Frankfurter Forscher entdecken das „Kurzfrüchtige Weidenröschen“

Von US-Soldaten importiert

  • vonInga Janovic
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Sie kamen mit den US-Soldaten und fanden in Frankfurt eine neue Heimat. Dass sie diese wieder verlassen, ist kaum zu erwarten: Das „Kurzfrüchtige Weidenröschen“ gedeiht in Rhein-Main prima, sagen die Forscher des Senckenberg-Instituts.

Mit beinahe kriminalistischem Gespür haben sich Forscher des Senckenberg-Instituts an die Spuren von Einwanderern gehängt, die sich beinahe unbemerkt im Rhein-Main-Gebiet niedergelassen haben: „Kurzfrüchtiges Weidenröschen“ heißt der neue Bewohner. Im Fachjargon der Botaniker ist Epilobium brachycarpum ein Neophyt, stammt ursprünglich aus den Hochgebirgen Nordamerikas. Heute wächst er an Bahngleisen, Kiesgruben und auf geschotterten Parkplätzen.

In Frankfurt angekommen ist der optisch eher unscheinbare Pflanzenneuling wohl am Alten Flugplatz in Bonames. Das ergaben genetische Untersuchungen der Frankfurter Forscher, die sie kürzlich im Fachjournal „Biological Invasions“ veröffentlichten. Demnach habe es mehrere, beinahe zeitgleiche Einwanderungswellen gegeben, die Samen des Weidenröschens hafteten dabei als „blinde Passagiere“ an Militär- und Landwirtschaftsfahrzeugen beziehungsweise den Stiefeln von US-Soldaten.

„Es gibt das Weidenröschen häufiger, als man denkt – auch hier im Rhein-Main-Gebiet“, erklärt Kai Uwe Nierbauer aus der Abteilung Botanik und molekulare Evolutionsforschung am Senckenberg-Forschungsinstitut. Das unscheinbare Nachtkerzengewächs ist ursprünglich an der nordamerikanischen Westküste beheimatet. Vor 35 Jahren wurde es erstmalig in Europa, in der Nähe von Madrid, entdeckt. In Deutschland wurde die filigrane, bis zu einem Meter hohe Pflanze vor 20 Jahren in Rheinland-Pfalz gefunden; im Rhein-Main-Gebiet breitet sie sich seit etwa 15 Jahren aus. „Im Frankfurter Raum findet sich der Neophyt meistens auf Bahnhöfen zwischen Gleisschotter. Es ist aber auch in Kiesgruben, Steinbrüchen, Erddeponien und auf geschotterten Parkplätzen zu finden“, ergänzt der Botaniker.

Er und seine Kollegen fanden weitere Populationen zwischen Frankfurt und Rastatt, in der Wetterau, im Taunus und dem Pfälzer Wald sowie in Bayern. Eine Besonderheit ist ein Vorkommen in Treis-Karden an der Mosel: „Dort weisen alle Pflanzen schwere Frostschäden auf“, erklärt Nierbauer. Die Botaniker verglichen die Pflanzen-DNA von 23 Orten in Deutschland und Nord-Frankreich mit Vergleichsmaterial aus den USA und kamen zu dem Schluss, dass diese frostanfällige Weidenröschen-Population an der Mosel ihren Ursprung in der „Tieflandsippe“ hatte, also Pflanzen, die sich in nur wenigen Höhenmetern ansiedeln. „Alle anderen Vorkommen stammen dagegen aus Höhen von über 1500 Metern – diese Pflanzen sind genetisch demnach schon an größere Kälten angepasst“, begründet Nierbauer. Damit ist auch klar, dass es mehrere Gelegenheiten gegeben haben muss, bei denen die Samen aus den USA nach Europa versehentlich mitgeschleppt wurden.

Das „Kurzfrüchtige Weidenröschen“ verdrängt am neuen Standort zwar keine anderen Pflanzen, aber es schließt Flächen, die ansonsten frei bleiben würden. In der Grube Messel wird dabei beispielsweise das Beuterevier des Flussregenpfeifers eingeschränkt. Dieser kleine Vogel benötigt freie Flächen, um seine Nahrung zu finden. Ihrerseits gefressen werden die Blätter und Stängel nur von Kaninchen, die den Samen aber unbeschädigt wieder ausscheiden. Wie die weitere Ausbreitung des „Kurzfrüchtigen Weideröschens“ abläuft, werden die Forscher im Blick behalten.

(ing)

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