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Unzufriedenheit mit neuen Regeln

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Von: Thomas J. Schmidt

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Frankfurter Experten bemängeln die Corona-Vorschläge aus Berlin.

Frankfurt -Ab Oktober soll die Schraube der Maßnahmen gegen Corona wieder angezogen werden: Durchgehende Maskenpflicht in Fernzügen und Flugzeugen sowie in Gesundheitseinrichtungen und Pflegeheimen sind angekündigt. Dort gilt auch eine Testpflicht, von der Geimpfte und Genesene suspendiert werden können. Generell sind Bewohner und Patienten von der Masken- und Testpflicht befreit.

So also könnte der dritte Corona-Winter aussehen - jedenfalls soweit es die Bundesgesetze angeht. Die einzelnen Bundesländer können die Maßnahmen verschärfen. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer ist mit dem gestern von den Bundesländern gebilligten Entwurf unzufrieden: "Den öffentlichen Nahverkehr nicht bundesweit zu regeln, halte ich für falsch." Dies sei bekannterweise eine Infektionsstelle. Im Prinzip, so Stürmer, sei es richtig, auf Länderebene weitere Beschränkungen einzuführen, wenn die jeweilige Inzidenz bzw. die regionale Belastung in den Krankenhäusern das gebiete. "Aber es gibt keine einheitlichen Schwellenwerte für diese Kriterien wie die Inzidenz", so Stürmer, der deswegen im kommenden Winterhalbjahr einen "Flickenteppich" befürchtet.

Der Entwurf sieht vor, dass die Länder unter anderem eine Maskenpflicht auch im öffentlichen Personennahverkehr sowie in öffentlich zugänglichen Innenräumen verhängen können. Auch Schüler ab Klasse fünf könnten gegebenenfalls unter die Maske genommen werden, ebenso kann die Maskenpflicht sogar im Freien gelten, falls die Gesundheitsinfrastruktur bedroht ist durch die coronabedingten Krankenhauseinweisungen. Ausnahmen kann es geben bei Freizeit-, Kultur- und Sportveranstaltungen und für die Gastronomie, falls - und das ist entscheidend - die Impfung oder die überstandene Erkrankung nicht länger als drei Monate zurückliegen. Dann können sie von der Maskenpflicht entbunden werden, wenn sie sich vorher auch noch testen lassen. Wie gesagt: Nur auf Anordnung der einzelnen Bundesländer.

Stürmer fände es sinnvoller, wenn Freizeitveranstaltungen wie Restaurantbesuche generell von einer Testpflicht für alle abhängig gemacht und dafür in dem Restaurant oder Konzertsaal auf die Maske verzichtet werden könne. Die Impfung sage bekanntermaßen wenig über das Risiko einer Infektion aus.

Dabei findet Stürmer es grundsätzlich gut, sich schon jetzt auf die kalte Jahreszeit vorzubereiten. Den Einwand, die vorherrschende Corona-Variante Omikron sei insgesamt eher harmlos und man könne ja mit Maßnahmen warten, bis überhaupt eine gefährlichere Variante auftrete, lässt er nicht gelten. "Momentan ist nirgends eine gefährlichere Variante aufgetreten, aber dies kann gegebenenfalls sehr schnell gehen, und dann könnte es für Gegenmaßnahmen wieder zu spät sein", sagte er. Hinzu komme, dass auch bei Omikron das sogenannte Long-Covid auftreten könne, Langzeitschäden wegen der Infektion. Man müsse noch mehr darüber lernen, ehe Entwarnung gegeben werden könne.

Dr. Peter Tinnemann, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, fordert: "Die Empfehlung, eine Masken zu tragen oder sich impfen zu lassen, muss für die Bevölkerung nachvollziehbar sein. Wenn die Menschen Verordnungen nicht nachvollziehen können, dann verlieren wir Glaubwürdigkeit und die Bevölkerung kommt den Verordnungen nicht mehr nach." Im Winterhalbjahr sollten daher "pragmatische und praktisch logische Lösungen zum Schutz der Bevölkerung auf wissenschaftlicher Grundlage im Vordergrund stehen, die individuell nach Infektionslage vor Ort angepasst werden können".

Die Impfung ist nach wie vor in der Diskussion, denn sie schützt nur eingeschränkt vor der Infektion und der Weitergabe des Virus. Frank Dastych, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, fürchtet eine "Impfpflicht durch die Hintertür": "Spätestens die Coronainfektion des Bundesgesundheitsministers beweist: Auch eine vierte oder weitere Impfung schützt nicht vor einer Infektion." Damit seien die Maßnahmen, die gerade im Zusammenhang mit der Novelle des Infektionsschutzgesetzes diskutiert werden, "quasi ad absurdum geführt". Gesundheitsminister Karl Lauterbach solle aufhören, auf die Ständige Impfkommission (Stiko) Druck auszuüben, damit diese eine vierte, fünfte, sechste Impfung für alle empfehle.

In Frankfurt war die Inzidenz seit etwa zwei Wochen sinkend und halbierte sich zuletzt am Dienstag auf 403. Die Rate der Sieben-Tage-Inzidenz-Hospitalisierungen sank in demselben Zeitraum bundesweit von etwa zwölf auf zuletzt 5,35. tjs

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