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„Corona Fehlalarm?“: Verschwörungstheoretische Leihbücher lösen Kontroverse aus

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Von: Sarah Bernhard

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Hort des Wissens aber auch der kruden Theorien. FOTO: martin weis
Hort des Wissens aber auch der kruden Theorien. © Martin Weis

Sollte die Stadtbücherei in Frankfurt verschwörungstheoretische Werke in ihrem Bestand haben? Aus der Volt-Fraktion gibt es Kritik, das Kulturdezernat verteidigt sich.

Frankfurt - Mindestens zwei Eigenschaften haben die Bücher "Verheimlicht, vertuscht, vergessen: 2021 - Das andere Jahrbuch", "Nato-Geheimarmeen in Europa", "So lügen Journalisten" und "Corona Fehlalarm?" gemeinsam: Ihren Autoren wird vorgeworfen, darin Verschwörungstheorien zu verbreiten. Und man kann sie in der Frankfurter Stadtbücherei ausleihen.

Als ein Bekannter sie auf die Ausleihmöglichkeit von "Corona Fehlalarm?" aufmerksam machte, ärgerte sich Britta Wollkopf, die für Volt im Stadtparlament sitzt. Zwar war der Autor Sucharit Bhakdi vor seinem Ruhestand ein angesehener Professor für Mikrobiologe, unter anderem an den Unis Gießen und Mainz. Die Hauptthesen seines Buches, dass die Pandemie eine Verschwörung von Regierung und Medien und die Maskenpflicht nutzlos sei, gelten aber als widerlegt. "Durch solche Ansichten wurde die Impfquote gebremst, die Fallzahlen waren höher, die Grundrechtseinschränkungen dauerten länger", kritisiert Wollkopf. Sie auf Kosten der Steuerzahler auch noch zu verbreiten, erschien ihr fragwürdig. Also nutzte sie ihr Fragerecht als Abgeordnete und wollte vom Frankfurter Magistrat wissen, nach welchen Kriterien Bücher ausgewählt werden, und ob geplant sei, das Buch aus dem Sortiment zu entfernen.

Die Antwort fiel knapp aus. Die Frankfurter Stadtbücherei, schreibt Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD), stehe "in der Tradition des Grundgesetzes Artikel 5, demnach jeder das Recht hat, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten". Eine Zensur finde nicht statt, die Auswahl erfolge "bedarfsorientiert und unabhängig von persönlichen Vorlieben und von Einflüssen Dritter". Das Buch aus dem Sortiment zu nehmen, sei nicht geplant.

Debatte um Bücherkatalog: Frankfurter Bildungsdezernentin verteidigt Quellenfreiheit

"Ich hätte mir eine längere und detailliertere Antwort gewünscht, die die Sache nicht nur verwaltungstechnisch erklärt, sondern das Große und Ganze würdigt", sagt Wollkopf. Die liefert Weber auf Nachfrage dieser Zeitung. Kriterien für die Auswahl der Bücher, so Weber, seien gesellschaftliche Relevanz, Aktualität und Kundenwünsche, Grundlage seien die Empfehlungen von Fachorganen. Derart ausgewählte Bücher machten etwa die Hälfte der Neuerwerbungen aus. Dazu kämen Titel, die automatisch geliefert werden, etwa, weil sie auf einer Bestsellerliste stehen oder ein bestimmtes Thema behandeln, die sogenannte Standing Order, also Dauerauftrag. Auch "Corona Fehlalarm?" sei durch einen Dauerauftrag in die Frankfurter Stadtbücherei gekommen.

Die Diskussion, ob Bibliotheken Bücher mit polemischem, tendenziösem oder manipulativem Inhalt anschaffen sollen, wird in Deutschland seit Jahren geführt. Die Büchereien in Hamburg und Bremen etwa lehnen dies ab, die Bibliotheksleiter in Potsdam und Dresden argumentieren ähnlich wie Dezernentin Weber.

Ein Kompromiss besteht darin, die Nutzer zu sensibilisieren, indem die Bücher in einen Kontext gesetzt werden. Der Berufsverband Information Bibliothek schlägt unter anderem im Fall von "Corona Fehlalarm?" vor, im Buch Hinweise zu hinterlegen, "die zum Beispiel aus einem QR-Code oder zuverlässigen Quellen bestehen, die auf fachlich fundierte Rezensionen oder Stellungnahmen von medizinischen Institutionen verweisen". Etwa jene der Fachschaft von Bhakdis Uni, die sich vom Buchinhalt distanziert. Von der Anschaffung der Reihe "Verheimlicht, vertuscht, vergessen: Das andere Jahrbuch" rät der Verband aufgrund der "extrem rechten Gesinnung des Autors" Gerhard Wisnewski ganz ab.

Verschwörungstheoretische Bücher zur Ausleihe: „Frankfurt sollte Haltung zeigen“

Hinweise in Büchern gebe es in Frankfurt nicht, sagt Weber. "Durch die Präsentation der (physischen) Medien nach Bereichen, Themen, Sachgruppen etc. werden einzelne Titel kontextualisiert zur Ausleihe angeboten." So gebe es zum Thema "Infektionskrankheiten Epidemien" 65 verschiedene Titel. "Im politisch, weltanschaulich und religiös ausgewogenen Bestand der Stadtbücherei sind die verschiedenen Positionen eines Meinungsspektrums vertreten. Dieser pluralistische Ansatz erlaubt es den Frankfurter Bürgern, Positionen und Gegenpositionen miteinander zu vergleichen, Aussagen zu kontextualisieren und gegebenenfalls zu dekonstruieren." Sie also als falsch zu erkennen.

Unterstützt werde die politische Willensbildung der Bürger durch Veranstaltungen und Sonderformate, so Weber. Es gebe unter anderem regelmäßig Podiumsdiskussionen, Gespräche mit Schülern und digitale Seminare, etwa zu Wahlen. Auch für die Medienbildung von Kindern gebe es altersgerechte Angebote. Das alles findet Wollkopf von Volt zwar sinnvoll. Es sei aber kein Ersatz für den kritischen Umgang mit tendenziösen Büchern. "Natürlich hängt das gesellschaftliche Klima nicht an einem Buch in einer Bücherei. Aber jedes Buch trägt dazu bei. Ich würde mir wünschen, dass Frankfurt hier Haltung zeigt und den Rahmen, in dem sie die Verbreitung solcher Inhalte verhindern kann, ausreizt." Die Bücherei will die Anfrage zum Anlass nehmen, ihr "Bestandsmanagement erneut einer kritischen Reflexion zu unterziehen". (Sarah Bernhard)

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