Friedrike Ronnefeldt auf einem undatierten Foto.
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Friedrike Ronnefeldt auf einem undatierten Foto.

Geschichte

Unternehmerin, fünffache Mutter, ihrer Zeit weit voraus

  • VonGernot Gottwals
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Ein historischer Roman über die Anfänge einer Frankfurter Tee-Dynastie würdigt die Lebensleistung der Friederike Ronnefeldt

Die Nacht ist nicht nur zum Schlafen da und die Kirche nicht nur zum Beten. Hier lässt sich auch mal ein ruhiges und ernstes Gespräch zwischen Schwestern führen. So wie zwischen Friederike Ronnefeldt und ihrer Schwester Käthchen in der Alten Nikolaikirche. Denn während Friederike im Frankfurter Teehandel neue Märkte erschließt, geht ihre Schwester Käthchen in Bonn auf Tuchfühlung ... Eine heikle Liebschaft bahnt sich an.

An Friederikes Mann, Tobias Ronnefeldt, hingegen ist nichts heikel. Doch Fingerspitzengefühl braucht auch er, als er 1823 in seinem Kolonialwarengeschäft in der damaligen Neuen Kräme 12 den Teegenuss in der Bier- Wein- und Ebbelweistadt Frankfurt etablieren will. "Tee verbindet man mehr mit Norddeutschland, aber er war im 19. Jahrhundert auch in gehobenen Frankfurter Kreisen wie der Senckenbergischen Gesellschaft beliebt, der Ronnefeldt in jungen Jahren als Ehrenmitglied angehörte", sagt Jan-Behrend Holzapfel, heutiger Inhaber der Firma Ronnefeldt. Tobias legte den Grundstein für eine Familiendynastie, der Autorin und Biographin Susanne Popp mit ihrem Roman "Die Teehändlerin" ein Denkmal setzt - wenn auch zuvorderst Ronnefeldts couragierter Frau Friederike.

Ihre Erzählung von der emanzipierten Gattin, die die Geschäfte für den forschungsreisenden Tobias führt, ist der Auftakt für eine dreiteilige Ronnefeldt-Saga, inspiriert von Thomas Manns "Buddenbrooks". "Mit Tee bin ich als Tochter von Jugendherbergseltern aufgewachsen, nach meinem Roman über die Champagnerhändlerin Barbe-Nicole Cliquot hat sich Friederike thematisch angeboten", sagt Popp. Hinzu kommt der 2023 anstehende 200-jährige Firmengeburtstag, so dass Ronnefeldt und die Autorin über ihre Agentin und den Fischer-Verlag bald zusammenfanden. Der Roman ist in den Jahren 1838 bis 1840 angesiedelt, als Tobias in ferne Länder bis nach China aufbricht, Käthchen ihr Liebesglück in Bonn sucht und Friederike ihr Familienunternehmen leitet: Denn neben ihren inzwischen fünf Kindern betreut sie nicht nur das Geschäft in der Neuen Kräme, sondern erschließt mit dem Nassauer Hof in Wiesbaden neue Kunden: der entscheidende Schritt, um sich mit dem Tee nicht nur im Fachhandel, sondern in der gehobenen Gastronomie und Hotellerie zu positionieren. "Ich kann das gut nachvollziehen, denn in den großen Traditionshotels erfahren die Gäste und Geschäftspartner auch eine gewisse Wertschätzung", betont Ursula Westphal (92), Witwe des letzten Ronnefeldt-Familieninhabers Herwarth Westphal. Sie selbst hat ihren Mann dorthin begleitet, doch Friederike trat im Nassauer Hof als eigenständige Chefin und Unternehmerin auf - für eine junge Mutter um 1840 ungewöhnlich. Das Lied "Wer nur den lieben Gott lässt walten", das das Carillon der Alten Nikolaikirche beim Treffen mit Westphal und Holzapfel zufällig spielt, passt besser zum damaligen Frauenbild.

Dunkle Geschäfte des Prokuristen

Zumal die Religion im Familien- und Gesellschaftsleben eine wichtige Rolle spielt: Denn während das im Kern immer noch mittelalterliche Frankfurt vom Vormärz und den Vorboten des Paulskirchenparlaments tüchtig durchgeschüttelt wird, bleiben die Stände und Religionen noch immer unter sich. Doch Friederike freundet sich mit einem jüdischen Arzt an, Käthchen verliebt sich gar in einen Bonner Katholiken; das geht gar nicht. Und während Tobias wahre Abenteuer in Übersee erlebt, treibt im heimischen Laden auch noch der Prokurist Julius Mertens seine dunklen Geschäfte. Denn wie gesagt: Die Nacht ist nicht nur zum Schlafen da.

Die Ähnlichkeiten der historischen und der fiktiven Handelsfamilie in Frankfurt und Lübeck sind kein Zufall; "Ich bin Buddenbrooks-Fan und habe das Hörbuch während meines Romans gehört, da Thomas Mann doch etwas näher am Zeitgeist des 19. Jahrhunderts ist", bekennt Popp. Die Biographin ist gebürtige Südpfälzerin, hat in Mainz studiert und kennt Frankfurt aus ihrer Ausbildung an der Buchhändlerschule in Seckbach. Die Recherche der genauen Straßenzüge und Stadtlandschaften war dennoch eine Herausforderung. "Es liegen einige Briefe von Tobias Ronnefeldt an seine Frau Friederike vor, die Rückschlüsse auf seine Reisen zulassen", sagt Popp. Doch wie wird der junge Haus- und Geschäftsherr sein Familienunternehmen bei seiner Rückkehr vorfinden? Ob er der Firmenpolitik seiner couragierten Frau zustimmt? "Der Roman ist zu 80 Prozent Fiktion und zu 20 Prozent Realität", sagt Holzapfel. Anders als bei den Buddenbrooks beschreibt er keinen Niedergang der Familie, die Ronnefeldt über sieben Generationen hinweg geführt hat.

19. Jahrhundert: Der Saalhof auf einer Postkarte aus dem Familien-Besitz. Die Eisenbahn lieferte Waren direkt im Zentrum ab.
Unterwegs in Frankfurt. Datum und Fahrer sind unbekannt.
Um 1847: Friederike Ronnefeldt mit ihren fünf Kindern.

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