichen, die mit uns werben wollen, dann kommt das am Ende des Tages auch der Fußballbasis zugute. Der DFB ist ein gemeinnütziger Verband. Das, was wir unter dem Strich erwirtschaften, wird nicht an irgendwelche Anteilsinhaber ausgezahlt. Es fließt zu 100 Prozent in das Fußball-System. Hier werden keine goldenen Wasserhähne angebracht. Hier wird funktional die Basis für die Zukunft des deutschen Fußballs gelegt. Das, was am Ende über ist, geht in die Basisentwicklung. Wenn dann der FC Soundso im Fußballverband Mittelrhein sagt: "Aber ich habe doch noch nie Geld vom DFB bekommen." Das stimmt, aber er spielt für geringste Beiträge in einem hochprofessionell organisierten Spielsystem mit elektronischen Systemen, wie es sie in nicht vielen anderen Verbänden gibt. Sie haben eine Sportschule auf höchstem professionellem Niveau in ihrem Landesverband zur Verfügung, wo sie signifikant unterhalb der Realpreise mit ihren E-Jugenden zum Trainieren hinfahren können. Wir bieten deutschlandweit Fußballfreizeiten über unsere Stiftungen. Dieses gesamte System will finanziert werden. Und das schaffen Sie nur mit erfolgreichen Mannschaften. Wenn Sie fragen, worauf alles hinausläuft: Auf Tore schießen und Spiele gewinnen.

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