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Haike Rausch und Torsten Grosch lauschen am Stoltzeplatz Geräuschen, die man sonst nicht hört. Sie haben die Geräusche für ihre Stadtführung der etwas anderen Art hörbar gemacht.

Paranormalität

Urbanen Geistern auf der Spur

Geister gibt es nicht? Und in der Stadt schon mal gar nicht? Zwei Frankfurter laden zu einem Rundgang der anderen Art ein - um das Gegenteil zu beweisen...

Frankfurt. Wir sind von ihnen umgeben, aber sie fallen nicht auf, weil wir sie weder sehen noch hören. Haike Rausch und Torsten Grosch haben sich jedoch auf ihre Spur begeben, ihre Geräusche mit speziellen Mikrofonen eingefangen und bieten von diesem Freitag an unter dem Titel "Ghost Hunting" einen Stadtrundgang in der Frankfurter City an, bei dem sie das Erlebte mit anderen teilen.

Dabei handelt es sich bei der Beute des Künstlerduos, das gemeinsam unter dem Namen "431art" firmiert, nicht um Gespenster im üblichen Sinne, sondern um ein reales Phänomen. Es geht um elektromagnetische Felder, die zum Alltag gehören, weil sie von Handys, Stromkästen, Aufladegeräten erzeugt werden.

"Zugewachsene Fantasielöcher öffnen"

Indem Rausch und Grosch sie hörbar machen, wollen sie eine akustische Zwischenebene und damit "zugewachsene Fantasielöcher" wieder öffnen, wie der Diplom-Designer erklärt. Es ist nicht vordergründig eine Kritik an der Technisierung der Umwelt, die sie umtreibt, auch wenn es jedem freisteht, die eigene Erfahrung so zu deuten. "Man muss nicht alles mit Wertigkeit versehen", sagt Grosch. "Wir kommen von der phänomenologischen Seite." Rausch ergänzt: "Wir wollen die Fantasie antriggern."

Das, was die Spaziergänger an insgesamt neun Stationen erleben, ist die Verknüpfung des bekannten Ortes ausschließlich mit den Klängen, die dort produziert werden, Brummen oder Schnarren etwa, und von einer verzerrten Stimme vorgetragene Textfragmenten. Am Goetheplatz geht es um "Daten, Dichter, Denker", an der Hauptwache, beim Anblick des umstrittenen Abgangs zur B-Ebene, um schwarze Löcher. "Miniaturen" nennt Grosch die kleinen, bis zu dreiminütigen Kompositionen, die dafür geformt wurden und eigene Rhythmen entfalten.

Wann und mit wem man die Tour absolvieren will und wo man einsteigt, kann jeder ganz frei selbst entscheiden. Die Anleitung mit einem Routenvorschlag von der Zeil bis zum Willy-Brandt-Platz ist ab sofort und kostenlos bis einschließlich 10. Januar 2021 im Internet unter ghosthunting-ffm.431art.org/ zu finden und liegt auch an einigen Stellen als Flugblatt aus.

Mit Smartphone und Kopfhörer

Gebraucht werden für den je nach Tempo ein- bis eineinhalbstündigen Audio-Walk lediglich ein Smartphone mit Internet-Verbindung und ein Kopfhörer. Je nach Tages- oder Nachtzeit tönt die Kulisse anders, verschwinden Nebengeräusche oder treten in den Vordergrund.

Rausch und Grosch haben die Menschen im Vorjahr schon einmal auf die gleiche Weise in Nordrhein-Westfalen auf die Jagd nach "urbanen Geistern" geschickt. Damals war die Coronavirus-Krise noch nicht abzusehen. Doch ihre Wanderung durch die Zwischenwelt passe bestens in diese Zeit der pandemiebedingten Einschränkungen. Nicht nur, weil jeder im Alleingang auf Forschungsreise gehen und dabei gebührenden Abstand zu anderen halten kann. "Die Leute sind durch Corona total auf Empfang und bereit, sich auf etwas Neues einzulassen", glaubt Grosch. Zudem sei das Angebot sehr niedrigschwellig und somit für jeden und altersunabhängig einladend.

Die beiden Initiatoren beschäftigen sich in ihrer Arbeit immer wieder damit, Sichtbares und Unsichtbares zu verknüpfen. Nun warten sie gespannt darauf, wie viele Menschen in Frankfurt den Mut haben, den Spuren der modernen Geister zu folgen, die sie vorgezeichnet haben. Katja Sturm

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