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Stadtteil-Serie (Teil 29)

Unterliederbach: Der Stolz der Arbeiter

Stolz waren und sind die Unterliederbacher: „Wir hatten uns ergeben / Mit Herz und mit Hand / Was war das für ein Leben / Da draußen auf dem Land“ sang eine Delegation bei der Eingemeindung am 4.

Stolz waren und sind die Unterliederbacher: „Wir hatten uns ergeben / Mit Herz und mit Hand / Was war das für ein Leben / Da draußen auf dem Land“ sang eine Delegation bei der Eingemeindung am 4. April 1928 im Römer. Dabei war das dörflich-idyllische Leben zu dem Zeitpunkt längst einer ungefähr zehn Kilometer von der Frankfurter Stadtmitte entfernten Wohngemeinde gewichen, die schier aus den Nähten zu platzen drohte.

Alte Fachwerkhäuser weisen noch heute auf die Vergangenheit des 1200 Jahre alten Dorfes hin. Siedlungsfunde in der Gegend reichen sogar bis etwa 3000 v. Chr. zurück. Zu römischer Zeit gab es in der Gemarkung einige Gehöfte. Jahrhundertelang wurde in Unterliederbach intensiver Handel betrieben – auch ohne Marktrechte, denn die hatte Unterliederbach nie.

Eine Zäsur bedeutete die Gründung der Farbwerke Hoechst Mitte des 19. Jahrhunderts. Von da an veränderte sich das nördlich von Höchst gelegene Unterliederbach stark. Die Farbwerke benötigten Wohnungen für Arbeiter, möglichst in Werksnähe. Straßen und Siedlungen wurden angelegt, aus Scheunen und Stallungen erwuchsen Mietshäuser. Mit der Bautätigkeit stieg auch die Bevölkerungszahl rasant: Von 500 anno 1875 auf rund 5300 im Jahr 1928.

Heute wohnen über 16 000 Menschen in Unterliederbach, wobei der Osten eine deutlich höhere Bevölkerungsdichte als der Westen aufweist. Ein großes Problem heute ist die Infrastruktur, weite Teile des Viertels ersticken im Verkehr. Auch die Diskussion, ob an der Karl-Oppermann-Schule vorerst eine Integrierte Gesamtschule gegründet oder gleich eine Grundschule errichtet werden soll, ist Gegenstand politischer Kontroversen und beschäftigt die Anwohner.

Unser Reporter Michael Faust hat sich in dem Stadtteil umgesehen, der ein kleines bisschen an dem Umstand knabbert, dass der Nachbar Höchst bekannter ist.

Unterliederbach ist im Gegensatz zu den jüngeren, am Reißbrett entworfenen Stadtteilen ein über die Jahrhunderte gewachsener Stadtteil. Besonders deutlich wird dies im Bereich der Hunsrücker Straße. Dort treffen alte Scheunen auf Fachwerkhäuser und Plattenbauten. Flankiert wird dieses Ensemble vom Liederbach, der sich seinen Weg entlang des alten Ortskerns in südliche Richtung zum Main bahnt.

Als anno 1962 der Wiesbadener Schnellweg in die Autobahn A 66 umgewandelt wurde, kämpfte eine Bürgerinitiative gegen den Verkehrslärm. Als Folge wurden die zu diesem Zeitpunkt noch keine 20 Jahre alten Wohnblocks abgerissen und durch eine 350 Meter lange, schallgeschützte Hochhauswand ersetzt. Die im Volksmund als „Papageiensiedlung“ bezeichnete Bebauung schirmt die dahinter liegende Wohnsiedlung vor dem Verkehrslärm eines der am stärksten befahrenen Autobahnabschnitte Deutschlands ab.

