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Martha Fujimura vom Vorstand des Vereins zur beruflichen Förderung von Frauen.

VbFF

Verein zur beruflichen Förderung von Frauen wird 40

Der Verein zur beruflichen Förderung von Frauen (VbFF) in der Walter-Kolb-Straße feiert das 40-jährige Bestehen. Unsere Mitarbeiterin Carolin-Christin Czichowski hat mit der langjährigen Aktivistin und Vorstandsfrau Martha Fujimura gesprochen.

Wie entstand der Verein?

MARTHA FUJIMURA: Aus dem sogenannten „Seminar für Politik“ heraus, in dem sich Frauen (anfangs waren auch zwei Männer dabei) für die beruflichen Interessen und die berufliche Entwicklung von Frauen stark machten. Das war anfangs alles ehrenamtlich. Im Zuge der feministischen Bewegung in den 1960er und 1970er Jahren erwuchs daraus eine Institution, die dann mit öffentlichen Geldern gefördert wurde.

Wie hat sich die Arbeit bis heute entwickelt?

FUJIMURA: Vor etwa 30 Jahren lag der Fokus mehr auf Projekten für Frauen über 27 Jahre. Das waren öffentlich geförderte Sachen, etwa für Frauen in Führungspositionen oder kulturelle Projekte wie zum Beispiel die Qualifizierung zur Freizeit- und Kulturreferentin. Mit der Zeit hat sich die Zahl der Frauenprojekte verringert. Wir haben zwar immer noch Projekte für erwachsene Frauen, aber den größten Bereich beinhaltet die Ausbildung für Jüngere.

Hat sich die Zielgruppe verändert?

FUJIMURA: Es hat immer Veränderungen gegeben. Vor 27 Jahren, als ich hier anfing, haben wir bereits Projekte für Migrantinnen angeboten, denn Frankfurt war schon immer eine multikulturelle Stadt. Aber damals waren das eher die Töchter der Arbeitsmigrantinnen und Migranten aus Italien, aus der Türkei, aus Marokko oder Spanien. Heute ist es total international, die Frauen kommen von überall her.

Und was änderte sich noch?

FUJIMURA: Das ist der berufliche, schulische und intellektuelle Hintergrund, mit welchem die Frauen zu uns kommen. Im schulischen Bereich zum Beispiel ist die Bandbreite groß – das reicht von Frauen, die gar keine Schule besucht haben und jene, die nur wenige Jahre in der Schule waren, bis hin zu Hochschulabsolventinnen.

Das heißt, der Verein ist im Prinzip für alle Frauen da? Egal, welchen Bildungsstand sie haben, ob mit oder ohne Migrationshintergrund?

FUJIMURA: Im Prinzip ja. Der Verein steht allen Frauen offen, was die Beratung und Berufsvorbereitung anbelangt. In den einzelnen Ausbildungsprojekten ist es etwas spezifischer. Da haben wir zum Beispiel die „Teilzeitausbildung für alleinerziehende Mütter“, die auf deren Bedürfnisse zugeschnitten ist. In einem weiteren Projekt bilden wir zum Beispiel junge Frauen mit Migrationshintergrund zu Kauffrauen für Büromanagement aus. Sie haben ohne Unterstützung keine Chance, auf dem ersten Ausbildungsmarkt Fuß zu fassen. Überhaupt ist das Thema „Ausbildung“ ein zentrales. Wir unterstützen Frauen, die auf ihrem beruflichen Weg unterschiedliche Formen der Benachteiligung erfahren.

Gibt es Ihrer Meinung nach auch heute noch eine Frauenbewegung?

FUJIMURA: Auf jeden Fall, auch wenn anders als damals. Bezeichnend ist, dass aus der Frauenbewegung in den 60er und 70er Jahren viele Organisationen und Institutionen hervorgegangen sind. Das Frauenreferat in Frankfurt ist beispielsweise eine solche Institution, sie hat bis heute die verschiedenen Belange der Mädchen und Frauen im Blick – nicht nur die beruflichen. Leider muss ich aber auch sagen, dass wir eine von nur wenigen Trägerinnen sind, die wirklich nur Frauenprojekte in der beruflichen Bildung anbieten. Die meisten anderen arbeiten mittlerweile auch mit Männern.

Warum ist die Arbeit des Vereins auch heute noch so wichtig?

FUJIMURA: Naja, wenn wir genau hinschauen, ist die Gleichstellung zwischen Mann und Frau ja noch lange nicht erreicht in unserer Gesellschaft. Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen beträgt noch immer durchschnittlich 21 Prozent, Frauen leisten doppelt so viel unbezahlte Sorgearbeit und Frauen bekommen viel, viel weniger Rente als Männer. Rund 40 Prozent der alleinerziehenden Frauen sind bundesweit auf Sozialleistungen angewiesen. Da muss sich wirklich noch einiges tun.

Welche Frauen will der Verein denn speziell ansprechen?

FUJIMURA: Die Frauen, die zu uns kommen, sind sehr verschieden. Ihre schulischen Kenntnisse sind ebenso unterschiedlich wie ihre persönlichen Erfahrungen. Etwa bei der Flucht aus der Heimat, spielt das eine wichtige Rolle. Wir haben hier den Anspruch, individuell auf Frauen einzugehen.

Inwiefern?

FUJIMURA: Unser Ziel ist es, dass die Frauen zum Beispiel ihre Deutschkenntnisse verbessern, sich auf einen Beruf vorbereiten oder eine Ausbildung machen. Aber der Weg dorthin ist sehr individuell – genauso wie die Unterstützung, die sie von uns erhalten. Außerdem ist die Arbeit mit Frauen auch unser Erfolgskonzept. Warum sollten wir also etwas, das erfolgreich ist, verändern?

Erfahren Sie denn Druck?

FUJIMURA: Gut, Druck kommt schon etwas von außen. Manche Projekte werden mittlerweile nicht finanziert, wenn sie sich nur an Frauen richten. Das war zwar eine Zeit lang etwas stärker ausgeprägt und lockert sich zum Glück jetzt wieder. Wahrscheinlich weil auch viele Geldgeber die Notwendigkeit geschlechterdifferenzierter Arbeit weiter erkennen und schätzen.

Sie sagten, Sie hätten schon immer mit Migrantinnen gearbeitet. Inwieweit hatte die Flüchtlingssituation, die ja immer noch andauert, einen Einfluss auf das Engagement?

FUJIMURA: In den letzten drei Jahren haben wir unser Angebot um neue Projekte für Frauen mit Fluchterfahrungen erweitert. Da gibt es zum Beispiel das Tandemprojekt „Mina meets“, das geflüchtete Frauen mit nicht geflüchteten Frauen zusammenbringt. Das soll den Geflüchteten die Möglichkeit geben, in der Gesellschaft anzukommen und nicht isoliert in ihrer Unterkunft zu leben.

Was gibt es da noch?

FUJIMURA: Ansonsten leisten wir jetzt auch aufsuchende Arbeit, gehen also in die Flüchtlingsunterkünfte und bieten dort Beratungsangebote und zum Beispiel Sprach- und Lerncafés an. Grundsätzlich haben wir aber schon lange Frauen mit Fluchterfahrung in unseren Projekten. Das ist für uns also eigentlich nichts Neues. Wir haben in den letzten zwei bis drei Jahren aber verstärkt Angebote entwickelt, die spezifischer auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zugeschnitten sind.

Also ist das keine große Herausforderung für den Verein?

FUJIMURA: Es ist zwar eine Herausforderung, aber keine unüberwindbare. Vorher waren Frauen mit Fluchterfahrung in unseren Projekten in der Minderheit, heute sehen wir, wie ihre Zahl steigt. Sicher verändert das unsere Arbeit. Und natürlich muss man auch schauen, wie man den Zugang zu den Frauen bekommt, weil die Umstände natürlich andere sind.

Inwiefern sind sie anders?

FUJIMURA: Wenn zum Beispiel der Aufenthaltsstatus der Frau noch nicht geklärt ist, sind ihre Gedanken nicht immer beim Kurs. Sie muss Termine bei Ämtern und Behörden wahrnehmen. Oder eine Frau ist durch ihre Flucht traumatisiert und benötigt vorab Unterstützung, bevor das Thema Ausbildung angegangen werden kann. Da müssen wir neue Wege suchen.

Welche Wege sind das denn?

FUJIMURA: Das Ganze erfordert mehr Flexibilität und Durchhaltevermögen – aber überfordert sind wir mit dem Thema durchaus nicht. Wir sehen vielmehr das Potenzial, das in diesen Frauen steckt und die Vorbildfunktion, die sie für ihre Familien übernehmen. Und das spornt uns an.

Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft des Vereins?

FUJIMURA: Ich würde mir wünschen, dass unsere Ideen, welche die Frauen schnell und zielgerichtet weiterbringen sollen, mehr von der Öffentlichkeit gesehen und gehört werden. Und damit meine ich auch die Politik.

Was könnte die Politik denn beispielsweise besser machen?

FUJIMURA: Die Politik hat oft ganz konkrete Vorstellungen von Projektarbeit – es soll nicht viel kosten, es soll schnell gehen und es soll eine Masse von Menschen in möglichst kurzer Zeit so weit gebracht werden, dass sie der Gesellschaft viele Vorteile bringen. Das ist ein eingeengter Blick und sollte zumindest nicht der einzige sein. Wenn eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern mit der Ausbildung pausieren muss, bis sich ihre Lebensumstände stabilisieren oder sie die Abschlussprüfung nicht auf Anhieb besteht, ist Geduld und Unterstützung gefragt. Jeder Mensch hat eine zweite oder manchmal eine dritte Chance verdient.

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