Ganz oben - unsere Leser mit Stadtrat Jan Schneider (hinten Dritter von rechts). Von links: Marina und Andreas Nestele, Annelore und Knut Hangula (rote Jacke), Gisela Jung (orangefarbene Jacke), Bettina Koch (beige Jacke) Walter Geißler und Reimund Köhler.
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Ganz oben - unsere Leser mit Stadtrat Jan Schneider (hinten Dritter von rechts). Von links: Marina und Andreas Nestele, Annelore und Knut Hangula (rote Jacke), Gisela Jung (orangefarbene Jacke), Bettina Koch (beige Jacke) Walter Geißler und Reimund Köhler.

Frankfurts neuer Goetheturm

Unsere Leser durften als Erste hoch: "Wir sind froh, dass er wieder steht"

  • vonKatja Sturm
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Das Wahrzeichen ist noch nicht offiziell geöffnet - aber die Erstbesteigung haben einige unserer Leser gewonnen. Gestern genossen sie die lange vermisste Aussicht.

Frankfurt. -Ganz oben, nach offiziell 175 Stufen und auf einer Höhe von etwa 40 Metern, klopft Annelore Hangula auf Holz. "Eine dieser Platten gehört uns", sagt die Sachsenhäuserin voller Stolz - mit Blick auf die hellen Leisten des Treppenabschlusses in der Mitte der Aussichtsplattform des neuen Goetheturms. Wie viele andere Frankfurter spendeten auch sie und ihr Mann Knut für den Wiederaufbau des vor drei Jahren von Brandstiftern abgefackelten Wahrzeichens. Knapp 200 000 Euro waren so zusammengekommen, die mit drinstecken in den insgesamt 2,4 Millionen, die die Wiederbelebung des beliebten Bauwerks und des damals in Mitleidenschaft gezogenen Areals drumherum am Ende gekostet haben werden.

Bis zur endgültigen Herrichtung wird es nach Auskunft von Baudezernent Jan Schneider (CDU) noch "drei bis vier Wochen" dauern. Eine offizielle Eröffnung wird es aber wegen der Coronavirus-Pandemie in diesem Jahr sowieso noch nicht geben. Das beliebte Ausflugsziel soll nicht gleich zu einem neuen Hotspot werden. Bei einer Leseraktion dieser Zeitung durften am Freitag jedoch schon mal zwei Kleingruppen gemeinsam mit dem Stadtrat den Holzturm erklimmen und in luftiger Höhe bei kühlem Wind den Blick über Stadt und Wald genießen.

Erinnerungen an die Kindheit

Die ersten Eindrücke waren durchweg positiv. Erinnerungen kamen hoch an Zeiten, als man mit Kindesbeinen leichtfüßig die Stufen hochsprang. An Familienausflüge und Sonntagsspaziergänge, wie sie auch Gisela Jung gewohnt war. Bei der Oberräderin und ihrer Tochter Bettina Koch waren dann sogar Tränen geflossen, als sie von der Zerstörung des Turms hörten. "Wir haben das bis zu uns nach Hause gerochen", erzählt Koch. "Jetzt sind wir froh, dass er wieder steht."

Das Ehepaar Hangula hat den Nachfolger regelmäßig wachsen sehen, schaute in den vergangenen Wochen immer wieder mal vorbei, als die Arbeiten liefen. Auf den Erstaufstieg, für den es zurück am Boden sogar eine Urkunde gab, hätte zumindest Knut Hangula aber trotz erfolgreicher Bewerbung beinahe verzichten müssen. Am Donnerstag war der Frankfurter schwer gestürzt, hatte sich den Arm und eine Rippe angebrochen. Seine Gattin sah sich nach anderer Begleitung um, doch ihr Mann legte sein Veto ein. "Ich wollte mir das nicht entgehen lassen", erzählt er. Also biss er die Zähne zusammen und ignorierte sogar die zahlreichen Bänke, die auf dem Weg an die Spitze zu Ruhepausen einladen.

Als Belohnung für die Tapferkeit wartete eine einmalige Perspektive. Denn noch besteht direkt unterm Dach freie Aussicht. Das Fangnetz, das derzeit nur den unteren Bereich umspannt und noch provisorisch an Kabelträgern hängt, wird schließlich bis ganz oben hochgezogen. Die großen Waben lassen jedoch, wie Schneider findet, genügend Raum, um durch sie hindurch trotzdem gelungene Fotos zu schießen. Die Sicherheitsmaßnahme habe es auch früher gegeben, appelliert er ans Gedächtnis.

Anderes soll noch "schöner" werden, die beiden Blitzableiter in den Ecken etwa, die wie Antennen seitlich aufragen. "Sehr stabil" wirke das Ganze, stellt eine Frau fest. Schneider erklärt, dass manche Schwäche des Originals behoben wurde. Neben der leichten Entflammbarkeit des ursprünglichen Materials auch das Problem, dass man keine Elemente zwecks Reparatur oder Erneuerung entfernen konnte, ohne die gesamte Statik zu gefährden. Jetzt jedoch könne man bei Bedarf einzelne Streben ohne Risiko herausnehmen.

Immer noch ein Holzbauwerk

"Ist es denn überhaupt noch ein Holzturm?", fragt ein Mann mit Verweis auf die Stellen, an denen Stahl dominiert und Edelstahl hervortritt. Als solcher sei er registriert, betont Schneider. Und er ähnelt ja auch wirklich in vieler Hinsicht seinem Vorbild.

Allerdings auch in jener, dass der Goetheturm weiterhin nicht barrierefrei ist. Im "hohlen Kern", sagt Schneider, wäre Platz für einen Fahrstuhl gewesen. Doch hätte dieser nicht nur das von der Mehrheit der Bürger befürwortete typische Aussehen der Warte stark verändert. "So ein Aufzug ist ein komplexes Ding", betont der Politiker. Während das Holz des Turmes arbeiten müsse, dürfe dieser sich dabei nicht mitbewegen.

Für diejenigen, die dazu in der Lage sind, gilt es als Kult, sich die schönen Momente unter dem jetzt von einem Bad Homburger Unternehmen gesponserten Dach zu verdienen. Auch wenn mancher dann erst mal nicht nur wegen des atemberaubenden Fernblicks um Luft ringen muss.

"Der Goetheturm gehört einfach zu Frankfurt", sagt Annelore Hangula. "Es war immer was Besonderes, mit den Kindern oder auch den Nichten und Neffen hierherzukommen." Jetzt ist das Bauwerk sogar noch ein kleines Stück mehr Teil der eigenen Familiengeschichte.

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