+
?Die öffentliche Hand muss Car- und Bikesharing deutlich stärker steuern?, fordert Verkehrsexperte Volker Blees.

Interview

Volker Blees über Verkehrsutopien Kombitickets, autonome Autos und Drohnen

Volker Blees lehrt und forscht an der Hochschule Rhein Main zum Thema Mobilität. Vor kurzem war er zu einem Vortrag mit dem Titel „Mobilitätsutopien von gestern und für morgen“ im Architekturmuseum zu Gast. Grund genug für Redakteurin Sarah Bernhard, mit ihm darüber zu sprechen, wie wir uns wohl künftig durch die Welt bewegen werden.

Herr Blees, wie sieht Ihre persönliche Mobilitätsutopie für Frankfurt aus?

VOLKER BLEES: Wir müssen über kurz oder lang zu einem Verkehrssystem kommen, das mit weniger Auto-Individualverkehr funktioniert als heute. Weil das Auto zwar einerseits Lebensqualität bedeutet, aber gerade in verdichteten Städten wie Frankfurt auch viel Raum nimmt.

Und wie kommen wir zu diesem System?

BLEES: Wir brauchen bessere Alternativen, etwa einen verlässlicheren Bus- und Bahnverkehr und sicherere Radrouten. Das erfordert konsequente verkehrspolitische Entscheidungen, auch solche, die unbequem sind, etwa was Parken angeht. Es gibt eigentlich keinen Grund, warum Parkraum kostenlos sein sollte. Stellen Sie sich das Geschrei vor, wenn Sie sich bei Ikea eine Schrankwand kaufen und sie auf der Straße aufbauen würden, weil sie drinnen keinen Platz haben. Beim Auto ist das normal. Und wäre es sozialpolitisch nicht sinnvoller, statt kostenloser Parkplätze kostenlose Wohnungen zu fordern?

Aber die Straßen, und damit die Parkplätze, habe ich doch mit meinen Steuern bezahlt. Und auf mein Auto zahle ich dann nochmal Steuern.

BLEES: Erstens fließen ihre Steuern in den allgemeinen Bundeshaushalt, sind also nicht speziell für Straßenunterhalt gedacht. Und zweitens investieren Städte und Gemeinden deutlich mehr Geld in den Autoverkehr als in Infrastruktur für öffentlichen Nahverkehr, Fußgänger und Radfahrer. Das hat jüngst eine Studie der Uni Kassel wieder belegt. Viele Kosten, die Ihr Auto verursacht, tragen zudem nicht Sie, sondern die trägt die Allgemeinheit.

Wie meinen Sie das?

BLEES: Zum Beispiel sind Bauherren dazu verpflichtet, eine bestimmte Anzahl Stellplätze pro Wohnung zu errichten. Wir wissen aus dem Geschosswohnungsbau für niedrigere Einkommen, dass mit hohem Kosteneinsatz Tiefgaragen gebaut werden müssen, die die Bewohner dann nicht mieten, weil sie zu teuer sind. Aber weil der Investor auf seinen Schnitt kommen muss, legt er die Kosten anteilig auf die Mieten um, so dass jemand, der kein Auto hat, für eine Tiefgarage, die er nie nutzt, mitbezahlen muss. Diese politischen Entscheidungen sind aber nur das eine, und sogar nur der einfache Teil.

Was könnte noch schwieriger sein?

BLEES: Es muss einen Kulturwandel in der Gesellschaft geben. Seit 80 Jahren werden wir aufs Auto konditioniert, und das merkt man.

Ein Beispiel, bitte.

BLEES: Wir sind von Natur aus bequem, auch bei der Wahl des Verkehrsmittels. Und jetzt schauen Sie sich an, wie neue Siedlungen gebaut werden: Von der Wohnung aus kommt erst die Tiefgarage, hinter drei Feuerschutztüren dann der Fahrradkeller und nach 500 Metern die erste Bushaltestelle. Kein Wunder, dass auch viele Menschen, die weniger als zwei Kilometer von ihrem Arbeitsplatz entfernt wohnen, das Auto nehmen. Aber die junge Generation in den Städten hat ja schon einen entspannteren Umgang mit dem Auto.

Woher kommt das?

BLEES: Einerseits von den neuen Kommunikationsmustern. Mobilität bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass ich mich physisch irgendwo hinbewegen muss. Ich bin unterwegs, um Dinge zu tun, die ich da, wo ich bin, nicht tun kann. Mit den heutigen elektronischen Möglichkeiten ist aber vieles von zu Hause aus möglich, etwa Bankgeschäfte. Und andererseits von Angeboten, die es früher nicht gab, etwa das Semesterticket für Studierende. Wenn man die öffentlichen Verkehrsmittel schon während des Studiums nutzt, nutzt man sie wahrscheinlicher auch später. Schließlich ist auch die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln einfacher geworden: Man muss keine Fahrplanhefte mehr mit sich herumschleppen, sondern kann sich online anzeigen lassen, wann der nächste Bus fährt und wo gerade ein Leihrad steht.

Wenn ich aber erst mein eines Kind in den Kindergarten und dann mein anderes in die Schule bringen muss, bevor ich selbst zur Arbeit gehe, wird es mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schwierig.

BLEES: Es geht ja auch nicht darum, alle Menschen umzupolen. Aber die, die dazu bereit sind, müssen wir motivieren.

Weiter auf Seite 2

Gibt es Kommunen, denen das gelungen ist?

BLEES: Wien hat ein Jahresticket für 365 Euro eingeführt und das hat Wirkung gezeigt. In Kopenhagen werden große Teile des Verkehrs in der Innenstadt mit dem Fahrrad abgewickelt. Die machen das aber auch schon seit den 60er Jahren. Heute kann und muss das schneller gehen, und ich finde, Frankfurt ist bei der Fahrradfreundlichkeit gut vorangekommen.

Hier soll es aber nicht um bereits Erreichtes, sondern um Utopien gehen. Haben Sie weitere Ideen?

BLEES: Die öffentliche Hand muss Car- und Bikesharing deutlich stärker steuern. Denn erst, wenn man ein Komplettpaket aus klassischem Bus- und Bahnverkehr und neuen Angeboten schnürt, werden Menschen situationsgerecht die verschiedenen Verkehrsmittel nutzen und nicht für jeden Weg ins Auto springen. Das erfordert allerdings eine Bündelung, die auf dem freiem Markt nicht funktionieren wird. Deshalb müssten der RMV oder die Stadt diese neuen Angebote integrieren, auch tariflich. Als mit dem Regionalisierungsgesetz vor 25 Jahren die einzelnen Strecken zu Verkehrsverbünden verknüpft wurden, hat das bereits schon einmal wunderbar funktioniert.

Ziemlich gewagt. Noch mehr Utopien?

BLEES: Drei habe ich noch. Die erste ist nicht unbedingt meine, aber wir werden uns rasch und ernsthaft mit ihr auseinandersetzen: autonomes Fahren. Würden solche Fahrzeuge uns von zu Hause abholen, hätte das zum Beispiel den Vorteil, dass wir kein Auto mehr bräuchten, das 23 Stunden am Tag herumsteht. Außerdem könnten auch Menschen ohne Führerschein Autos nutzen.

Was aber wohl dazu führen würde, dass niemand mehr zur U-Bahn läuft, sondern stattdessen das bequeme autonome Auto nutzt.

BLEES: Außerdem müsste geklärt werden, welches Geschäftsmodell dahintersteht. Ob Google oder Uber aufs platte Land fahren würden, wo sie nicht sicher sind, dass sie eine Anschlussfahrt bekommen? Die Frage ist aber auch, wie autonome Autos alle Eventualitäten des Stadtverkehrs berücksichtigen sollen. Da habe ich Fußgänger, Radfahrer, Kinder mit sehr reduzierter Verkehrskompetenz. Eine Möglichkeit wäre, die Autos nur mit großer Vorsicht fahren zu lassen, so dass Kinder, die auf die Straße rennen, in keinem Fall gefährdet werden. Das könnten aber Fußgänger ausnutzen und zum Beispiel immer ohne zu gucken über die Straße gehen.

Der Verkehr würde zusammenbrechen.

BLEES: Genau. Eine mögliche Lösung wäre, am Straßenrand große Gitter aufzustellen. Aber das wollen wir natürlich auch nicht. Ich mache mir ein bisschen Sorgen, weil der Prozess sehr technologiegetrieben ist, ohne dass ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess stattfindet.

Worin besteht die zweite Utopie?

BLEES: In sogenannten Small Sized Electric Vehicles (SEV), also kleinen, elektrisch angetriebenen Fahrzeugen, wie dem Renault Twizy, Segways oder Kickboards. Viele sind im öffentlichen Straßenraum nicht zugelassen, werden aber trotzdem schon verkauft und könnten möglicherweise nützlich sein. Wenn man es schaffen würde, mit einer Kombination aus ÖPNV und elektrischem Tretroller jemanden vom Auto wegzubringen, wäre schon was gewonnen. Auch hier sind aber noch viele Fragen ungeklärt, etwa, ob diese Fahrzeuge auf dem Gehweg, der Rad- oder der Autospur fahren sollen. Die Antworten auf diese Fragen werden darüber entscheiden, inwieweit sich SEVs durchsetzen.

Und die dritte zukunftsweisende Entwicklung?

BLEES: Drohnen, sei es als Taxidrohne für Passagierverkehr, sei es als Lieferdrohne. Technologisch wäre das wohl bald möglich, ich sehe darin aber kein echtes Lösungspotenzial.

Warum?

BLEES: Zum einen bekommen wir ein zusätzliches Lärmproblem. Außerdem habe ich, wenn ich im dritten Stock wohne, keine Lust, dass ständig jemand am Fenster vorbeifliegt. Und auch unter Umweltgesichtspunkten sind Drohnen problematisch.

Aber die fliegen doch bestimmt alle elektrisch.

BLEES: Ja, aber es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ich ein Zehn-Kilo-Paket auf der Straße fortbewege oder ob ich es erstmal 10 oder 100 Meter in die Luft transportieren muss. Dafür brauche ich deutlich mehr Energie, auch wenn es Ökoenergie ist. Und es geht ja nicht nur darum, Benzin zu sparen, sondern Ressourcen. Von städtebaulichen Fragen mal ganz abgesehen: Wo sollen die denn landen?

Na ja, auf dem Gehweg?!

BLEES: Etwas unangenehm für Fußgänger, wenn sie ständig nach oben schauen müssen, oder? Und wie geht es weiter: Klingelt die Drohne dann? Oder ortet sie mich und fliegt mir hinterher? Ich bin kein Technologiefeind, aber mir fehlt noch die Fantasie, wie Drohnen ohne einen weitreichenden Umbau unserer Städte Verkehrsprobleme lösen könnten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare