Verliert der Dollar seine Macht?

  • Panagiotis Koutoumanos
    vonPanagiotis Koutoumanos
    schließen

In der Vergangenheit hat nichts den US-Dollar in seiner Rolle als Leitwährung erschüttern können. Doch das Versagen der US-Regierung bei der Bewältigung der Corona-Pandemie hat das Vertrauen in die Großmacht weiter geschmälert und die US-Währung auf eine rasante Talfahrt geschickt. Davon profitiert der Euro so stark, dass die Märkte nun darüber diskutieren, ob die europäische Gemeinschaftswährung den Dollar in absehbarer Zeit vom Thron stürzen könnte.

Frankfurt -Als im vergangenen März deutlich wurde, dass das Coronavirus die weltweite Konjunktur in die Krise stürzen würde und damit die Aktienmärkte auf Talfahrt schickte, stürzten sich Anleger und Unternehmen rund um den Globus spontan auf die Währung, der sie traditionell am meisten vertrauten: den Dollar. Auf der verzweifelten Suche nach Sicherheit und Barem, das die Geschäfte in einer beispiellosen Wirtschaftskrise am Laufen halten sollte, schnappten sie sich Dollar, wo immer sie konnten. Es entstand eine Rally, die in ihrem Extrem dem Ausmaß der Krise in nichts nachstand: In nur neun Tagen legte der Dollar um neun Prozent zu. Das mag moderat klingen, aber auf dem recht stabilen Devisenmarkt, der viel größer ist als der Aktienmarkt, kommt das einem Erdbeben gleich.

Einem Erdbeben, das vorauszusehen war. Denn immer, wenn es hart auf hart kommt, ist es der Dollar, der gewinnt. Das war auch in der globalen Finanz- und Konjunkturkrise von 2008/2009 nicht anders. "Diese Krise hat abermals demonstriert, dass der Dollar und die amerikanischen Kapitalmärkte aus Anlegersicht der ultimative sichere Hafen sind", sagte damals Joachim Fels, Berater der Allianz-Tochter Pimco, einem der größten Anleihen-Investoren weltweit. Ähnlich äußerte sich Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel: "Trotz Donald Trump vertrauen die Investoren in unruhigen Zeiten vor allem dem Dollar."

Stärkster Ausverkauf seit zehn Jahren

Wenige Monate später ist davon jedoch nichts mehr zu erkennen. Im Juli haben Investoren so viele Dollar verkauft wie seit zehn Jahren nicht mehr: Um fast fünf Prozent auf 93,5 Punkte ist der Dollar-Index gefallen, der die Entwicklung gegenüber sechs anderen Währungen zeigt - ein dramatischer Absturz auf ein Niveau, auf dem sich der "Greenback" zuletzt 2018 bewegte.

In normalen Zeiten würde eine solche Dollarschwäche signalisieren, dass die Anleger mit großer Zuversicht auf die Weltkonjunktur blicken und ihr Geld deshalb auch in risikoreichere Regionen investieren. Dieses Mal nicht. In der vergangenen Woche beschleunigte sich der Dollar-Verfall. Gleichzeitig verharrten aber die Kurse der Staatsanleihen nahe Rekordhöhen, hat der Goldpreis seine Rally fortgesetzt, auf bis zu 1983 Dollar die Unze. Das kann nur heißen, dass die USA in den Augen der Marktteilnehmer ein akutes Problem haben.

Und das ist leicht auszumachen: Während sich Europa und andere Regionen in der Bekämpfung der Corona-Pandemie gut schlagen, hat sich das Virus in den USA erneut rasant ausgebreitet, so dass sich die Konjunktur-Aussichten für die USA im Vergleich zu anderen Staaten deutlich eingetrübt haben.

Das Versagen der US-Regierung bei der Bewältigung der Pandemie hat die Finanzmärkte aufgeschreckt. Zugleich hat Donald Trump mit seinen zwischenzeitlichen Überlegungen, den Termin für die US-Wahlen zu verschieben, die Investoren zusätzlich verunsichert. Nicht wenige fürchten, dass der Präsident bei einer Wahlniederlage das Ergebnis anfechten und das Land in ein politisches Chaos stürzen könnte.

