+
Am Obst- und Gemüsestand erklärte Volker Stein (rechts) im Gespräch mit Redakteur Günter Murr die geschmacklichen Vorzüge der Flugananas.

OB-Wahl

Volker Stein liebt die Kleinmarkthalle (darf aber nicht kochen)

  • schließen

Die Kleinmarkthalle ist einer der Lieblingsorte von Oberbürgermeister-Kandidat Volker Stein. Hier kann er sich ganz als traditionsbewusster Frankfurter mit Draht zu den kleinen Leuten zeigen. Zutaten fürs abendliche Menü kauft er aber nicht ein. Denn das könnte gefährlich werden.

Wenn man mit Volker Stein durch die Kleinmarkthalle bummelt, bekommt man schnell den Eindruck, er kenne hier jeden. „Meine Stimme hast du“, ruft ihm ein Händler zu. Der ist gut vernetzt im traditionsreichen Frankfurter Genusstempel. Nicht nur, weil er vor einigen Jahren als Stadtrat für die Marktbetriebe zuständig war. Etwa zwei Mal die Woche ist er hier zu Gast, lässt sich zum Beispiel beim Italiener auf der Galerie hausgemachte Pasta schmecken. Für den kleinen Hunger gibt’s bei Frau Schreiber im Erdgeschoss ein Viertel Fleischwurst. „Natürlich mit Brot, nicht mit Brötchen“, gibt sich der 67-Jährige traditionsbewusst. Er ist stolz darauf, dass er die Modernisierung des 50er-Jahre-Baus stoppte.

Auch deshalb ist er beliebt in der Kleinmarkthalle. Er hat dort nicht das Image des harten Ordnungspolitikers, mit dem er derzeit Wahlkampf macht. Bei Nela Massi trinkt er Prosecco mit hausgemachtem Limoncello, plaudert mit ihr über die Nöte der Händler. Die Italienerin musste ihre Auslage umräumen, weil sie den ihr zugewiesenen Raum um ein paar Zentimeter überschritten hat. Stein hat dafür kein Verständnis. „Ich bin Fachmann dafür, bis an die Grenzen der Vorschriften heranzugehen“, sagt er. Überschritten habe er die Grenzen aber in seiner Zeit als Dezernent nie. „Es hat niemand gegen mich geklagt.“ Beim Umgang mit bürokratischen Vorschriften zeigt er sich als Liberaler, der er laut FDP-Parteibuch auch ist.

Stein schlendert an den Ständen entlang, kauft Käse und Bauernbrot, aber keine Zutaten für ein abendliches Menü. Das ist nicht sein Ding. „Einmal habe ich gekocht, da hat meine Frau gesagt, ich hätte sie fast umgebracht“, sagt er. Bei dem Reserveoffizier wird selbst der Kochlöffel zur Waffe. Deshalb überlässt er die Küche gerne seiner Elke („eine hervorragende Köchin“), die er 2008 erst geheiratet und dann von der SPD zur FDP gelotst hat. Das Paar wohnt in Niederrad, Stein hat aber auch einen Zweitwohnsitz in Heusenstamm im Landkreis Offenbach, wo er Ende der 80er Jahre hauptamtlicher Kreisbeigeordneter war.

Nachdem Volker Stein 2013 aus dem Magistrat ausschied, hätte er sich ganz altersgemäß dem Golfen (Handicap 27,5) widmen können. Aber einen beschaulichen Ruhestand konnte er sich nicht vorstellen. Der Oberst der Reserve ließ sich von der Bundeswehr stärker in die Pflicht nehmen, wirkte beim Ausbau des Heimatschutzes mit. Doch die Politik ließ ihn nicht los. Was treibt ihn an? „Es ist wie bei einem Zirkuspferd“, sagt er. „Wenn es die Musik hört, muss es loslaufen.“ Und so stürzte er sich in einen Wahlkampf, den die meisten für aussichtslos halten – außer ihm. „Ich komme gegen Peter Feldmann in die Stichwahl“, ist er überzeugt.

Nur wer von sich überzeugt ist, kann gewinnen: Diese Erkenntnis hat er beim Fußball gewonnen, den er als Student (Lehramt für Sport und Religion) für sich entdeckte. „Ich war ein guter Verteidiger, so ein Berti-Vogts-Verschnitt.“ Fußballspielen klappt heute nicht mehr. Stattdessen geht Stein Joggen, am Main oder im Stadtwald. Zwei Mal die Woche – außer, er hat keine Zeit. Oder es ist schlechtes Wetter. Im Winter geht er Skifahren, verbrachte viele Urlaube mit dem CDU-Politiker Boris Rhein und dessen Familie.

Politik und Privatleben waren bei Volker Stein von Geburt an miteinander verbunden. Sein Vater Paul, der im vergangenen Jahr im Alter von 97 Jahren gestorben ist, war lange für die FDP im Stadtparlament und im Magistrat. Stein scheint dieses politische Element im Privatleben zu brauchen. Nicht nur seine heutige Frau ist FDP-Politikerin. Er war auch mal mit Nicola Beer verheiratet, der heutigen Generalsekretärin der Freien Demokraten. Seine Zwillinge stammen aus dieser Beziehung. Volljährig sind die Jungs mittlerweile. Einer studiert Informatik, der andere absolviert eine duale Ausbildung bei der Commerzbank. „Sie sind gut geraten“, sagt er stolz. „Das konnte mein Vater über mich nicht behaupten, als ich 18 Jahre alt war.“

Er sei kein guter Schüler gewesen, erzählt er. Zwei Mal ist er sitzengeblieben. Statt zu lernen hat er lieber als Bassist in der Rock’n’Roll-Band „The Moove“ gespielt. „Den Verstärker habe ich heute noch.“ Er nutzt ihn aber nicht mehr, Rock und Soul sind längst vorbei. Heute höre er vor allem „gute Märsche“ – der Reserveoffizier lässt kein Klischee aus. Und bei Opern zieht es ihn zu Stücken wie „Zar und Zimmermann“ und „Hänsel und Gretel“, aber nicht zu „Inszenierungen, in den die Sänger in SS-Uniformen auftreten“. Da ist der Liberale dann doch ein Konservativer.

Und ein Gläubiger. 35 Jahre lang war Volker Stein im Kirchenvorstand der Festeburggemeinde in Preungesheim, 18 Jahre lang gehörte er dem Vorstand des Evangelischen Regionalverbands an. Als guter Protestant bezeichnet er sich dennoch nicht. Und er sieht seine Kirche mitunter auch sehr kritisch, wenn sie sich zum Beispiel politisch äußert oder gegen Banken protestiert. „Die Kirche gibt keine Ordnung in Glaubensfragen.“

Volker Stein hat seine Pasta mittlerweile aufgegessen, wendet sich zum Gehen. „Kennst du mich noch?“, ruft ihm ein Mann am Nebentisch zu. Stein zögert, dann fällt es ihm ein: Es ist ein früherer Mannschaftskamerad aus Fußballzeiten. Und natürlich verspricht auch der, für Volker Stein zu stimmen. „Hier in der Kleinmarkthalle habe ich 80 Prozent“, sagt der OB-Kandidat. Zumindest an seinem Frankfurter Lieblingsort darf er das Gefühl haben, die Wahl schon gewonnen zu haben.

Morgen geht’s weiter

Diese Woche stellen wir jeden Tag einen OB-Kandidaten vor, mit dem wir uns an seinem Lieblingsort getroffen haben. Morgen geht es weiter mit Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne).

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare