Wer genau hinschaut, findet in den Gräben zwischen den Feldern viel Leben. foto: hamerski
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Wer genau hinschaut, findet in den Gräben zwischen den Feldern viel Leben.

Oberrad: Frankfurter Wasserversorgung

Versteckte Quellen und quirlige Stichlinge

  • VonSabine Schramek
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Altes Kanalsystem einmalig in Hessen - Wasser aus Drainagen sinnvoller nutzen

Zwischen roten Mohnblumen, lila Schnittlauchblüten, Kräutern und Gemüse plätschert und fließt es. Fast unsichtbar zwischen Schilf, Wasserlinsen und Sumpfdotterblumen sammelt sich glasklares Wasser. Es tummeln sich Kaulquappen und kleine Stichlinge am sandigen Boden und zwischen Steinen in den halbrunden Betonsohlen, die schräg an die steilen Felder Oberrads gebaut sind. "Das Wasser läuft ab bis zum ehemaligen Schlachthof in Sachsenhausen. An vielen Stellen läuft es unterirdisch. So etwas wie hier in Oberrad ist einmalig in ganz Hessen", erklärt Günter Jung (84), der die Geheimnisse des Gärtnerdorfes wie kein anderer kennt. Er ist nicht nur in der sechsten Generation Gärtner, sondern auch Mitbegründer des Oberräder Heimat- und Geschichtsvereins 2005.

Gärtner in 6. Generation

Der braun gebrannte Mann zeigt auf ein kleines Häuschen mitten in den Feldern. "Das ist das alte Grabenputzerhäuschen. Die haben hier ihre Sensen gelagert und ihre langen Gummihosen. So wurden die Gräben gesäubert." Heute wird zweimal im Jahr maschinell an ihnen entlang geschnitten, damit sie nicht verstopfen. "Heute ist nur noch halb so viel Wasser drin wie früher", weiß Jung. Damals hatte noch jedes Haus in Oberrad einen eigenen Brunnen, um Pferde zu tränken oder Wäsche zu waschen. Damals war vier Monate lang im Jahr "der Main draußen" und überschwemmte alles. Durch die Ablagerungen aus dem Main entstand der fruchtbare Boden, der so einzigartig und typisch für Oberrad ist und der schon um 1540 herum als "Kappesgärten" genutzt wurde. Um 1850 herum schnitten Gärtner im Winter, wenn die Felder überschwemmt und zugefroren waren, als Zubrot das Eis in Blöcke und brachten es mit Schlitten zur ortsansässigen Brauerei Stern zum Kühlen.

Wasser kam nicht nur vom Main, sondern auch aus dem Stadtwald. Aus Quellen und Regen. Auch heute noch fließt Wasser hinunter. Meist unterirdisch, neben den Feldern jedoch durch offene senkrechte Betonmulden. "In den 1960er Jahren sollte auf dem Grund der alten Malzfabrik eine Tiefgarage gebaut werden. Nach der Hälfte des Grabens wurde gestoppt, weil so viel Wasser da war", erinnert Jung. Wer buddelt, stößt auf Wasser. "40 Zentimeter Erde, ein Meter Sand, ein Meter Kies, darunter eine wasserführende Schicht und darunter Lehm", fasst es Jung zusammen. Um zwei Meter habe sich der Grundwasserpegel gesenkt, seit sein Großvater Gärtner war.

Einst seien Keller sehr niedrig wegen des Grundwassers gewesen. Später wurden sie tiefer und mit Drainagen wasserdicht gemacht. Ohne zu bedenken, Sickerbrunnen zu bauen. "Die Drainagen leiten das Wasser über den Hof in die Kanalisation. So gehen 80 Prozent Trinkwasser einfach verloren", so Jung. Die Felder werden mit Brunnenwasser gegossen, das aus dem Boden gepumpt wird. Sie stehen in kleinen Backsteinhütten an den Feldern, damit es keine Unfälle gibt. "Man muss wohl damit leben, dass natürliches Wasser verschwendet wird, weil Drainagen in die Kanalisation führen. Es ist enttäuschend, weil so ohne Not eigene Kraft und eigenes Kapital mit Füßen getreten werden." Sinnvoll wäre es, wenn Probebohrungen vor Bautätigkeiten Pflicht wären. "Wenn Wasser da ist, könnte man es weiterleiten in zehn mal zehn Meter große Schächte, die das gute Wasser sammeln".

Auch der Wald würde profitieren

Nicht nur für die Gärtner, sondern auch, um das kostbare Nass für den viel zu trockenen Wald zu nutzen. Regenwasser wird seit über 120 Jahren zwischen den Feldern abgeleitet und sammelt sich an den ebenso lange existenten unteren Entwässerungsgräben, damit die kostbare Saat nicht überschwemmt wird und ertrinkt. Für die kleinen Süßwasserfische wie Stichlinge sind sie ein Paradies. Sie mögen langsam fließende Flüsse, in und an denen Wasserpflanzen wachsen. Der Grundwasserpegel sinkt dennoch weiter. SABINE SCHRAMEK

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