Und das lenkt das Augenmerk vieler Anleger auf die überbordenden Schulden der USA. Deren Haushaltsdefizit wird nach Schätzungen des IWF in diesem Jahr auf 15,5 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Zum Vergleich: Die Bundesregierung rechnet für Deutschland mit einem Defizit von 7,2 Prozent. Die deutsche Staatsverschuldung wird demnach auf 75 Prozent steigen - während die USA auf 131 Prozent zusteuern. Das sind fast schon italienische Verhältnisse. Das alles weckt bei den Investoren wiederum die Erwartung, dass die US-Notenbank Fed ihre Geldpolitik in den kommenden Monaten weiter lockern wird, um die US-Wirtschaft anzukurbeln - was den Dollar schwächen würde. Schon in den vergangenen Monaten hat die Fed die umlaufende Geldmenge stärker erhöht als die anderen Notenbanken: um rund drei Billionen auf 18,5 Billionen Dollar.

Euro hat kräftig zugelegt

Fed-Chef Jay Powell warnte am vergangenen Mittwoch erstmals, dass die Entwicklung der US-Wirtschaft "maßgeblich vom Verlauf der Corona-Pandemie abhängt. Das können wir nicht genug betonen. Wir müssen uns auf das Schlimmste vorbereiten", sagte Powell, der die Verlängerung der Notkreditprogramme bis zum Jahresende ankündigte und zugleich in Aussicht stellte, dass die Fed bis September ihre Strategie-Überprüfung abschließen wird. Spätestens dann wird - so die Erwartung der Investoren - die US-Notenbank nachlegen. "Die Fed wird noch lockerer werden als die meisten anderen Notenbanken", sagt Michael Swell, Chef des weltweiten Anleihen-Portfolios der US-Investmentbank Goldman Sachs. "Selbst wenn wir deutliche Verbesserungen bei Wirtschaftswachstum und Beschäftigung sehen sollten, werden die US-Leitzinsen wohl noch auf Jahre hinaus an der Null-Prozent-Linie bleiben." Derzeit bewegen sich die US-Leitzinsen in der Spanne zwischen 0,0 und 0,25 Prozent.

Vollzieht sich nun die lange erwartete Zeitenwende für den Dollar? Wird in absehbarer Zeit der Euro den Dollar als Leitwährung ablösen? Unter den prominenten Namen, die der Ansicht sind, dass der US-Dollar seine Vormachtstellung verlieren könnte, findet sich sogar Goldman Sachs. Deren Rohstoff-Experte Jeffrey Currie, der die Gold-Rally aufmerksam beobachtet, sagt: "Die potenzielle Neigung der Fed zu höherer Inflation zusammen mit steigenden geopolitischen Spannungen, größerer politischer und sozialer Unsicherheit in den USA sowie einer wachsenden zweiten Welle von Corona-Infektionen und der Rekordverschuldung der US-Regierung hat dazu geführt, dass allmählich ernsthafte Sorgen um die Dauerhaftigkeit des US-Dollars als Reservewährung entstehen." Commerzbank-Devisen-Spezialistin Thu Lan Nguyen sieht das ähnlich: Viele US-Probleme, die in den vergangenen Jahren kaum Beachtung gefunden hätten, stünden nun im Blickpunkt. "Was das Weltleitwährungs-Thema grundsätzlich anbelangt, scheint der Ball nun ins Rollen gebracht zu sein", so Nguyen.

Schlägt nun also die Stunde des Euro, der mittlerweile von 19 Staaten als Landeswährung genutzt wird? Die europäische Gemeinschaftswährung hat das Britische Pfund zwar schon lange als zweitwichtigste Währung abgelöst und rangiert vor dem japanischen Yen - sie hinkt dem Dollar aber weit hinterher. Noch entfallen nur 20,6 Prozent aller Währungsreserven auf den Euro, der auch nur ein Drittel der Devisen-Transaktionen auf sich vereint. Aber in den vergangenen Monaten hat der Dollar vor allem gegen den Euro geschwächelt: Allein im Juli hat der "Greenback" da 4,5 Prozent an Wert verloren. Im März war der Kurs noch in Richtung Parität gerast - zwischenzeitlich war der Euro nur noch 1,0635 Dollar wert. Heute sind es fast 1,19, ein Unterschied von mehr als zehn Prozent.

