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Unter großem Medienandrang wurde gestern im Frankfurter Landgericht das Urteil gegen den 27 Jahre alten Mercedes-Fahrer verlesen, der sein Gesicht mit einer großen schwarzen Mappe verdeckte.

Prozess

Urteil im Thielsch-Prozess: Haftstrafe für Todesfahrer

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Eine Bewährungsstrafe wie sie die Verteidigung gefordert hatte, würde dem unfassbaren Geschehen nicht gerecht, sagte der Vorsitzende Richter der großen Strafkammer des Frankfurter Landgerichts, als er gestern das Urteil gegen den 27 Jahre alten Mercedes-Fahrer verlas, der im September 2015 Silke Thielsch und ihren Lebensgefährten angefahren und die 41-Jährige zu Tode geschleift hat.

„Selten haben Liebe und Tod so nahe beieinander gelegen“, sagt der Richter, als er gestern das Urteil gegen den 27-Jährigen verlas, der die Kriftelerin Silke Thielsch angefahren und mehr als 400 Meter weit unter seinem Auto mitgeschleift hatte. Verärgert über eine Situation, wie sie Autofahrer alltäglich erlebten, beim Warten im Stau oder hinter dem Müllwagen. So viele Möglichkeiten hätte der Angeklagte gehabt, anders auf das Paar zu reagieren, das sich auf dem Zebrastreifen innig umarmte und küsste. Er hätte drumherumfahren oder hupen können, die Lichthupe einsetzen, das Fenster herunterkurbeln und schimpfen, sogar aussteigen und beleidigen. „Das alles tat er nicht, sondern fährt stattdessen völlig sinnlos drauflos.“

Eine Bewährungsstrafe werde diesem unfassbaren Geschehen nicht mehr gerecht, sagt er mit Blick auf die Forderung der Verteidiger. Wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge, in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung und schwerer Verkehrsgefährdung verurteile man den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten. Vor Ablauf von vier Jahren dürfe er zudem keine neue Fahrerlaubnis beantragen.

Riesig ist das Medieninteresse an dem bundesweit einmaligen Fall. Fünf Kamerateams sind vor Ort, Radiosender und Zeitungen. Wegen der großen Öffentlichkeit hat man die Urteilsverkündung in einen größeren Saal des Gebäudes verlegt. „Das ist wirklich unfassbar“, murmelt eine Frau im Publikum, als kurz vor Beginn der Angeklagte dick vermummt und versteckt hinter Akten den Saal betritt. „Er wird doch sowieso verpixelt“, sagt eine Reporterin vom Fernsehen. In vier Phasen beschreibt der Vorsitzende Richter, wie sich das tragische Unglück am 6. September vor zweieinhalb Jahren nach Ansicht des Gerichts genau abgespielt hatte, beginnend mit der ersten Phase, in der er einfach hätte davonfahren können.

„Was machen die denn da?“, habe er stattdessen gefragt. Dann Phase 2, in der er auf das Paar zurollt, in der ihn die beiden Freunde auf Rück- und Beifahrersitz warnen, wohl wissend, dass er schon mal aufbrausend reagiere im Verkehr. Hier schon offenbare sich die Charakterschwäche oder sogar eine Gnadenlosigkeit des Angeklagten, dem die Poesie des Augenblicks komplett verschlossen bleibe. Von einer Provokation durch das Paar – wie von der Verteidigung beschrieben – könne jedenfalls überhaupt keine Rede sein. Das Küssen nach einem freudigen Fest, bei dem auch Alkohol konsumiert werde, die harmloseste Variante, der Zebrastreifen ein geschützter Raum. In Phase 3 sei er dann einfach losgefahren. „Als sei der Weg frei.“ Dass der Mediendesigner und Student durchs Navi abgelenkt gewesen sei, werte man als reines Wunschdenken. Davon habe er sogar in stundenlanger Exploration durch den psychiatrischen Gutachter anfangs auch nichts erwähnt. „Er war schlicht verärgert und wollte seinen Willen durchsetzen.“ Nach dem Aufladen von Silke Thielsch auf die Motorhaube habe er immer noch sieben Sekunden Zeit gehabt anzuhalten. „Eine lange Zeit im Vergleich zu anderen Unfällen, die sich oft in 0,5 Sekunden abspielen.“ Er habe auch noch gemerkt, dass die Frau runtergefallen und eine Bewegung des Autos stattgefunden habe. „Ein Aufwuppen, das ein Fahrer unmittelbar spürt.“

Von einem Bordstein – wie von ihm ins Feld geführt – könne er jedenfalls nicht ausgegangen sein. Eindeutig nämlich zeige die Spurenlage, dass er mittig in den Kreisel gefahren sei. Auf die Rufe der geschockten Freunde im Auto sei er nicht eingegangen.

Besonderes Entsetzen in der Öffentlichkeit habe dann ausgelöst, was sich in Phase 4 abspielte: Wie genau sich das Bein da im Radkasten verfing: ein komplexer Vorgang, der wohl nie aufgeklärt werden könne. „Ein atypischer, tragischer Verlauf“, bei dem man nicht zweifelsfrei sagen könne, ob der Angeklagte in dem gut gedämmten Auto überhaupt etwas habe merken können. „Hätte er das gemerkt, dann wäre die Beurteilung ja ganz klar.“ So aber könne man ihm keine Tötungsabsicht unterstellen. Dagegen spreche das fehlende Motiv, dass er nicht vorbestraft sei und später noch selbst den Notruf abgesetzt hatte. Drei bis 15 Jahre sei der Strafrahmen für das Delikt.

Von einem minderschweren Fall könne man hier nicht mehr ausgehen.

Nicht vergleichbar

sei der von den Verteidigern im Plädoyer als „Blaupause“ eingeführten Fall, in dem das Münchener Landgericht einen Taxifahrer zu einer Bewährungsstrafe verurteilt hatte. Dort hatte sich die Jacke eines Kunden unglücklich in der Tür verhakt, sodass er zu Tode geschleift worden war. Der Kunde habe hier gegen den Willen des Fahrers versucht, in den Wagen zu steigen. „Silke Thielsch aber wollte gar keinen Kontakt zu dem Wagen.“

Zugunsten des Angeklagten werte man, dass er nicht vorbestraft und im Verkehr vorher nicht aufgefallen sei, zudem eine leichte Enthemmung durch den Alkoholgenuss auf dem Fest. Auch dass er weitgehend geständig und selbst durch die Tat und das lange Verfahren psychisch belastet sei. Strafschärfend sehe man die Banalität des Anlasses und die erheblichen Folgen für den Bruder der Verstorbenen und den Verlobten.

„Herr R. weiß wohl selbst, dass seine individuelle Verantwortung für den Tod Silke Thielsch eine Bewährungsstrafe in keiner Weise rechtfertigt.“ Trösten könne ein Urteil allerdings nie, sagt er abschließend zu den Angehörigen. Das solle es auch nicht leisten. „Wenn Sie Frieden finden wollen, sollten Sie versuchen in die Zukunft zu schauen.“ Das wolle er versuchen, sagt der Verlobte, der sich nach dem Verfahren noch kurz den Fragen stellt. „Wir sind aber erleichtert, dass es zu einer Haftstrafe kommt.“ Damit spricht er vielen aus der Seele. Während die Staatsanwaltschaft Rechtsmittel prüfen will, kündigten Verteidigung und Nebenklagevertreter den Gang zum Bundesgerichtshof an.

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