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Kilometerlang staut sich der Verkehr auf der Autobahn 5 in südlicher Richtung in der Nähe des Darmstädter Kreuzes.

Pendlerfrust

Verkehrswege in Hessen stoßen an ihre Leistungsgrenzen

Hessen hat die Wahl. Am 28. Oktober können mehr als 4,3 Millionen Menschen zwischen Bad Karlshafen und Hirschhorn mit ihren Stimmen über die künftigen Kraftverhältnisse im Landtag entscheiden. Die wichtigsten Wahlkampfthemen beleuchtet eine Serie, die heute mit dem Thema Verkehr startet. Nur jeder vierte Hesse arbeitet dort, wo er wohnt. Die Folgen müssen Pendler jeden Tag erdulden, entweder in kilometerlangen Staus auf der Straße oder überfüllten und unpünktlichen Zügen. Experten sagen: Die Entwicklung wird sich noch weiter zuspitzen.

Rund 40 Kilometer beträgt der Arbeitsweg von Harald Kersten. Mehrmals in der Woche fährt der Handwerksmeister aus Usingen im Taunus zu einer Baustelle im Frankfurter Osten. Erst Bundesstraße, dann Autobahn, dann in die Stadt – rund 40 Minuten dauert die einfache Fahrt. Klingt problemlos, ist es aber nicht. Denn der 45-Jährige kann nur zu bestimmten Zeiten fahren. Sonst steht er im Stau. Genauso wie Tausende andere Pendler jeden Morgen und Nachmittag in Hessen.

Um das zu vermeiden, fährt Kersten um 6 Uhr morgens zu Hause los: „Schon eine Stunde später, und man steht“, berichtet er. Die Fahrtzeit könne sich dann leicht verdoppeln – mindestens. Ähnliches gilt für den Rückweg, auch hier gilt es, die Rushhour zu meiden. „Einerseits habe ich es ja selbst ausgewählt, im Taunus zu wohnen. Andererseits könnte ich mir in Frankfurt keine Wohnung leisten“, sagt der Sanitär- und Heizungsbaumeister. Die Bahn sei keine Alternative: „Ich als selbstständiger Handwerker brauche meinen Bus permanent.“

Zudem sei die Bahn viel teurer. Würde das geändert, würden aber vielleicht andere Pendler umsteigen: „Wenn man in die Autos schaut, sitzt da immer nur ein Mensch drin.“ Auch beim Straßenbau gehe es zu langsam voran. Zudem beobachte er, dass immer mehr Last- und Lieferwagen unterwegs seien. Der hessische Verkehrsminister, schlägt Kersten vor, solle selbst mal die Strecke fahren. „Dann sieht er, wie es ist. Da ist er auch jederzeit herzlich eingeladen.“

Mehr als 360 000 Menschen kommen jeden Tag zum Arbeiten nach Frankfurt, größtenteils mit dem Auto. Auch anderswo im Land wird kräftig gependelt, mit steigender Tendenz. Nach Schätzung des ADAC kratzt allein die Zahl der Menschen, die in die kreisfreien Städte zum Arbeiten fahren – also nach Darmstadt, Frankfurt, Kassel, Offenbach und Wiesbaden –, schon bald an der Millionengrenze. Hintergrund sind auch die steigenden Preise für das Wohnen in der Stadt – wo sich allerdings die Mehrzahl der Arbeitsplätze befindet. Nur jeder vierte Hesse arbeitet dort, wo er wohnt.

Die Autobahnen im Land – ohnehin belastet durch die Transitlage Hessens – sind auch wegen vieler Bauarbeiten am Morgen und am Nachmittag an vielen Stellen chronisch verstopft. Besonders schlimm war es nach ADAC-Auswertung 2017 auf der A 44 zwischen Kreuz Kassel-West und Dreieck Kassel-Süd mit fast 2200 Stunden Stau. „Vor allem in den Ballungsräumen sind die Straßennetze an ihrer Belastungsgrenze. Selbst kleine Störungen führen im Berufsverkehr umgehend zu langen Staus“, sagt Wolfgang Herda vom ADAC.

Man konzentriere sich derzeit in erster Linie auf die lange vernachlässigten Autobahnbrücken sowie den Ausbau sämtlicher Autobahnkreuze im Rhein-Main-Gebiet, erklärt das Verkehrsministerium in Wiesbaden. Auch in Bundes- und Landesstraßen werde kräftig investiert. Neue Steuerungsanlagen für den Verkehr, wie zuletzt etwa auf der A 3 installiert, sollen die Staugefahr zusätzlich senken.

Der ADAC fordert zudem attraktivere Angebote für Autofahrer, damit sie aufs Rad oder den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) umsteigen. Denn die Lage auf den Schienen ist zurzeit nicht besser als die auf der Straße.

Beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV), der schon heute werktäglich 2,5 Millionen Fahrgäste zählt, heißt es: „Wir gehen davon aus, dass die Fahrgastnachfrage in den nächsten Jahren weiter deutlich ansteigt. Entsprechend elementar ist der Infrastrukturausbau.“ Dieser allerdings erzeugt zunächst weitere Probleme. Mehr als 100 Millionen Euro steckte die Bahn zuletzt in ein neues elektronisches Stellwerk für den S-Bahn-Tunnel unter Frankfurt – eine der meistbefahrenen Strecken bundesweit, die dafür mehrmals wochenlang gesperrt werden musste. Einschränkungen gibt es zurzeit auch wegen des Ausbaus der S6 Frankfurt-Bad Vilbel.

Das Leben als Bahnpendler ist jedenfalls keine unkomplizierte Alternative, wie ein 41-Jähriger, der in Bad Nauheim wohnt und in einem Frankfurter Krankenhaus arbeitet, berichtet: Regelmäßig sei er mit verspäteten oder ganz ausfallenden Verbindungen konfrontiert. Bauarbeiten und Probleme bei besonderen Wetterlagen kämen hinzu. Zum Unmut darüber komme der Ärger über die Kosten: „Ich zahle 1800 Euro für das Vergnügen, dass mein Nahverkehr nur unzureichend funktioniert.“

Thomas Kraft vom Fahrgastverband Pro Bahn Hessen sagt, dies sei die Erfahrung von Pendlern auf Strecken im ganzen Land. Das Rhein-Main-Gebiet sei allerdings besonders verkehrsbelastet. Jahrzehntelang seien Investitionen ausgeblieben. „Es wurde nie visionär gedacht, nur gerade das Nötigste gemacht.“ Erst in den vergangenen Jahren seien in Hessen überhaupt Landesmittel in den ÖPNV gesteckt worden, etwa, um das Schülerticket einführen zu können. Damit können Schüler für 365 Euro im Jahr den ÖPNV in ganz Hessen nutzen.

„Man merkt, sowohl die Bahn, der Nahverkehr, als auch die Autobahn sind an ihrer absoluten Leistungsgrenze, insbesondere zu den Spitzenzeiten. Und das zwingt einen als Pendler dann zu großer Flexibilität“, sagt der Bad Nauheimer Zugfahrer. Er selbst hat sich ein Faltfahrrad gekauft, das sich wie ein Gepäckstück im Zug transportieren lässt. Das könne er nutzen, wenn etwa der Anschluss zum Bus nicht klappt. „Wenn man sich vorstellt, dass das Pendleraufkommen vielleicht weiter steigt aufgrund der steigenden Immobilienpreise oder wegen des Brexits, dann muss man sich die Frage stellen, wie das funktionieren soll.“

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