Die barocke evangelische Dorfkirche ist das älteste erhaltene Gebäude und ein Schmuckstück. 1988 wurden Bruchsteinfundamente im Fischgrätverband entdeckt, die nur im 12./13. Jahrhundert verwendet wurden. Im Dreißigjährigen Krieg wurde der Bau beschädigt, erhielt beim Wiederaufbau nach und nach die heutige Gestalt. Der Innenraum wird hauptsächlich durch die Fenster im Süden erhellt.

Die Fraport Arena (bis 2011 Ballsporthalle Frankfurt am Main genannt) wurde 1988 mit einer Gesamtkapazität für ungefähr 5000 Zuschauer eröffnet. Die Multifunktionssporthalle mit ihrer extravaganten Architektur in Form eines quer geschnittenen Footballs ist derzeit die Heimstätte der Basketball-Mannschaft der Frankfurter „Skyliners“ und des Männer-Volleyball-Bundesligisten „United Volleys Rhein-Main“. Auf dem Dach befindet sich eine Photovoltaikanlage. Sie erzeugt etwa 180 000 Kilowattstunden pro Jahr und deckt damit den Strombedarf von zirka 60 privaten Haushalten.

Motorenlärm und Auspuffgase machen den Bürgern das Leben schwer. Besonders die Anwohner an der Königsteiner Straße, der ehemaligen Bad Sodener Chaussee, sehen sich täglich mit langen Autoschlangen auf der wichtigen Nord-Süd-Verbindung konfrontiert. Aber nicht nur der Individualverkehr hat das Gesicht der einstigen Einkaufsmeile verändert: Der Bau des nahe gelegenen Main-Taunus-Zentrums in den 60er Jahren mit seiner kontinuierlichen Expansion bedeutete einen erheblichen Kaufkraftverlust im gesamten Frankfurter Westen.

Der Marktplatz (dabei hatte Unterliederbach nie Marktrechte) gehört mit seinen Fachwerkhäusern zu den reizvollsten öffentlichen Plätzen in den eingemeindeten Stadtteilen Frankfurts. Begrenzt wird das Areal unter anderem von ehemaligen landwirtschaftlichen Gehöften. Leider bestimmen die meiste Zeit des Jahres dort abgestellte Kraftfahrzeuge das Bild.

Nur bei wenigen Veranstaltungen wie etwa bei der traditionellen Michelskerb im September müssen die Blechkarossen regelmäßig das Feld räumen.

Der Aufstieg der chemischen Industrie im 19. Jahrhundert durch die Farbwerke Hoechst löste ein massives Bevölkerungswachstum in den umgebenden Gemeinden aus. Um der daraus folgenden Wohnungsnot Herr zu werden, entstanden die ersten Siedlungen „Arbeiterheim“ und „Engelsruh“. Heute erinnert nur noch ein Museums-Haus im Heimchen an die frühere Bebauung mit kleinen Ein- und Zweifamilienhäusern. Das einzige erhaltene Musterhaus aus dem dritten Bauabschnitt von 1896/1897 wurde 1900 auf der Pariser Weltausstellung sogar mit einem Grand Prix ausgezeichnet.

Was haben ABBA, Jimi Hendrix, Johnny Cash und Kraftwerk gemein? Sie alle spielten in der Jahrhunderthalle. Neben Musikbands gastieren hier auch Ballettensembles und Sinfonieorchester. Oft wird die Halle für Hauptversammlungen, Kongresse, Präsentationen und Galas gebucht. Das 1963 anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Hoechst AG von Architekt Friedrich Wilhelm Kraemer erbaute Kulturzentrum verorten viele nach Höchst, dabei liegt der Kuppelbau in Unterliederbach.

Der meist verschlossene Kirchhof der Dorfkirche war bis 1872 der Friedhof der Gemeinde und ist mit einer Mauer eingefasst. Das Quietschen des Eisentors beim Öffnen versetzt Besucher in eine längst vergangene Epoche. Neben Kriegsdenkmälern finden sich auch noch einige gut erhaltene Grabstätten. Unter anderem liegt hier der Staatsreformer Karl Friedrich von Ibell (1780–1834) begraben.

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