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Verrückte Geschichten aus der Zahnarztpraxis nehmen Patienten die Angst

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Bernold Baumstark hatte früher auch Bammel vor dem Zahnarzt. Als er einen einfühlsamen Dentisten kennenlernte, entschied er, dass er das auch machen will. Nach seiner Ausbildung zum Zahntechniker studierte er und hat jetzt eine eigene Praxis. Über seine Erlebnisse als Zahnarzt hat er ein Buch geschrieben, das Menschen mit Phobie vor dem Zahnarzt helfen soll.
Bernold Baumstark hatte früher auch Bammel vor dem Zahnarzt. Als er einen einfühlsamen Dentisten kennenlernte, entschied er, dass er das auch machen will. Nach seiner Ausbildung zum Zahntechniker studierte er und hat jetzt eine eigene Praxis. Über seine Erlebnisse als Zahnarzt hat er ein Buch geschrieben, das Menschen mit Phobie vor dem Zahnarzt helfen soll. © Michael Faust

Dentist aus Niederrad hat ein Buch geschrieben, das Patienten die Angst vor der Behandlung nehmen soll.

Bernold Baumstark (47) ist kein ängstlicher Mensch. Doch als er eines Tages im Wartezimmer seiner Zahnarztpraxis in der Bürostadt drei Männern gegenüberstand, da wurde ihm doch etwas mulmig. Die Drei waren nicht nur groß wie Schränke, sondern trugen Kopftücher und Lederkutten einer berüchtigten Motorrad-Gang. Der eine war offenbar nicht freiwillig da, sondern wehrte sich gegen die festen Griffe, mit denen ihn seine beiden Begleiter rechts und links gepackt hielten.

Ihren Wunsch teilten sie dem Zahnarzt ziemlich unverblümt mit: Sie würden erst wieder gehen, wenn Baumstark ihren unter Zahnschmerzen leidenden Kumpel behandelt habe. Mit vereinten Kräften wurde der widerstrebende Motorradrocker, der augenscheinlich panische Angst vor einem Eingriff hatte, auf den Behandlungsstuhl bugsiert, und Baumstark machte sich ans Werk. Die Panik des Mannes hat er bis heute nicht vergessen: "Er hat geweint wie ein kleiner Junge."

25 Erlebnisse

aus 25 Jahren

Diese Begebenheit und 24 weitere Geschichten, die er im Laufe seiner 25 Berufsjahre erlebt hat, hat Baumstark nun in einem Buch unter dem Titel "Geschichten aus dem Mund - die 25 verrücktesten Erlebnisse aus einem Vierteljahrhundert Zahnmedizin" festgehalten. Unterstützt wurde er von Georg Reifferscheid, der sich um die kaufmännische Leitung und um die Entwicklung des Mitarbeiterteams kümmert. Beide haben eine Mission: Sie versuchen, die Praxis und die Behandlungen so zu gestalten, dass sich Patienten hier wohlfühlen - selbst solche mit Zahnarzt-Phobien wie jener Motorradrocker. Von solchen Ängsten seien etliche Menschen betroffen, weiß Baumstark: Studien besagten, dass gut ein Viertel der Patienten davon geplagt würden. Manche übrigens so sehr, dass sie sich jahrelang nicht mehr in eine Zahnarztpraxis wagen - mit bösen Folgen für ihr Gebiss.

Auch der 47-Jährige selbst zählte einst dazu. In seiner Kindheit habe er den Zahnarzt gefürchtet "wie der Teufel das Weihwasser", erzählt er. Was daran lag, dass der Dentist, zu dem ihn seine Eltern damals schickten, nicht unbedingt einfühlsam war: "Er hatte Pranken wie Bratpfannen und hat ohne Spritze Zähne gezogen." Kurz nach dem Abitur lernte er aber einen Zahnmediziner kennen, der seine Ängste ernst nahm, der vorsichtig und rücksichtsvoll vorging und schmerzfreie Behandlungen ermöglichte. Baumstark war begeistert. "Das will ich auch machen", beschloss er. So absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Zahntechniker, studierte später Zahnmedizin und machte sich schließlich selbstständig, wobei er sich besonders auf Angst-Patienten spezialisierte. Dafür beschäftigte er sich auch mit Methoden und Techniken, um den Betroffenen ihre Panik zu nehmen. Inzwischen weiß er, dass Zahnbehandlungs-Phobien durchaus mit Todesangst vergleichbar sind, weil dabei dieselben Hirnregionen aktiviert werden.

Was allerdings nicht heißt, dass man ihnen hilflos ausgeliefert ist. Eine Methode Baumstarks: Er gibt Angst-Patienten ein Stück Kontrolle zurück. Vor Beginn einer Behandlung, sagt er, vereinbare er mit ihnen ein Zeichen. Heben sie beispielsweise die Hand, hört er sofort auf. Oft fragt er sie auch, wo das ungute Gefühl denn sitzt. Wie es sich genau anfühlt. In manchen Fällen helfen außerdem leichte Beruhigungsmittel. Von Vollnarkosen hält er dagegen wenig: "Damit kann man die Ängste nicht loswerden. Der Weg aus der Angst führt nur durch die Angst hindurch."

Nach dem Bohren

ins Spa gehen

Lieber erzählt er Geschichten, um Betroffene von ihrer Panik abzulenken. Etwa von jener Frau, ebenfalls eine frühere Angst-Patientin, die sich direkt nach den Zahnbehandlungen immer noch eine Massage in einem Spa gönnte - mit dem Effekt, dass sie sich irgendwann sogar auf die Zahnarzt-Termine freute. Oder von einem Mann, der Dutzende von Anläufen brauchte, bis er sich endlich in die Praxis wagte. Seitdem wisse er, dass Betroffene sich schon durch unzählige Schlachten gekämpft hätten, wenn er sie das erste Mal treffe. Irgendwann beschloss er, diese Geschichten zu einem Buch zusammenzustellen. Auch deshalb, um Angst-Patienten Mut zu machen. "Als Zahnarzt begleite ich viele Menschen durch ihre persönliche Hölle." Der Lohn dafür: "Ich schenke Menschen ein neues Lächeln und die Freiheit, wieder ihre Zähne zeigen zu können."

Manchen reicht es auch schon, wenn er sie von ihren Qualen befreit. Wie jenem Motorradrocker, der einst in seinem Behandlungsstuhl landete. Als dessen schmerzender Zahn gezogen war, erzählt Baumstark, sei der Mann wie ausgewechselt gewesen. Er umarmte den verblüfften Dentisten und machte ihm ein besonderes Versprechen: "Doc, wenn Sie mal Ärger haben - Sie haben lebenslangen Schutz." Brigitte Degelmann

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