Wiederaufbaufonds der EU beflügelt

Der Grund für das Wiedererstarken des Euro: Just in der Phase, in der das politische System der USA gravierende Schwächen zeigt, beweisen die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, dass sie in Zeiten der Not solidarisch zusammenstehen. Beim historischen EU-Gipfel haben die Regierungschefs am 21. Juli beschlossen, einen Wiederaufbaufonds mit einem Gesamtvolumen von 750 Milliarden Euro aufzulegen, von denen 390 Milliarden als Zuschüsse an notleidende EU-Staaten fließen sollen. Und dazu wird die Europäische Union als Institution erstmals in großem Umfang gemeinsame Schulden aufnehmen, die gemeinsam zurückgezahlt werden. Die 750 Milliarden Euro wird die EU über die Ausgaben von Anleihen mit der Top-Bonitätsnote AAA am Finanzmarkt aufnehmen. Damit dürfte sie in den kommenden beiden Jahren zum größten Emittenten in Europa werden.

für US-Anleihen"

Was bei manchen Bürgern der wohlhabenden Nordstaaten nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen wurde, hat bei internationalen Investoren Begeisterung ausgelöst: "Die ist der erste wirkliche Versuch der Eurozone, Schulden gemeinsam zu tragen, und der bislang größte Schritt zur finanzpolitischen Integration", sagt Paul O'Connor von der britischen Investmentgesellschaft Janus Henderson. Diese Euro-Anleihen könnten eines Tages zu "einem ernsten Konkurrenten für die US-Anleihen werden und damit die Nachfrage nach dem Euro weiter erhöhen". Auch Alvise Lennkh von der Rating-Agentur Scope zeigt sich nun zuversichtlicher für den Euro: "Die Knappheit von auf Euro lautenden sicheren Vermögenswerten - insbesondere im Verhältnis zur Tiefe der Märkte für US-Staatsanleihen - steht seit der globalen Finanz- und Staatsschuldenkrise auf der politischen Agenda", sagt Lennkh. Nun jedoch werde das Problem gelöst, indem ein großer paneuropäischer Emittent hinzukomme. "Der deutliche Anstieg der Euro-Emissionen wird die Glaubwürdigkeit des Euro als globale Reservewährung verbessern", sagt er. Und Daniel Tenengauzer, Chef-Marktstratege bei der New Yorker Fondsgesellschaft BNY Mellon, meint: "Dieser Markt wird die Aufmerksamkeit der Geldmanager finden. Der Euro könnte so eine formidable Alternative zum Dollar werden."

Helaba: Kurs könnte auf 1,30 Euro steigen

Nicht wenige Vermögensverwalter erwarten nun, dass der Euro im weiteren Jahresverlauf gegen den Dollar noch hinzugewinnt. Als Ziel sehen die meisten Profis die Marke von 1,20 Dollar je Euro. "Die EU wächst weiter zusammen und nutzt die Krise auch als Chance", heißt es am Markt. Die Helaba geht noch weiter: "Der Greenback ist weiter überbewertet - insbesondere gegenüber dem Euro. Die Kaufkraftparität deutet sogar auf einen Kurs von über 1,30", heißt es in einem Kommentar der Landesbank.

Der Euro scheint also gute Chancen zu haben, ein würdiger Herausforderer für die Hegemonie des US-Dollars zu werden. Aber dass die europäische Gemeinschaftswährung den "Greenback" schon in ein bis zwei Jahren vom Thron stoßen wird, halten die meisten Experten für sehr unwahrscheinlich. "Es wird noch lange dauern, bis der Euro zu einer ausreichend robusten und liquiden Währung wird, die für langfristig orientierte, konservative Anleger auf breiter Front eine Alternative zum Dollar darstellt", sagt Jeffrey Frankel, früherer Berater des Weißen Hauses und Professor an der Universität Harvard. "Aber wer annimmt, dass die USA nichts unternehmen könnten, was die Vormachtstellung des Dollars beendet, irrt gewaltig", so Frankel. "Früher war das Britische Pfund die Welt-Reservewährung - heute steht sie auf der Rangliste der bedeutendsten Währungen nur noch unter ferner liefen. Das zeigt: Jedes Land kann dieses besondere Privileg verlieren."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare