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Der Frankfurter Gefäßchirurg Savvas Apostolidis demonstriert die Funktionsweise der Videosprechstunde. Seit ein paar Monaten bietet er seinen Patienten an, online mit ihm zu kommunizieren. (c) Foto: Rainer Rüffer

Telemedizin

Per Video zum Arzt

Seit einem Jahr können Patienten in bestimmten Fällen auch online zum Arzt gehen. Doch wie kommt die Videosprechstunde an? Wir haben uns ins digitale Wartezimmer begeben.

Im ersten Anlauf streikt die Technik. Der Teil der Frankfurter Rotkreuz-Klinik, in dem sich die Praxis für Gefäßmedizin befindet, liegt in einem Funkloch. Nach einem Raumwechsel klappt es dann doch: Gefäßchirurg Dr. Savvas Apostolidis ruft zur Sprechstunde auf dem Smartphone. Es fühlt sich an wie ein ganz normaler Videochat.

Seit November bietet Apostolidis die Videosprechstunde an. Das bedeutet: Arzt und Patient kommunizieren über PC oder Smartphone, der Patient muss nicht in die Praxis kommen, sondern kann auf dem heimischen Sofa warten. Der Dienst eignet sich für Beratungsgespräche und visuelle Kontrollen, Diagnosen dürfen bisher nicht gestellt werden. „Ich bin relativ früh eingestiegen, weil ich viel davon halte“, begründet Apostolidis die Entscheidung für das Instrument. Er habe schon immer gern neue Dinge ausprobiert, die ihm nützlich erscheinen. Bisher ist die Nachfrage jedoch eher gering; nur etwa zwei bis vier Patienten kommen im Monat online zum Arztgespräch. Wohl auch, weil viele noch gar nicht von dem Angebot wissen.

Dabei ist die Handhabung sehr einfach. Der Arzt muss sich bei einem der zertifizierten Online-Portale für die Videosprechstunde anmelden. Diese müssen die Einhaltung von Datenschutzstandards garantieren. Mit einem Code, den der Patient vom Arzt erhält, kann dieser sich auf der Plattform einloggen und wartet dann im „digitalen Wartezimmer“, bis der Arzt zur vereinbarten Uhrzeit den Videoanruf startet.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) wird die Möglichkeit zur Videosprechstunde bisher insgesamt nur sehr zögerlich wahrgenommen. Im Einführungsjahr 2017 haben zwei Praxen in Hessen die Leistung geltend gemacht. Im 1. Quartal 2018 waren es nach vorläufigen Zahlen der KVH immerhin schon acht. Dass das Angebot nicht sofort einschlägt, verwundert Karl Matthias Roth, Sprecher der KVH, nicht: „Dinge, die neu sind, werden meistens erstmal mit Zurückhaltung angenommen.“ Hier solle schließlich ein Versorgungsformat, das über Jahrzehnte etabliert wurde, ergänzt bzw. ersetzt werden. „Ein fundamentaler Wechsel wie der vom persönlichen Kontakt hin zu digitalen Anwendungen braucht mehr Zeit“, so Roth. Zudem sei die Videosprechstunde „nicht für jede Art von Behandlung geeignet“. Welche Ärzte die Sprechstunde anbieten dürfen und welche Untersuchungen zulässig sind, erfahren Sie z.B. .

Barbara Voß, Leiterin der hessischen Landesvertretung der Techniker Krankenkasse, sieht das große Potenzial der neuen Technik. Zwar werde sie den Arztbesuch nicht ersetzen, könne aber unterstützend wirken. „Sie eignet sich überall dort besonders gut, wo Distanzen zu überwinden sind sowie unnötige Wartezeiten und Anfahrten vermieden werden können“, so Voß. Besonders der ländliche Raum könnte daher von dem neuen Instrument profitieren.

Problematisch dabei: Gerade in ländlichen Gebieten hapert es oft noch an der digitalen Infrastruktur. Die optische Einschätzung des Patienten, etwa bei Verlaufskontrollen nach einer Operation, muss aber ebenso gründlich erfolgen können wie in der Praxis. Das stellt gewisse Anforderungen an die Qualität der Übertragung. Ohne Fortschritte in der Digitalisierung können also auch telemedizinische Angebote nicht vorankommen. KVH-Sprecher Roth: „Wenn ich digitale Anwendungen propagiere, aber die technischen Voraussetzungen nicht gegeben sind, ist das zwar theoretisch schön, aber praktisch nicht nutzbar.“

Nach einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Bertelsmann Stiftung im Jahr 2015 können sich 45 Prozent der Patienten eine Videosprechstunde beim Arzt grundsätzlich vorstellen. Die klassischen Wege zur Kontaktaufnahme erhielten aber den größeren Zuspruch. Auch einer aktuelleren Umfrage der TK zufolge steht der Großteil der Befragten digitalen Lösungen im medizinischen Bereich durchaus aufgeschlossen gegenüber.

Die klassische Behandlungsweise ersetzen können solche Lösungen aber nicht. „Es wird immer auch einen persönlichen Arzt-Patient-Kontakt geben“, so Voß. Dessen Wichtigkeit betont auch Daniela Hubloher, Beraterin für Gesundheitsfragen bei der hessischen Verbraucherzentrale: „Psychische und psychosomatische Aspekte können in der Videosprechstunde möglicherweise zu kurz kommen.“

Hubloher sieht noch ein weiteres Problem: „Unter Umständen ist auch der finanzielle Anreiz für Ärzte zu gering, um das neue Instrument einzusetzen.“ Die Einschätzung teilt Gefäßchirurg Apostolidis: „Es ist Liebhaberei für uns, so etwas anzubieten.“ Für ihn ist die Videosprechstunde aktuell eher ein Service für seine Patienten. Dabei könne sie viel leisten. Ein Vorteil sei vor allem die Option, Expertise von Fachärzten über größere Entfernungen einholen zu können. Auch deshalb wünscht er sich eine Stärkung entsprechender Angebote: „Man darf die Möglichkeiten nicht übersehen.“

Weitere Infos:

  1. Bündelung von telemedizinischen Projekten:

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