Die Kinderbeauftragte Evangelia Georgalis hat es sich nicht nehmen lassen und sich als eine der ersten Anwohner in der Platenstraße testen lassen. foto: privat
+
Die Kinderbeauftragte Evangelia Georgalis hat es sich nicht nehmen lassen und sich als eine der ersten Anwohner in der Platenstraße testen lassen.

Frankfurter Musikszene

Viel Leben in der Bude

  • VonDetlef Kinsler
    schließen

Rainer Michel kehrt mit neuer CD in den Korridor zurück

Wer aus der Innenstadt über den Eisernen Steg durch die Schulstraße Richtung Alt-Sachsenhausen läuft, kommt unweigerlich hinter der Kreuzung mit der Oppenheimer Straße am Korridor vorbei. Da, wo noch vor zwei Sommern reichlich Leben in der Bude war, waren zuletzt die Jalousien heruntergelassen. Die vier Vintage-Kleider im Fünfziger- und Sechzigerjahre-Stil und die darum drapierten exotischen Musikinstrumente konnten kaum einen Eindruck davon vermitteln, wofür der Laden tatsächlich steht.

Denn unglaubliche Szenen spielten sich da bereits ab. So stand eines Tages eine alte englische Lady mit blau schimmernden Haaren, die eine Freundin in Frankfurt besuchte, vor der Tür und rief begeistert beim Anblick eines von einem Motor angetriebenen selbst musizierenden Geigenbaumes: "Das muss das Orchester der versunkenen Titanic sein!" An einem anderen Tag, als recht laute Musik aus dem Innern auf die Straße drang, stand ein Nachbar mit der Beschwerde "Ich rufe gleich die Polizei" in der Tür, worauf der Besitzer nur in die Ecke deutete, wo ein uniformierter Beamter ein elektrisches türkisches Saiteninstrument, die Saz ausprobierte. Und wenn eine Kundin sich mit einem der Kleider vorm Spiegel begutachtete, konnte schon mal eine freche Nachbargöre hineinschauen, um lauthals zu verkünden: "Wenn ich Du wäre, würde ich das kaufen."

Wilder Mix an einem faszinierenden Ort

Vor zehn Jahren eröffnete Rainer Michel - zunächst im Nachbarhaus - eine kleine Galerie namens "Korridor - Bild & Klang" als "Ausstellungsraum für Künstler aus dem Bereich Musik und Malerei mit dem Schwerpunkt im audio-visuellen Grenzbereich". Es gab Filmmusikabende, wo Kurzfilme, etwa von Leonore Poth, live vertont wurden. Im größeren Ladenlokal eine Tür weiter konnte dann Michels Frau Pei Li ihre phantasievollen Bilder wie auch liebevoll selbst geschneiderte Kleider anbieten, dazu Accessoires und kleine Geschenke. Seinen Gitarren- und Geigenunterricht verlegte Michel kurzerhand in den Korridor, wo er auch Bandproben stattfinden ließ. Ein wilder Mix an einem faszinierenden Ort, ein ganz eigenes Biotop. Während der Lockdowns ruhte das alles. "Im Sommer 2020 waren wir da, um meine kleinen Schüler bei Laune zu halten und mich selbst dazu gleich mit", erinnert sich Michel. "Verkauft haben wir quasi nichts, hatten aber öfter Leute im Laden, die uns Mut gemacht haben." Online-Unterricht kam für ihn nicht infrage, "öde Streaming-Konzerte" - wie er sagt - wollte er nicht spielen. Als er noch Mitglied des Orchesters Bridges - Musik verbindet war, spielte er mehrfach im HR-Sendesaal. Auch sein eigenes Korridor Ensemble verlangt nach speziellen Auftrittsorten, um den faszinierenden Mix aus Kammer-, Film- und Weltmusik, wofür Michel als Komponist steht, zu kommunizieren. Halbgare Sachen sind ihm zuwider. "Lieber mal innehalten, ein bisschen Demut zeigen", war zuletzt sein Credo. "Ich übe sehr viel, auch Piano, und habe jede Menge schöne Sachen im Studio produziert." Und er verbringt viel Zeit mit seiner Familie in Obertshausen, mit der pflegebedürftigen 90-jährigen Mutter und seinem vierjährigen Sohn. "Bob hat gerade eine wilde Phase."

Mit "Spur 21" veröffentlicht Michel nun doch - unterstützt vom Kulturamt - das neue Album des multinationalen Korridor Ensembles, auch wenn eine CD-Präsentation mit Konzert noch nicht terminiert werden konnte. Mehr und mehr will sich Michel an Gitarre und Mandoline mit seinen acht Musikern, fünf Streichern, darunter Cellist Raffael Zweifel aus der Band von Moses Pelham, der bulgarischen Akkordeon-Virtuosin Veronika Todorova oder Rodgau Monotones-Mitglied Matthias Dörsam (Klarinette, Saxophon, Flöte) auf musikalische Spurensuche begeben. Den Charakter des Ensembles für die Zukunft erklärt er überraschend im Fußballer-Jargon. "Aus kontrollierter Kammermusik-Defensive sporadisch krasse Offensiv-Attacken starten", sagt Michel lachend. Auf "Spur 21" gibt es Stücke mit viel Musette- und BossaNova-Feeling und vertrauten Klängen. "Live-Auftritte wird es in jedem Fall wieder geben und da wird es zukünftig wesentlich experimenteller zugehen als auf der CD", verspricht der Bandleader. Auch den Laden wollen sie jetzt wieder dienstags, donnerstags, freitags und samstags von 12 bis 18 Uhr öffnen. DETLEF KINSLER

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare